Der ehemalige Personalvorstand der Deutschen Telekom, Thomas Sattelberger, erklärt im Interview, warum Frauen immer noch weniger verdienen als Männer. Und was man dagegen tun kann.
Ja. Sie argumentieren fordernder und hartnäckiger als Frauen, das zeigen alle Studien und entspricht auch meinen eigenen Erfahrungen. Ich habe mit Männern verhandelt, die waren so penetrant, dass ich dachte ‚Schämst du dich eigentlich gar nicht’? Nicht nur bei Grundvergütung, auch bei Einstiegsprämien, Höhe der Umzugskosten, Gebühren für die internationalen Privatschulen ihrer Kinder, den Umfang der variablen Vergütung, die Absicherung der variablen Vergütung bei einem Wechsel und, und, und. Der Kreativität sind da keine Grenzen gesetzt. Damit ist die Hartnäckigkeit fast ein Grund, vom Bewerber abzusehen.
Ich würde den Frauen erstmal nicht die Schuld zuschieben, sondern zuallererst vielen Unternehmen. Sie nutzen es aus, dass Frauen schwächer verhandeln. Richtig ist allerdings, dass Frauen lernen müssen, sich bei Geld und Vergütungsverhandlungen zu behaupten.
Meine Zunft ist häufig auf dem Geschlechterauge blind. Ich hatte als Telekom-Personalvorstand vor Jahren begonnen, das Thema Equal Pay gründlich prüfen zu lassen. Meine Mitarbeiter gaben Entwarnung, wir hätten kein Problem. Ich wollte die Analyse selbst sehen und entdeckte signifikante Abweichungen in zwei Bereichen. Bei Führungspositionen in der IT und im Marketing verdienten die Frauen 15-25 Prozent weniger als die Männer.
Ich habe die Gleichwertigkeit der Positionen prüfen lassen. Das war in der Tat so. Dann wurden die Gehälter in zwei Schritten erhöht und so die Lücke geschlossen.
Es ist arrogant und ungerecht zu sagen, Frauen haben Brüche in ihren Lebensläufen und deshalb verdienen sie zu Recht weniger. Das beschreibt zwar den Status quo treffend. Aber wie kann das eigentlich sein? Wir bezahlen doch nicht nach Sitzfleisch, sondern nach Leistung und Fähigkeiten. Auszeiten und Teilzeit dürfen in modernen Vergütungsphilosophien keine Rolle spielen. Das würde sich kein Mann gefallen lassen.
Das halte ich für ein ausgesprochenes Vorurteil. Das Ideal der ununterbrochenen Karriere ist eine sehr männlich geprägte Vorstellung. Wenn wir immerzu von diesem einen Modell ausgehen, dann haben Frauen signifikant geringere Karrierechancen und werden zudem noch schlechter vergütet. Und zwar bis in alle Ewigkeit. Das nenne ich Diskriminierung.
Ich glaube nicht an Freiwilligkeit. Eine Mehrheit der Personaler in Deutschland hat wenig Gespür dafür, was in modernen Gesellschaften Fairness in Bezug auf Geld, Karriere, Macht und Arbeitszeit bedeutet.
Die Firmen müssen sich zu einem jährlichen Reporting ihrer Vergütungsstruktur verpflichten beziehungsweise verpflichtet werden. Das würde sie zwingen, ihre Praktiken systematisch zu analysieren und mögliche Ungleichheiten zwischen Männern und Frauen zu begründen. Ein solcher Veröffentlichungsdruck schafft Transparenz. Und die wirkt häufig Wunder.