Lidl und der tödliche Käse

17. Februar 2010, 12:04 Uhr

Auch der Discounter Lidl hatte ihn im Angebot: Käse mit Bakterien, der mehreren Menschen den Tod brachte. Experten fordern bessere Kontrollen, einige Bevölkerungsgruppen sind besonders gefährdet. Von Sönke Wiese

Käse, Bakterien, Vergiftung, Lebensmittel, Listerien, verseucht, Steiermark, Prolactal

In allen Käse-Sorten, die Rohmilch enthalten, können potenziell auch Listerien-Bakterien enthalten sein©

Sie lauern im Supermarktregal, im Käse - und können tödlich sein. Die Listeria-Bakterien. Im vergangenen Jahr sind sechs Menschen gestorben, weil sie Käse eines österreichischen Herstellers verzehrt hatten, der offenbar mit den Bakterien verseucht war. Auch der Discounter Lidl verkaufte zwei der betroffenen Sorten in Deutschland.

Noch ist unklar, wie der verseuchte Käse genau in die Supermarktregale gelangen konnte, wer wann bei der Produktion oder beim Vertrieb geschlampt hat. Dennoch weisen Ernährungsexperten darauf hin, dass bestimmte Bevölkerungsgruppen beim Konsum von Rohmilchprodukten besonders vorsichtig sein oder ganz darauf verzichten sollten. Das gilt vor allem für Schwangere, Kleinkinder und immungeschwächte Menschen.

Zwei weitere Fälle in Rostock

"Immer wieder kommt es zu solchen Fällen", sagt Barbara Heidemann, Ernährungsexpertin bei der Verbraucherzentrale Hamburg. Sie rät gefährdeten Menschen, generell auf Rohmilch-Käsesorten zu verzichten - also zum Beispiel auf Harzer Käse, auf Allgäuer, auf Emmentaler, auf Limburger und auf Camembert. Bei der Produktion von Rohmilchkäse wird die Milch nicht über 40 Grad Celsius erhitzt. Deswegen können eventuell enthaltene Listerien überleben. Auch bei bestimmten Wurstsorten, Geflügelfleisch und Mayonnaise kommt es laut Heidemann oft zu übermäßigem Listerienbefall. "Als Vorsichtsmaßnahme sollten Schwangere und immungeschwächte ältere Menschen die Finger von diesen Lebensmitteln lassen", sagt Heidemann.

Listerien kommen überall in der Umwelt vor. Das Besondere an ihnen ist, dass sie auch bei niedrigen Temperaturen wachsen können, selbst in einem luftleeren Raum, im Vakuum. In der Regel führt eine Infektion mit Listerien bei einem gesunden Erwachsenen nicht zu einer gefährlichen Krankheit. Die Erkrankung nehme einen Verlauf, der einer schwachen Grippe ähnele, so Ernährungsexpertin Heidemann. "Da kommt kein Arzt auf die Idee, nach Listerien zu suchen."

In Deutschland hatte Lidl zwei Käsesorten des österreichischen Herstellers Prolactal im Angebot: die Sorten "Reinhardshof, Harzer Käse" und "Reinhardshof, Bauernkäse mit Edelschimmel". Beide enthielten offenbar Listerien. Der Discounter rief die Produkte sofort nach Bekanntwerden der Vorfälle zurück.

Zwei Deutsche und vier Österreicher sind im vergangenen Jahr gestorben, nachdem sie mit Listerien verseuchten Käse gegessen hatten, mindestens zwölf Menschen sind im vergangenen Jahr nach Käseverzehr an Listerien erkrankt. Die erste Infektion war im Juni 2009 in Österreich bekannt geworden. Zwei weitere Menschen sind jüngst in Rostock erkrankt: Sie mussten im Krankenhaus behandelt werden, ihnen geht es jedoch inzwischen besser. "Wir gehen davon aus, dass beide den Rohmilchkäse genossen haben", sagte eine Sprecherin des Landesamtes für Gesundheit und Soziales in Rostock. Der aus Österreich gemeldete Bakterienstamm stimme mit dem Befund im Blut der beiden Patienten überein.

"Wir brauchen dringend mehr Kontrolle"

Der Pressesprecher des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR), sagt, nicht jeder Harzer Käse sei ein Risiko. Dennoch rät er Verbrauchern: "Empfindliche Produkte sollten möglichst kühl gelagert und vor dem Mindesthaltbarkeitsdatum verspeist werden."

Der Zusammenhang zwischen den Todesfällen und dem Prolactal-Käse konnte erst jetzt hergestellt werden, nachdem ein Mitarbeiter der Österreichischen Agentur für Gesundheits- und Ernährungssicherheit (AGES) monatelang Einkaufszettel von Erkrankten untersucht hatte, bis die Experten den verseuchten Käse identifizierten. Das österreichische Gesundheitsministerium legte im Januar die gesamte Käse-Produktion der Firma vorläufig still, bis die genaue Ursache der Verunreinigung geklärt ist. Es könne nicht ausgeschlossen werden, dass es zu weiteren Todesfällen komme, hieß es. Österreichische Medien berichten über den Verdacht, dass Prolactal bereits im Herbst 2009 von übermäßig verseuchten Proben Bescheid wusste. Das bestritt eine Sprecherin des Unternehmens jedoch.

Verbraucherschützerin Heidemann fordert in jedem Fall: "Wir brauchen dringend mehr Kontrollen bei den Herstellerbetrieben." Ursache für Listerien-Verseuchung seien meistens Schlampereien in der Produktion oder beim Transport. "Bei Rohmilch-Produkten muss ganz besonders auf Hygiene geachtet werden", sagte Heidemann stern.de.

Listerien-Infektionen In Deutschland gibt es jedes Jahr Hunderte von Listerien-Infektionen. Meistens werden sie durch verseuchte Lebensmittel ausgelöst. 2005 registrierte das Robert-Koch-Institut (RKI) über 500 Fälle. Neun Prozent aller Erkrankungen zwischen 2001 und 2005 verliefen tödlich. Gefährdet sind vor allem Schwangere, Kleinkinder, Senioren und Menschen mit geschwächter Immunabwehr. Die Symptome ähneln denen einer Grippe, es kann auch zu Bauchschmerzen und Durchfall kommen. Listerien sind stäbchenförmige Bakterien, die erst bei über 70 Celsius absterben. Kühle Temperaturen überstehen sie schadlos.

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KOMMENTARE (10 von 21)
 
Corazito3333 (19.02.2010, 22:19 Uhr)
ach gott Lidl und der Mordversuch...
sollten da nicht die Lieferanten zur Rechenschaft gezogen werden????? Ne, oder ...oder vielleicht die Beamten die ja Lebensmittel kontrollieren sollten oder die Richter für die Verkauf von Schimmelkäse etc. immer noch ein Kavaliersdelikt darstellt???
Elli59 (18.02.2010, 14:08 Uhr)
So gesehen....
@ louyi,

sicherlich bliebt die Frage- warum es immer mehr Lebensmittelskandale gibt. Die anzahl dieser Fälle ist in den letzten Jahren beachtlich. Natürlich kommt da der Gedanke auf, (der ist auch meiner Meinung nach berechtigt), dass ein kausaler Zusammenhang zwischen dem Preisverfall, dem damit verbundenen enormen Kostendruck durchaus Entwicklungen entstehen die nicht akzeptabel und gesundheitsfördernd sind. Menschen die nachdenken und sich gesund ernähren wollen, das nötige Kleingeld dazu haben, greuifen deswegen auf Bio-Lebensmittle zurück- die sind nachweisbar kaum belastet.
Grüße
elli
Louyi (18.02.2010, 00:31 Uhr)
Stern und Lidl
@ Elli 59 + @ chatahootchee
im ersten Augenschein könnt Ihr vielleicht Recht haben.
Ich frage mich allerdings sicherlich nicht ganz unberechtigt - wieso passieren meist vorrangig Lidl solche Lebensmittel- Pannen? Hat das mit der Auswahl- Qualität
der Ware zu tun ? Käse - Butter, Hackfleisch, Hähnchenschenkel und Co. -Hauptsache billig?! Welchen Manager interessieren schon dauernd sensorische Tests? Nicht wenige LM -Hersteller kämpfen ums Überleben -meist mit Billig -Abnahmepreisen ausgeqetscht wie eine Zitrone - Lidl ist leider auch hier ein berühmter Favorit. Beispiel? :
http://www.greenpeace.de/themen/chemie/kampagnen/pestizide/artikel/gestrandet_im_plastikmeer/
http://www.umbruch-bildarchiv.de/bildarchiv/ereignis/infotour/ausgepresst.pdf
Aber wen interessiert das?
Genau so wie der eine oder andere Billig- Discounter offensichtlich mit der Auswahl der Lebensmittel umgeht - geht man auch
mit Mitarbeitern um -auch wenn das nichts direkt mit Käse zu tun hat .
http://www.taz.de/1/zukunft/wirtschaft/artikel/1/mindestlohn-im-sonderangebot/


Elli59 (17.02.2010, 22:44 Uhr)
Stern und Lidl....
sachlich korekt finde ich es auch nicht- und ich bin nicht aus der PR-Abteilung @louyi. :-)

Der Lieferant wird mit Sicherheit noch andere Handelspartner haben. Verursacher ist der Hersteller- das muss jeder ganz klar sehen. Zudem -obwohl ich persönlich Lidl und anderen Disountern kritisch gegenüberstehe- kann man den Konzern in diesem Fall nichts vorwerfen. Er hat frühzeitig reagiert und vor dem Verzehr - unter Auflistung der betroffenen Sorten - ausdrücklich gewarnt und die Rücknahme der Ware angekündigt. Mehr kann Lidl da nicht machen. Das Verhalten volkommen richtig. Sensorische Lebensmittelkontrollen führt der Konzern nicht selbst durch,. Das machen unabhängige Lebensmittelchemiker und das Gewerbeaufsichtsamt sowie interne Laboreinrichtungen der Hersteller ect.

Selbst wenn der Konzern nach der Bespitzelungsaffäre keinen Stern mehr im Zeitschriftenreagl führt - jedenfalls nicht hier in Ostfriesland - lasst die Kirche im Dorf- wegen der eigenen Glaubwürdigleit. .

So ist das eben "Lidl und Bild" die große Liebe. "Stern und Lidl" dagegen...

jetrabbit (17.02.2010, 22:01 Uhr)
experten bleiben experten
"...Barbara Heidemann, Ernährungsexpertin bei der Verbraucherzentrale Hamburg. Sie rät gefährdeten Menschen, generell auf Rohmilch-Käsesorten zu verzichten ..."
.
... das kann doch nicht wahr sein. anstatt die verursacher zu brandmarken, soll der bürger lieber klein beigeben, bis er selbst zum käse geworden ist... auf diesen experten rat kann man getrost verzichten.
rblum (17.02.2010, 20:02 Uhr)
Ösis gehen in Deckung
In den österreichischen Medien herscht Totenstille. Einzig unzensuriert berichtet über den Skandal (http://tinyurl.com/y96js6w) und verlangt den Rücktritt der beiden verantwortlichen Minister.
AquaeMattiacorum (17.02.2010, 19:32 Uhr)
@papabaer26871, doch wohl eher ein
flüssiges Leben, oder? Weit entfernt von "hart"? Wenn Sie hier noch schreiben können, ist der Todeskäseerreger offensichich noch nicht in Ihr Hirn vorgedrungen bzw. Sie haben im Hirn stabile Abwehrkäfte, ich tippe auf Letzteres, trotzdem bitte schön weiter bei RTL leiden...
papabaer26871 (17.02.2010, 18:42 Uhr)
welch teilweise....
blödsinigen kommentare hier!

ich bin derjenige der heute abend auf rtl-regional gezeigt wurde und nu nach einer listerien infektion ein echt hartes leben hat.

es sollen einfach nur härtere kontrollen durchgeführt werden, damit niemand so einen krampf erleiden muss. wenn sich der erreger erstmal bis ins hirn vorgearbeitet hat ist es zu spät!

mfg
w.jansen
externalBGP (17.02.2010, 18:33 Uhr)
ganz klar
wir lassen uns impfen dagegen!
E-F-V (17.02.2010, 18:00 Uhr)
Die beiden Neuerkrankten
dürfen sich bei den zuständigen österreichischen Ministern für Gesundheit und Landwirtschaft bedanken, die mit ihrer katastrophalen Informationspolitik eine eindringliche Warnung vor diesem Käse verhindert haben. Sie haben die bereits sechs Toten verschwiegen.

http://www.unzensuriert.at/content/00596-k-se-skandal-zwei-minister-m-ssten-gehen-anstand-vorausgesetzt
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