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12. Juni 2007, 15:23 Uhr

Dieser Junge näht Ihr Hemd

Erst beim Otto-Konzern, jetzt bei Esprit. Der stern deckt einen neuen Fall von Kinderarbeit auf und schildert, wie das schmutzige Geschäft mit den kleinen Sklaven funktioniert. Von Dan McDougall und Jan Boris Wintzenburg

Ein kleiner Junge bestickt Hemden in einem Slum in Neu-Dehli - unter anderem für Esprit. Nach dem Besuch des stern verschwanden die illegale Werkstatt, wo er arbeiten musste, und deren Betreiber in der 18-Millionen-Metropole© Raja Singh

Mohammed ist hungrig und müde. Er kauert auf dem Fußboden eines engen Zugabteils im "Sampoorna Kranti Express". Gleich werden die Waggons von Patna, der Hauptstadt des indischen Bundesstaates Bihar, in Richtung der 13-Millionen- Metropole Neu-Delhi rumpeln. In 20 Stunden werden rund 800 Kilometer Eisenbahnfahrt Mohammed von seinen Eltern trennen. Mohammed ist zehn Jahre alt. Die acht Jungen, keiner von ihnen älter als 14, werden begleitet von Rakesh, ihrem Aufpasser. Wenn Fremde ihn fragen, lügt er, er sei der Vater der Kinder.

Was Rakesh tut, ist kriminell - auch in Indien: Er hat die Kinder am Bahnhof von Patna gekauft, um sie in der Hauptstadt Neu-Delhi als billige Arbeitskräfte weiterzuverscherbeln. Die Jungen sind bestimmt für die boomende Bekleidungsindustrie der Stadt. Kinder sind dort schlicht ein Kostenvorteil im globalen Standortwettbewerb. Sie arbeiten für ein Fünftel dessen, was ein sowieso nicht gut bezahlter indischer Näher nach Hause bringen würde - wenn sie überhaupt bezahlt werden. Kinder sind billig, willig und dank Rakesh und dem Sampoorna Kranti Express auch unbegrenzt verfügbar. Kinderarbeit ist immer Handarbeit: Vieles, was sich in den großen, nach westlichen Standards überwachten Textilfabriken der Stadt nicht maschinell produzieren lässt, landet in den meist finsteren Baracken stinkender Slums. Die Gewinnspanne für die Organisatoren dieses kommerziellen Kindesmissbrauchs ist dabei am größten. In den Slums nähen und besticken die Kleinen 14 Stunden und mehr Hemden und T-Shirts - fernab sozialer Standards und staatlicher Kontrollen.

Kinderarbeit hat nicht unbedingt etwas mit Billigware zu tun: Auch für renommierte deutsche Modemarken wird in dreckigen Löchern Ware produziert, die dann über Zwischenhändler in Deutschlands Edelboutiquen und Markenkatalogen landet. Vor vier Monaten beschrieb der stern, wie Kinder modische T-Shirts für den Heine-Versand (gehört zum Otto-Konzern, siehe stern Nr. 6/2007) bestickten. Jetzt trifft ein neuer Fall die Marke Esprit, deren Läden sich in den besten Lagen vieler Innenstädte befinden: Sommerliche Damen- Tops im Ethno-Look, zurzeit bei Esprit im Angebot, wurden unter unmenschlichen Bedingungen von Jungen im Kindesalter verziert. Von Jungen, wie sie Rakesh verkauft und die von ihrem Schicksal bis zuletzt nichts ahnen. Rakesh weigert sich sogar, den Jungen zu sagen, wohin ihre Reise geht. Wenn sie ihn fragen, bedroht er sie mit seinem Messer. Mohammed hat Angst vor ihm.

Gerade eine Woche ist es her, da sprach ihn in seinem Heimatdorf Ragarpura im Bezirk Sitamahri ein lustiger junger Mann an. "Sadiq war ein Spaßvogel", erinnert sich Mohammed. "Er versprach uns, Filme zu zeigen. Und er wollte uns Süßigkeiten geben - wenn wir mit ihm nach Delhi fahren und zwei Stunden am Tag leichte Arbeiten erledigen." Für die Jungen klang das nach großer, weiter Welt, Abenteuer und Luxus. Der Bundesstaat Bihar, in dem sie aufwuchsen, ist die ärmste Region Indiens. 83 Millionen Einwohner, etwa so viele wie in Deutschland, leben dort entlang dem Fluss Ganges. Bihar gilt als Wilder Westen Indiens: Überschwemmungen, Hunger und Arbeitslosigkeit sind Alltag, Entführungen ein florierender Wirtschaftszweig. Immer wieder terrorisieren Rebellengruppen die Bevölkerung. All das muss man wissen, um zu verstehen, wieso Kinder wie Mohammed so einfach zu begeistern sind. Mithilfe der Kinder überzeugte der lustige Sadiq dann auch die Eltern. Er gab ihnen ein paar Rupien, umgerechnet etwa zehn Euro pro Kind, und versprach, Mohammed und die anderen würden aus Delhi weiteres Geld schicken. Schon am nächsten Tag marschierte die Truppe mit ihrem Rattenfänger freudig Richtung Patna. So erzählt es Mohammed.

Der Traum wird platzen

Inzwischen ahnt er, dass sein Traum von der süßen Zukunft platzen wird. Am Bahnhof von Patna kaufte Rakesh die Gruppe. Die Angst begann. Doch ein Zurück gibt es nicht: Auf Bihars Straßen sind es sechs Stunden bis nach Ragarpura, und Rakesh passt auf, dass "seine Kinder" nicht zurück zu Mama und Papa laufen. In einer Ecke des Abteils sitzt Sikandar. Mit 14 ist er der älteste der acht Jungen, und er weiß, was sie erwartet. Vor fünf Jahren war er das erste Mal in Delhi. Mehrmals wurde er dort von der Polizei aufgegriffen und wieder nach Hause geschickt. Arbeit für Kinder unter 14 Jahren ist in Indien seit dem "Child Labour Act" von 1986 verboten. Inoffiziell, so schätzen Hilfsorganisationen, arbeiten trotzdem 40 Millionen indische Kinder zwischen 5 und 14 Jahren. Bisher wurden erst in 4000 Fällen Arbeitgeber wegen Verstoßes gegen das Gesetz verurteilt, die meisten nur zu einer Geldstrafe von umgerechnet knapp vier Euro. So steht es in einem gemeinsamen Bericht einer indischen Handelskammer und der International Labour Organisation. Laut Vereinten Nationen trägt Kinderarbeit rund 20 Prozent zum indischen Bruttosozialprodukt bei.

Gefunden in ... Stern Stern
Ausgabe 24/2007

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