Fernbusse rollen auf unsicheres Terrain

29. Dezember 2012, 09:41 Uhr

Ab 2013 dürfen Fernbuslinien deutsche Städte miteinander verbinden. Die Unternehmer setzen auf preisbewusste Kundschaft. Doch für wen der Markt eine Goldgrube wird, ist bisher schwer abzuschätzen.

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Wegen einer Sonderregelung fahren Fernbusse schon seit Jahren nach Berlin. Ab 2013 dürfen auch andere Ziele mit Fernbussen angesteuert werden.©

Es soll der Startschuss für eine neue Ära im deutschen Reiseverkehr sein: Am 1. Januar 2013 enden historische Beschränkungen, die Busse auf den Autobahnen seit mehr als 70 Jahren ausbremsen. Künftig sollen Reisende in Fernbusse steigen können, die auf Linien zwischen deutschen Städten rollen - als günstige Konkurrenz zu Mitfahrzentralen, Billigfliegern und den Fernzügen der Bahn. Erste Anbieter locken schon mit Schnäppchentickets. Wie schnell sich ein Massenmarkt entwickeln kann, muss sich aber zeigen.

Dass nach dem Neujahrstag große Fernbus-Flotten ausschwärmen, ist jedenfalls nicht zu erwarten. "Der große Knall kommt nicht", heißt es beim Bundesverband Deutscher Omnibusunternehmer (BDO). Das liegt nicht nur daran, dass Wintertage mit ungewissen Straßenverhältnissen nicht gerade als ideale Startzeit für neue Angebote gelten. Denn nach der Gesetzesänderung durch eine große Bus-Koalition aus Union, FDP, SPD und Grünen im Herbst braucht es auch organisatorischen Vorlauf.

Schutz für die Eisenbahn läuft aus

Die aus den 1930er Jahren stammende Schutzklausel für die Schiene fällt jetzt weg. Deswegen wurden Fernbuslinien bisher in der Regel nicht genehmigt, wenn es parallel eine Zugverbindung gibt. Ein gewisser Rahmen bleibt aber. Beantragen müssen Busfirmen Linien weiterhin, und für Haltestellen gelten 50 Kilometer Mindestabstand. Das soll verhindern, dass Fernbusse insgeheim lukrative Strecken im Nahverkehr ins Visier nehmen, der mit Steuergeld finanziert wird.

Schon vor oder pünktlich zum 1. Januar haben sich junge Start-up-Firmen mit sprechenden Namen wie "Deinbus" oder "MeinFernbus" in Stellung gebracht. Sie haben keine eigene Flotte, sondern vermarkten Bus-Tickets per Internet, die Fahrzeuge stammen von mittelständischen Kooperationspartnern. Und auch etablierte Anbieter sind schon startklar. So bietet die Deutsche Touring aus Frankfurt auf Fahrten ins Ausland innerdeutsche Tickets an. Der zum selben Konzern gehörende britische Anbieter National Express plant ebenfalls eigene Linien.

Markt birgt hohes Potenzial

Für einige Verwunderung in der Branche sorgten die Post und der Autofahrerclub ADAC mit der Ankündigung, den Aufbau eines eigenen Fernbusnetzes bis 2014 prüfen zu wollen. "Wenn die Politik Märkte liberalisiert und dann zusieht, wie ein ehemaliger Staatskonzern dick mitmischen will, wird der deutsche Mittelstand in die Röhre schauen", warnt BDO-Präsident Wolfgang Steinbrück. Nicht bange wird dabei den Verantwortlichen von MeinFernbus, wie Sprecher Florian Rabe sagt: "Der Markt ist groß genug für drei bis vier Unternehmen. Zu denen werden wir gehören, auch weil wir 2013 zum Ausbau nutzen."

Bislang ist der Markt eher ein zartes Pflänzchen, nachdem historisch nur für Berlin eine Ausnahme vom Fernbus-Verbot galt - zu Zeiten der deutschen Teilung sollte der Westteil gut erreichbar sein. Zuletzt hatten Fernbusse gerade einmal zwei Millionen Inlandskunden im Jahr, die Fernzüge der Deutschen Bahn aber 125 Millionen. Die Verbraucherzentralen erwarten dennoch heilsamen Druck auf das Staatsunternehmen. Die müsse sich dem Wettbewerb stellen und auch seine Preisgestaltung überdenken, sagt Verbraucher-Vorstand Gerd Billen. "Wie jetzt gerade wieder die Preise zu erhöhen nach dem Motto "Alles wird teurer", ist keine vielversprechende Strategie."

Der bundeseigene Transportriese - mit 14.000 Bussen und 30 Fernlinien zugleich größter Busbetreiber der Republik - will vorerst in Wartestellung bleiben. Der Markt sei momentan nicht so attraktiv, um als Vorreiter in einen Ausbau der Aktivitäten zu investieren, sagte Personenverkehrsvorstand Ulrich Homburg von der Bahn noch kurz vor Weihnachten. Allerdings sei man "jederzeit reaktionsfähig" und beobachte die Entwicklung. "Wir haben ein fertiges Konzept für ein Fernbusliniennetz in Gesamtdeutschland in der Schublade."

Konkurrenz eher aus dem europäischen Ausland

Inwiefern Fernbusse den Zügen Fahrgäste abjagen, muss sich erst erweisen. Vor allem Jüngere mit schmalem Geldbeutel und Ältere sind die Zielgruppe der billigeren Verbindungen über die Autobahn - diese dauern aber meist deutlich länger als im ICE. Die Bahn taxiert das Umsatzpotenzial des Fernbuslinienmarkts auf 150 bis 300 Millionen Euro im Jahr - ihre Fernzüge kommen auf satte 3,8 Milliarden Euro.

"Es werden schon noch Große kommen", sagt Christian Janisch vom Offenbacher Start-Up Deinbus, der noch nicht an die Kombination ADAC/Post glaubt. Konkurrenten drängen seiner Einschätzung nach eher aus dem europäischen Ausland herein, was man aber entspannt sehe: "Wir fahren schon, und wir werden im kommenden Jahr noch richtig drauflegen." Dann will das Unternehmen auch in die Gewinnzone rollen.

Ein großes Fragezeichen steht indes hinter geeigneten Haltepunkten und Busbahnhöfen für die Neulinge. Das zentrale Frankfurt am Main gilt bereits als Nadelöhr, wie es bei MeinFernbus heißt. Neue Busse müssen am Hauptbahnhof um die wenigen Stellplätze mit Charter- und Linienbussen nach Osteuropa konkurrieren. In Stuttgart weichen Busse auf S-Bahn-Stationen oder den Flughafen aus. Vorbildlich sei München, sagt Deinbus-Gründer Janisch: "Dort liegt der Busbahnhof zentral, alles ist überdacht, es gibt Geschäfte und Büros. So sollte es sein."

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