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Bologna-Reform: Alle haben versagt

Die Proteste der Studenten gegen die neuen Studienabschlüsse Bachelor und Master halten an. Hochschulpolitiker und Professoren machen sich gegenseitig für die verkorkste Reform verantwortlich. Wer trägt wirklich die Schuld?

Von Sven Becker

Anette Schavan reicht kritische Fragen zur Studienreform gerne an die Universitäten weiter. "Die Hochschulen legen viel Wert auf ihre Autonomie", sagte die Bundesbildungsministerin unlängst in einem Fernsehinterview. "Dann ist jetzt auch zu erwarten, dass sie die Reform gut umsetzen." Auch ihr Kollege Lutz Stratmann, Wissenschaftsminister in Niedersachsen, sieht die Schuld bei den Hochschulen. Sie hätten aus Diplom und Magister einfach einen Bachelor gemacht: "Es kann nicht sein, dass ich versuche, alten Wein in neue Schläuche zu pressen", sagte Stratmann im Deutschlandfunk. "Das ist an vielen Hochschulstandorten geschehen."

Rektoren und Präsidenten spielen den Ball wütend wieder zurück. Bei der Hochschulrektorenkonferenz verabschiedeten sie eine Resolution, in der sie den Bundesländern schwere Vorwürfe machen. Die neuen Studiengänge seien unterfinanziert und überreguliert. Die Länder hätten es versäumt, "an wesentlichen Punkten Rechtssicherheit und Verlässlichkeit zu schaffen".

Wer ist also Schuld an dem Desaster, das Studenten auf die Straße treibt und Hörsäle besetzen lässt? Der Staat oder doch die Hochschulen? Und welche Rolle haben in den vergangenen Jahren eigentlich die Studenten gespielt? Ein Rückblick zeigt, wie alle Seiten zum Scheitern der Bildungsreform beigetragen haben.

Die Hochschulpolitiker warfen die Bologna-Reform wie eine tote Katze über den Zaun

1999 unterzeichneten europäische Bildungsminister die Bologna-Erklärung - und forderten darin die Vereinheitlichung des europäischen Hochschulraumes bis 2010. Für Deutschland unterschieb die damalige Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn. Viele Länderkollegen, die für die Umsetzung zuständig waren, konnten mit Bachelor und Master zunächst wenig anfangen. "Zu Beginn des Jahrzehnts hat die Politik die Reform wie eine tote Katze über den Zaun geworfen", sagt Thomas Sattelberger, Personalvorstand der Deutschen Telekom.

Aufwind bekamen die neuen Studienabschlüsse erst in der allgemeinen Debatte über die Reformbedürftigkeit Deutschlands in einer globalisierten Welt. "Es kann nicht in Ordnung sein, dass man in Deutschland an den meisten Universitäten 20 Semester kostenlos studieren kann", sagte Guido Westerwelle im Herbst des Jahres 2003. Der Bummelstudent wurde zum Synonym für Trägheit und die verkrusteten Strukturen im Lande. Gerne verwiesen Bachelor-Freunde auf andere europäische Länder, in denen Akademiker schon nach sechs Semestern fertig waren.

Die Mahner hatten Erfolg. In den meisten Hochschulgesetzen wurden Bachelor und Master ab 2005 zu Regelabschlüssen erklärt. Bundesländer wie Bayern knüpften Investitionen an die schnelle Umsetzung der Reform - was viele Hochschulen zur übereilten Abschaffung der etablierten Magister- und Diplomstudiengänge veranlasste.

Bei der Akkreditierung der neuen Studiengänge wollten die Hochschulpolitiker alles neu machen

Auch bei der Qualitätssicherung der neuen Studiengänge entschieden die Bildungsminister, ab jetzt alles anders zu machen: Anstatt die Studiengänge selber zu überwachen, verließen sich die Bundesländer auf ein Netz so genannter Akkreditierungsagenturen. Darin sitzen bis heute Experten und Vertreter der Hochschulen zusammen und entscheiden, ob ein Studiengang gut gemacht ist oder nicht.

Als Entscheidungsgrundlage dienen lose Vorgaben der Bildungsminister, die sich in alle Richtungen interpretieren lassen. Dabei rutschen den Akkreditierungsagenturen immer wieder Studiengänge durch, die von den Studenten kaum zu bewältigen sind. "Es ist ein Skandal, dass Studiengänge akkreditiert wurden, die heute als nicht studierfähig bezeichnet werden", sagt der Hochschulforscher Peer Pasternack von der Universität Halle-Wittenberg. "Da muss man sich die Frage stellen, worauf die eigentlich geachtet haben."

An den Hochschulen verdarben Reformgegner wie Befürworter die Umstellung auf Bachelor und Master

Mit Ausnahme weniger Universitäten ließen sich die meisten deutschen Hochschulen sehr lange Zeit mit Bachelor und Master: Ende 2003 waren gerade mal 23 Prozent aller Studiengänge umgestellt. Die Studienreform war unbeliebt, viele Lehrende empfanden tiefe Abscheu gegen die Verschulung des Systems. Erst als der Druck von der Politik zu groß wurde, setzten sie sich notgedrungen mit den neuen Abschlüssen auseinander. Hast und Unerfahrenheit sorgten dann für ausufernde Stundenpläne und Klausurenstress.

"Bei uns gab es große Abstimmungsprobleme zwischen den einzelnen Fächern", sagt Kristin Bührig, Studiendekanin der Geisteswissenschaftlichen Fakultät an der Uni Hamburg. Manche Studenten ihrer Fakultät müssten jetzt in sechs Wochen fünf Hausarbeiten schreiben. "Eine didaktische Katastrophe", sagt Bührig.

Nicht nur die Reformverweigerer vermasselten die Umstellung. An den Unis gab es ebenso ehrgeizige Reformer, die sich nach volleren Studentenplänen sehnten. Langzeitstudenten, die nach 15 Semestern im Grundstudium verharrten, sollten endlich aussortiert werden.

In ihrem Eifer übertrieben es viele Reformer und entwickelten Studiengänge mit 30 Semesterwochenstunden, Anwesenheitspflicht und unzähligen Prüfungen. Wer das nicht schaffte und schlechte Noten schrieb, sollte keinen Platz in den Master-Programmen bekommen - was den Druck auf die Studenten noch erhöhte. Der Hochschulforscher Peer Pasternack kommt zu einem niederschmetternden Urteil: "Die Hochschulen haben bei der der Belastung der Studenten, dem so genannten Student Workload, versagt."

Die Mehrheit der Studenten hat die Reform einfach über sich ergehen lassen

Auch wenn die Proteste in diesem Herbst von mehr Studenten unterstützt werden als in den letzten Jahren - die Mehrheit verzichtet auf den Streik und geht lieber in die Vorlesungen. Das könnte an der ideologischen Überfrachtung des Bildungsstreiks durch linke Kommilitonen liegen, aber auch an der Bereitschaft vieler Studenten, die Verschulung ihres Studiums hinzunehmen. Das zeigt auch die Erfahrung vieler engagierter Studenten in den Gremien: Nur selten verirrte sich ein Kommilitone freiwillig in die Sitzungen, wenn es um die neuen Studienabschlüsse ging.

Auf die Genügsamkeit der meisten Studenten deutet auch eine repräsentative Studie der Universität Konstanz aus dem vergangenen Jahr hin. Dabei fühlte sich mehr als jeder zweite Student gut betreut. Noch nie seit Einführung der Umfrage im Jahr 1983 waren Deutschlands Nachwuchsakademiker so zufrieden mit ihren Studienbedingungen - trotz Bachelor und Master.