Auf Tuchfühlung mit Killerviren

26. Januar 2013, 15:29 Uhr

Sie heißen Lassa oder Ebola: tödliche Viren. Wer sie erforschen will, benötigt ein Hochsicherheitslabor. Das Hamburger Bernhard-Nocht-Institut hat eins eröffnet - und uns Einblick gewährt. Von Ilona Kriesl

Hochsicherheitslabor, Forschung, gefährliche Viren, BNI, Bernhard-Nocht-Institut

Wie das "Michelin-Männchen": Virologin Lisa Oestereich kann ihrer Arbeit nur im Schutzanzug nachgehen©

Lisa Oestereichs Verwandlung dauert knapp drei Minuten: Die junge Virologin zwängt ihre Hände in ein Paar blaue Handschuhe und bestäubt sie mit einer Portion Babypuder. Das zweite Paar Gummihandschuhe rutscht so leichter über die Finger. Mit den Füßen voran steigt sie in einen Schutzanzug, an dessen unterem Ende zwei Stiefel baumeln. Noch schnell die durchsichtige Haube über den Kopf ziehen, den Hüftgürtel schließen und die Verschlüsse kontrollieren. Jetzt fehlt nur noch eins: Luft. Über einen blauen Schlauch pumpt die 26-Jährige Sauerstoff in den weißen Anzug. Der Gürtel hält den wabernden Luftsack dicht an ihrem Körper, über Funk ist Oestereich mit Kollegen außerhalb des Labors verbunden. Aufgepumpt und ausgerüstet wie ein Marsmännchen soll die junge Frau nun mit Pipetten und Reagenzgläsern hantieren - keine leichte Arbeit.

Doch die aufwendige Prozedur ist Pflicht und soll vor allem eines verhindern: Dass sich die junge Frau mit einem der hochansteckenden Tropenviren infiziert, mit denen am Hamburger Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin (BNI) geforscht wird. Das neue Hochsicherheitslabor des Institutes beherbergt schon bald einige der tödlichsten Viren weltweit: Lassa-, Ebola-, Marburg- und Krim-Kongo-Viren. Sie werden in die höchste Sicherheitsstufe 4 eingeordnet und können zu lebensgefährlichen Blutungen und Organversagen führen.

Höchste Sicherheitsstufe

"Wie es zu solchen schweren Verläufen kommt und warum die Viren so gefährlich sind, wissen wir noch nicht", sagt Stephan Günther, Leiter der Abteilung Virologie am BNI. Dass mit den Viren nicht zu spaßen ist, zeigt der Fall eines US-Soldaten, an den sich Günther noch gut erinnert. Der junge Mann war von einem Afghanistan-Einsatz nach Deutschland zurückgekehrt und zeigte grippeähnliche Symptome. Sein letzter Aufenthaltsort machte die Mediziner hellhörig und die Wissenschaftler des BNI, die seine Proben untersuchten, stellten schließlich die Diagnose: Krim-Kongo-Fieber. Für den Soldaten kam jedoch jede Hilfe zu spät.

Um solchen Patienten künftig besser helfen zu können, entstand das neue BSL4-Labor mit der höchsten Sicherheitsstufe nach dem Gentechnikgesetz. 150 Quadratmeter ist es groß, fünf Wissenschaftler können zeitgleich darin arbeiten. Ein Labor mit der Schutzstufe 4 gibt es zwar bereits am BNI, doch dort war keine Arbeit mit genveränderten Viren erlaubt. In dem neuen Labor dürfen Oestereich und ihr Team ab Februar sogar an den Viren basteln - und gezielt einzelne Gene im Erbgut ausschalten. So können die Forscher beobachten, wie sich die Eigenschaften der Viren verändern. Das soll dabei helfen, Impfstoffe oder wirksame Medikamente zu entwickeln. Auf das BSL4-Labor ist man in Hamburg stolz, deutschlandweit gibt es bisher nur in Marburg eine derartige Einrichtung.

Dusche mit Peressigsäure

Die Arbeit mit gefährlichen Viren ist nicht unumstritten: Erst vor kurzem geriet ein niederländischer Forscher in die Schlagzeilen, weil er das Vogelgrippevirus so veränderte, dass es über die Luft übertragbar wurde. Influenzaforscher weltweit sprachen sich deswegen für einen befristeten Forschungsstopp aus - um zu klären, ob und unter welchen Bedingungen solche Experimente erlaubt sind. Mittlerweile ist dieser größtenteils wieder aufgehoben.

Die Hamburger Forscher arbeiten zwar an ganz anderen Viren, doch auch sie werden regelmäßig auf das Thema Sicherheit angesprochen. Verständlich, ist das BNI doch direkt am Hafen gelegen. Tausende Touristen schlendern hier täglich entlang - ein Virus, das aus dem Labor entkommt, könnte in der Millionenstadt großen Schaden anrichten.

"Das Labor ist eine in sich geschlossene Box", beruhigt Stephan Günther. Nach außen ist es hermetisch abgeriegelt. Der Zutritt wird streng kontrolliert, zwanzig Mitarbeiter haben die Erlaubnis. Will einer von ihnen hinein, muss er zunächst drei Schleusen passieren. Nach der zweiten Türe legen die Wissenschaftler ihre Schutzanzüge und die Luftschläuche an. Die letzte Schleuse besteht aus Edelstahl und ist an den Rändern mit Gummi abgedichtet. Es riecht nach Essigsäure und Desinfektionsmittel. Das Sicherheitslabor selbst ist mit glänzendem Edelstahl ausgekleidet, an den Decken verlaufen armdicke Kabelstränge. Nur die Mikroskope und Petrischalen auf den Arbeitsplätzen zeigen, dass man sich nicht in dem Maschinenraum eines Schiffes befindet.

Neben einer Stahltür brummen zwei Frosterschränke. In ihrem Inneren sollen schon bald die gefährlichen Viren lagern. Digitale Messgeräte zeigen die aktuelle Temperatur an, minus 149 Grad ist darauf zu lesen. Riesige Belüftungsmaschinen ziehen die Luft aus dem Labor, filtern sie und sorgen für einen permanenten Unterdruck. „Sollte entgegen aller Prognosen doch einmal etwas passieren, kann keine kontaminierte Luft entweichen", sagt Abteilungsleiter Günther. Für den Brandfall sind extra hitzebeständige Materialien verbaut, die einer Temperatur von 1000 Grad Celcius bis zu 90 Minuten trotzen können.

Ganz so warm wird es zum Glück in dem Schutzanzug von Lisa Oestereich nicht. Doch länger als zwei oder drei Stunden halte sie es darin auch nicht aus, sagt die Virologin. "Dann fange ich an zu schwitzen und die Konzentration lässt nach." Nach getaner Arbeit kann sie jedoch nicht sofort aus dem Plastikanzug raus: Auf sie wartet noch eine Dusche - und zwar mit stark ätzender und desinfizierender Peressigsäure. Die ist ebenfalls Pflicht, für den Fall, dass sich doch ein Virus auf ihrem Schutzanzug festgesetzt hat.

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