Häuser, Fabriken, Wälder, Konten - der stern hat Inventur gemacht: Das Vermögen der Deutschen beträgt neun Billionen Euro. Doch der Wohlstand ist ungleich verteilt. Wer profitiert am meisten von dem enormen Volksvermögen? Ein Bestandsreport mit hoch spannenden Resultaten.

Die Deutschlandfahne vor dem Reichstag in Berlin. Das Bauwerk gehört der Bundesrepublik Deutschland. Insgesamt beträgt das Sach- und Finanzvermögen des Staates (vor allem Gebäude und Grundstücke) rund 1,75 Billionen Euro© Norman Konrad für Johann Sebastian Hänel
Es wird Nacht in Coburg. Im Gesellschaftsraum der Arbeiterwohlfahrt brennt noch Licht. 13 Damen, 37 bis 70 Jahre alt, sitzen vor gut gefüllten Sektflöten und diskutieren nervös über BMW, MAN, Siemens. Hier tagt der Aktienclub Miss Moneypenny. Gestern sind die Börsen weltweit abgestürzt und haben auch den Wert des Club-Depots gedrückt - um gemeine sieben Prozent. "Wir dürfen jetzt nicht die Nerven verlieren", sagt Monika Rakisch, die Vorsitzende.
Alle Vierteljahre zahlen die Frauen 150 Euro in die Gemeinschaftskasse, um sich über die Börse bei Unternehmen einzukaufen und durch Kurszuwächse und Dividenden das Vermögen zu vermehren. Im Club-Depot liegen auch fünf Porsche- Aktien. Sie haben sich schon wieder kräftig erholt. Fünf Aktien von 8,8 Millionen Stück - das ist nicht gerade die Welt. Aber so gehört ihnen ein Teil des erfolgreichen Automobilherstellers. Und somit - wie den anderen 10,5 Millionen deutschen Aktionären - ein Teil der drittgrößten Volkswirtschaft der Erde.
Deutschland, dein Eigentum. Jedes Gut, ob materiell oder immateriell, ob groß, ob klein, hat einen Besitzer: Wälder und Seen, Unternehmen und Eigenheime, Straßen und Bahnhöfe, Kathedralen und Kneipen, Schatzbriefe und Schlösser. Und alles hat seinen Wert. Selbst wenn die reichsten Länder von China bis zu den Emiraten ihre Staatsfonds zusammenlegen würden (addiert rund 2,3 Billionen Euro), könnten sie Deutschland nicht kaufen: 8,9 Billionen Euro beträgt das Volksvermögen, wie die Deutsche Bundesbank für den stern ermittelt hat. Die Zahl ergibt sich, wenn man alle Sach- und Finanzvermögen von Privatleuten, Unternehmen und öffentlichen Einrichtungen zusammenrechnet (ohne Gebrauchsgüter wie Möbel oder Fernseher) und die Schulden davon abzieht.
Doch wem gehört Deutschland wirklich? Wer profitiert am meisten von dem enormen Volksvermögen? Die Wirtschaftsbosse? Die Reichen? Die Kirchen? Der Staat? Oder doch das Volk? Sind die Menschen im Osten schlechter dran als im Westen? Und stimmt es, dass sich die Republik zum großen Teil in der Hand ausländischer Investoren befindet? Der stern hat sich auf die Suche nach den Antworten gemacht, Ämter und Archive konsultiert, Menschen getroffen, die ein Stück Deutschland ihr Eigen nennen.
Gleich die erste Erfahrung war verblüffend: Obwohl hierzulande alles gezählt wird, gibt es keine Stelle, die die Eigentumsverhältnisse auch nur halbwegs überblickt. Das Statistische Bundesamt kann zwar die Zahl der Zweizimmerwohnungen seit Kriegsende benennen - aber nicht, wem sie gehören oder was sie wert sind. Beim Staatsbesitz muss sogar das Bundesfinanzministerium passen: Die Beamten haben gerade erst begonnen, das Eigentum der öffentlichen Hand zusammenzutragen und es zu bewerten. Achselzucken auch bei den Kirchenoberen, vor allem bei den katholischen: Sie kennen nicht einmal die exakte Zahl der eigenen Gebäude, weil dies in nicht gewinnorientierten Organisationen niemanden interessieren muss.
Auch Höhe und Verteilung des Vermögens von Privatleuten liegen nicht wirklich offen. Zudem ändert es sich ständig: Bis 2015 stehen wohl rund 2,5 Billionen Euro zur Vererbung an. Zwar publizieren staatliche Organisationen, Institute und Banken immer wieder Studien, die wissen wollen, was die Deutschen auf der hohen Kante haben. Doch die Ergebnisse klaffen - je nach Methode und Absicht - weit auseinander. Im September vergangenen Jahres beispielsweise jubelte die Allianz, die deutschen Haushalte besäßen insgesamt 10,3 Billionen Euro. Zwei Monate später meldete das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), es seien nur 5,4 Billionen. Während die einen Experten Daten der Banken zusammenzählen, ohne zu wissen, wem das Geld auf den Konten tatsächlich gehört, machen die anderen Forscher persönliche Umfragen, ohne sicher zu sein, ob ihnen Guthaben verschwiegen werden. Der unabhängigen Bundesbank zufolge liegt die Wahrheit für das Vermögen der privaten Haushalte etwa in der Mitte: bei 7,5 Billionen Euro.
Am einfachsten ist es, den 357.092 Quadratkilometern deutschen Grund und Boden unterschiedlichen Gruppen von Eigentümern zuzuordnen. Zumindest im Westen. Die letzte umfassende wissenschaftliche Untersuchung erschien zwar schon 1974, also 16 Jahre vor der Wiedervereinigung, doch die Verhältnisse haben sich nach Expertenmeinung nicht grundlegend geändert. Hiernach sind zwei Drittel der Fläche der alten Bundesländer in privater Hand: Land- und Forstwirte besitzen 34 Prozent, Privatpersonen 22 Prozent, Gemeinschaftseigentümer 5,5 Prozent, Kleinunternehmer wie Handwerksmeister und Kaufleute 3 Prozent. Ein weiteres knappes Drittel gehört Bund, Ländern und Gemeinden, 4 Prozent besitzen die Kirchen, den Rest teilen sich Wohnungsgesellschaften, Banken und andere Unternehmen. Pro Jahr wechselt kaum mehr als ein zehntel Prozent der Fläche den Eigentümer. Nicht selten sind Wälder, Äcker und Wiesen seit Generationen, teils seit Jahrhunderten in der Hand einer Familie.
Ein Grundbesitzer aus Überzeugung lebt in Wallhausen, einem Örtchen am Rande des Hunsrücks: Michael Prinz zu Salm-Salm, 55. Der Weg hinauf zu seinem trutzigen Steinschloss, das auch Deutschlands ältestes Familienweingut beherbergt, führt durch enge Straßen. Seine Frau, Philippa Prinzessin zu Salm-Salm, hat eine Suppe für die Gäste bereitet und kredenzt dazu einen hauseigenen Rotwein.
Wald-, Acker- und Weinbau haben im Hause Salm Tradition. Vor rund 800 Jahren begannen die Vorfahren, die Ritter Dalberg, mit der Weinwirtschaft. Über die Jahrhunderte wurde die Familie immer wieder durch Kriegswirren vertrieben, und stets kehrte sie zurück zu ihrem Land. Wie selbstverständlich übertrug des Prinzen Vater das Erbe auf seinen Sohn, und dessen Spross Constantin, 27, wird es ebenso selbstverständlich weiterführen. "Wir denken in Generationen", sagt Prinz Michael und nippt zufrieden an seinem Glas.
Der deutsche Wald gehört zur Hälfte rund zwei Millionen Privatleuten, 34 Prozent sind in Staatsbesitz, und über den Rest verfügen diverse Körperschaften. Die fünf größten Privateigner sind allerdings Adelige: die Thurn und Taxis, Fürstenbergs, Hohenzollern, Riedesels und Sayn-Wittgensteins. Sie bewirtschaften zusammen knapp ein Prozent. Michael Prinz zu Salm- Salm zählt mit 176 Hektar noch zu den kleineren Waldbauern. Nicht immer wirft sein Forst Gewinne ab. Doch der Marktwert steigt, je gefragter das Holz wird, Deutschlands fast einzige und zudem nachwachsende Rohstoffquelle.
Prinz Michael kämpft als Präsident der Arbeitsgemeinschaft Deutscher Waldbesitzerverbände für den Schutz des Eigentums, den Artikel 14,1 des Grundgesetzes garantiert. Denn die Deutschen haben ein zwiespältiges Verhältnis zu ihm. "Die Aversion gegen Privateigentum sitzt bei uns sehr, sehr tief ", sagt der Kölner Staatsrechtler Otto Depenheuer, Mitbegründer der Deutschen Stiftung Eigentum. Die Mütter und Väter des Grundgesetzes haben 1949 denn auch in Artikel 14,2 die Verpflichtung hineingeschrieben, dass Eigentum zugleich dem Allgemeinwohl dienen solle.
Maria-Elisabeth Schaeffler hat damit kein Problem. Dabei wird die 66-Jährige zusammen mit ihrem Sohn auf der Liste der reichsten Deutschen auf Platz 22 geführt. Das geschätzte Vermögen beträgt 4,85 Milliarden Euro. Die Power-Frau mit Wiener Charme sagt: "Eigentum verpflichtet, der Gesellschaft etwas davon zurückzugeben" - so spendet sie jährlich große Summen für gemeinnützige Zwecke. Die Schaeffler-Gruppe im fränkischen Städtchen Herzogenaurach ist eine Vorzeigefirma der deutschen Maschinenbauer: Weltmarktführer für Wälzlager, 63 000 Mitarbeiter in 50 Ländern, 8,3 Milliarden Euro Umsatz. Schaefflers Ehemann Georg, der 1996 verstorben ist, hatte den Konzern 1946 gemeinsam mit seinem Bruder Wilhelm gegründet und im Lauf der Zeit ein Milliardenvermögen aufgebaut. "Das war eine Generation, die etwas schaffen und leisten wollte", schwärmt Elisabeth Schaeffler. "Jeder hat damals neu angefangen und Unterschiedliches daraus gemacht."
Doch gab es die Stunde null beim Eigentum wirklich? Musste nach dem Untergang der Hitler-Diktatur tatsächlich jeder Deutsche mit 40 D-Mark Startgeld anfangen? Der Wirtschaftshistoriker Werner Abelshauser bezweifelt das: "Weder war das deutsche Produktionspotenzial zerstört - anders als die Wohnviertel der Städte, auf die der mörderische Luftkrieg zielte - noch veraltet oder technologisch unterlegen." Mehr als die Hälfte der deutschen Milliardäre kann ihren Familienreichtum auf die Zeit vor 1945 zurückführen. Auch die Schaefflers gründeten ihr Unternehmen keineswegs vollkommen neu, wie die Familienchronik verrät: Die Brüder konnten 1946 auf die Produktionsanlagen ihres Vaters zurückgreifen, der während des Nationalsozialismus einen Rüstungsbetrieb besaß und unter anderem Panzerkampfwagen und Sturmgeschütze fertigte.
Unternehmen wie die Schaeffler-Gruppe, die Deutsche Telekom AG oder der Klempnerbetrieb um die Ecke gehören immer Privatpersonen oder dem Staat. Deshalb schlägt die Bundesbank ihren Wert auch dem privaten oder öffentlichen Vermögen zu. Von den 3,2 Millionen Unternehmen befinden sich etwa drei Millionen mehrheitlich in Familienbesitz. Ihr Wert ist schwieriger einzuschätzen als der von Aktiengesellschaften, bei denen man die Zahl der Aktien einfach mit dem Börsenkurs multiplizieren kann.
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Stern
Ausgabe 06/2008