Umstrittene Experimente werden wieder aufgenommen

24. Januar 2013, 11:54 Uhr

Ein Jahr ruhte die Arbeit an gefährlichen Vogelgrippeviren, nun darf sie wieder fortgesetzt werden. Kritiker hatten befürchtet, dass die Daten von Bioterroristen missbraucht werden könnten. Von Lea Wolz

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Fünf bis neun Mutationen reichen aus / und das Vogelgrippevirus überträgt sich so leicht wie ein Schnupfen über die Luft©

Die Arbeit am Supervirus kann weitergehen: "Wir erklären das freiwillige Moratorium für Studien zur Übertragbarkeit von Vogelgrippeviren für beendet", schreiben 40 führende Influenzaforscher aus aller Welt in einem Brief, der nun in den beiden Fachzeitschriften "Science" und "Nature" gleichzeitig veröffentlicht wurde. Die Ziele der Forschungspause seien in einigen Ländern erreicht und in anderen nahezu erreicht worden.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) habe mittlerweile Richtlinien und Empfehlungen zur Laborsicherheit für Studien mit veränderten Vogelgrippeerregern herausgegeben, schreiben die Virologen. Zudem hätten die zuständigen Behörden der Länder überprüft, ob und unter welchen Sicherheits- und Finanzierungsbedingungen die Forschung weiterlaufen solle.

Vor einem Jahr hatten sich die Wissenschaftler darauf geeinigt, ihre Arbeit erst einmal auszusetzen. Denn über die umstrittene Forschung war weltweit eine Debatte entbrannt: Der niederländische Forscher Ron Fouchier hatte gemeinsam mit seinen Kollegen Vogelgrippeviren so verändert, dass sie leicht per Luft übertragbar waren.

Bislang geht von den in der Natur vorkommenden H5N1-Varianten keine große Gefahr für den Menschen aus: Per Tröpfcheninfektion verbreitet sich H5N1 noch nicht, Menschen stecken sich bis jetzt nur selten an. Der WHO zufolge ist dies seit 2003 weltweit etwa 600 Mal passiert, in nahezu allen Fällen durch direkten Kontakt mit Geflügel oder Wildvögeln. In über der Hälfte der Fälle verläuft die Erkrankung allerdings tödlich, was zeigt: H5N1 ist ein gefährliches Virus. Wissenschaftler befürchten seit Jahren, dass sich der Erreger auf natürlich Weise so verändert, dass es ohne direkten Kontakt über die Luft durch Husten oder Niesen weitergegeben wird. Ein solches H5N1-Virus, das leicht von Mensch zu Mensch wandert, könnte eine Pandemie mit Millionen Toten auslösen.

Debatte um "Killerkeim"

Um für diesen Fall gewappnet zu sein, hatten Fouchier und Kollegen untersucht, wie leicht sich H5N1 in einen solchen massenhaft todbringenden Erreger verwandeln kann. Dafür manipulierten sie Vogelgrippeviren, infizierten Frettchen damit und beobachteten, wie sich der Erreger von selbst veränderte und verbreitete. Das Virus wurde über die Luft weitergegeben, die Versuchstiere infizierten sich schnell, die Erkrankung verlief allerdings nicht tödlich. Ein Killervirus sei nicht geschaffen worden, erklärte Fouchier später.

Dennoch wurde das Virus rasch als "Superkiller" oder "gefährliche Biowaffe" bezeichnet. Um den Nutzen solcher Forschung für die Gesundheitsvorsorge zu klären und die Risiken zu minimieren, entschlossen sich die Wissenschaftler dazu, ihre Arbeit ruhen zu lassen. Zudem habe man Regierungen und Organisationen weltweit Zeit geben wollen, ihre Vorgaben für derartige Forschung - etwa in Bezug auf Biosicherheit und Kommunikation - zu überprüfen, schreiben die Virologen.

Fünf bis neun Mutationen

Da das Risiko gegeben sei, dass sich das H5N1-Virus auf natürlichem Weg in einen über die Luft übertragbaren Killer verwandele, habe man sich dazu entschlossen, die Forschung fortzuführen, sagte Fouchier in einer Telefonkonferenz - und zwar "in den Ländern, in denen die nötigen Sicherheitsvorkehrungen und Auflagen getroffen worden sind".

Wo dies noch nicht geschehen ist, sollen die Versuche weiter ruhen - etwa in den USA und in einigen Ländern, in denen die Forschung US-gefördert ist. In welchen Labors genau die Experimente wieder aufgenommen werden, konnten die Forscher noch nicht sagen. Fouchier machte allerdings deutlich, dass etwa in den Niederlanden in den kommenden Wochen wieder mit Studien begonnen werden soll.

Ein Ziel sei es herauszufinden, welche Mutationen genau dafür sorgen, dass H5N1 sich in ein über die Luft übertragbares Virus verwandele, erklärte der Forscher. "Wir haben gezeigt, dass fünf bis neun Mutationen ausreichen. Doch wir wollen die genaue Anzahl kennen, die notwendig ist und wir wollen herausfinden, welche Veränderungen zwingend vorkommen müssen."

 
 
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