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20. Juli 2008, 10:10 Uhr

Die Spur der Steine

Der Baustoffhersteller Xella, Tochter des Haniel-Konzerns, hat jahrelang Abfallprodukte aus Kohlekraftwerken in Kalksandsteine gemischt. In vielen Neubauten zersetzen sich die Wände. Ein Horror für die Eigentümer. Anatomie eines Bauskandals. Von Rolf-Herbert Peters

Eckhard Cordes managt seit 2006 das Duisburger Familienunternehmen Haniel, zu dem auch Xella gehört© Franz-Peter Tschauner/dpa

Im Jahr 1998, zwei Jahre nach dem Einzug in das neue Heim, begann die Doppelhaushälfte der Familie Murr* in Moers zu zerfallen. Tiefe Risse zogen sich durch die Wand des Treppenhauses, so breit, dass eine Messerklinge hineinpasste. Im Badezimmer rissen die Kacheln und fielen zu Boden. Die Mauersteine, die sich dahinter zeigten, wirkten aufgebläht wie nasse Kreide. Die Duisburger Firma Küppersbau, die heute Küppers Living heißt und das Haus errichtet hatte, konnte sich die Vorgänge nicht erklären. Reinhard Murr erinnert sich: "Man hat uns gesagt, da sei wohl Restfeuchtigkeit vom Bauen in den Mauern. Wir sollten besser lüften."

Nicht nur die Murrs suchte der Steinfraß heim. Nachbarn aus dem Buchsbaumweg, Buchenweg, Robinienweg und der Ulmenstraße, aber auch Bewohner in Ratingen und Duisburg entdeckten ähnliche Schäden. Das gleiche Phänomen befiel das Gebäude der Firma Defo in Frankfurt, das Schwimmbad von Kaldenkirchen oder das Evangelische Altenwohnheim in Neukirchen- Vluyn. Kalksandsteine blühten im Mauerwerk aus und drohten unter der eigenen Last zu zerbrechen. Es folgten jahrelange Auseinandersetzungen mit den Baufirmen, die an den Nerven der Eigenheimbesitzer zerrten. "Da sind manche Ehen dran kaputtgegangen", sagt Gisela Murr.

Was den Bauherren lange rätselhaft schien, kommt nun in ganzer Dimension ans Licht: Die Kalksandsteine der Haniel- Baustoffwerke sind der Grund. Die Firma ist Teil des Haniel-Konzerns, dem auch der Kaufhof, Media Markt und der Arzneigroßhändler Celesio gehören. Die Haniel-Baustoffwerke haben nach internen Unterlagen, die dem stern vorliegen, über rund acht Jahre Steine aus billigem Kalk aus Kohlekraftwerken hergestellt und sie ohne weitere Hinweise in den Markt gebracht. Das untergemischte Material gilt als Müll, der normalerweise wiederaufbereitet wird. Die Firma wollte Kosten sparen. Dabei war das Unternehmen von vornherein durch ein Gutachten gewarnt, dass durch die Billigzutaten schwere Folgeschäden auftreten könnten.

Bis heute konnten die Haniel-Baustoffwerke, die inzwischen unter dem Namen Xella firmieren und mit Baustoffen über 1,3 Milliarden Euro pro Jahr umsetzen, mit dem wahren Ausmaß der Schäden hinterm Berg halten. Das Image durfte nicht leiden, schließlich will der Mutterkonzern Haniel die Tochter zu einem guten Preis verkaufen. Angeblich soll Xella in diesen Tagen für knapp zwei Milliarden Euro an die Finanzinvestoren PAI Partners und Goldman Sachs gehen. Haniel-Chef Eckhard Cordes will so einen Teil der Schulden finanzieren, die er für den Zukauf des Handelskonzerns Metro machen muss.

Möglicherweise eine der größten Bauaffären der vergangen Jahrzehnte

Im vergangenen Jahr hat Xella den Einsatz des Kraftwerkskalks bereits vorsichtig eingeräumt: "Nur ein kleinerer Teil der Gesamtproduktion war überhaupt betroffen", hieß es in einer Pressemitteilung. In einer Stellungnahme gegenüber dem stern gibt der Haniel-Konzern zu, dass es aufgrund des eingesetzten Kalks "bei einer dauerhaften Durchnässung, beispielsweise bei unzureichend gegen Nässe isolierten Kellerwänden" zu Schäden kommen könne. Man habe aber "alles Notwendige getan, was rechtlich und faktisch geboten" war, zudem habe "zu keiner Zeit Gefahr für Leib und Leben bestanden".

Firmeninterne Unterlagen legen dagegen den Schluss nahe, dass das, was Haniel in seinen Fabriken produzierte, Baustein für eine der größten Bauaffären der vergangenen Jahrzehnte sein könnte. Das Fundament für den Skandal wurde bereits in den 80er Jahren gelegt. Damals suchte man bei den Haniel-Baustoffwerken nach Wegen, die Kalksandsteinproduktion zu verbilligen. Vor allem sollte der teure Branntkalk eingespart werden, der bei der Herstellung der Steine im Verhältnis von eins zu zwölf mit Sand gemischt wird. Dabei stießen die Haniel-Leute auf das Abfallprodukt: Kalk, der bei der Rauchgasentschwefelung in Steinkohlekraftwerken eingesetzt wird.

Eine verlockende Zutat: Es gab ihn umsonst. Der Kraftwerksbetreiber erstattete sogar die Kosten für den Abtransport mit 17 Mark pro Tonne. Haniel entschied, dass dieser Kalk einen Teil des Branntkalks im Produktionsprozess ersetzen solle.

Sieben Produktwarnungen

Am 1. Oktober 1987 kam es zum Vertrag mit der Industrieberatung und Handels GmbH, Entsorger der Düsseldorfer Kohlekraftwerke Flingern und Lausward. Darin verpflichtete sich Haniel, zehn Jahre lang jährlich bis zu 40.000 Tonnen Kraftwerkskalk abzunehmen. Ein halbes Jahr später folgte ein zweiter Liefervertrag mit der Essener Firma Montan-Entsorgung.

Fortan, so erinnert sich ein ehemaliger Mitarbeiter, soll der Kraftwerkskalk in die Kalksandsteinfabriken Issum, Ratingen und Kalscheuren transportiert worden sein. Dort sollen je drei Maschinen insgesamt rund 360.000 Steine am Tag produziert haben, vorwiegend die Formate 2DF und 3DF, 24 Zentimeter breit und 11,3 Zentimeter hoch, wie sie oft beim Bau von Ein- und Mehrfamilienhäusern verwendet werden. Zu den Details der Produktion wollte sich Haniel gegenüber dem stern nicht äußern. Erst am 30. Juni 1995, nach acht Jahren, endeten diese Lieferbeziehungen vorzeitig. Die letzten Problemsteine kamen im Mai 1996 in den Handel.

Gefunden in ... Stern Stern
Ausgabe 29/2008

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