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9. März 2010, 18:09 Uhr

Schau mich bitte nicht so an

Das Auge ist des Herzens Zeuge, sagt ein Sprichwort. Das bestätigt inzwischen die psychologische Forschung im Labor. Wo sich Blicke begegnen, tun sich verborgene Welten auf - und deren Erkundung kostet Kraft. Von Frank Ochmann

 
Kopfwelten, Psychologie, Hirnforschung, Gehirn, Zwischenmenschliches, Blickkontakt

Kein anderes Kommunikationsmittel eignet sich so gut zum Aufbau und Abchecken sozialer Kontakte wie ein direkter Blick in die Augen© Colourbox

Vor allem in den nördlicheren Regionen unserer Republik lässt sich folgendes Phänomen tagtäglich beobachten: Die Sitzplätze in Bussen und Bahnen füllen sich unter Wahrung des maximal möglichen Abstands zu anderen Fahrgästen und dazu noch so, dass möglichst niemand andere direkt ansehen muss. Man platziert sich versetzt, hinter- oder notfalls nebeneinander und idealerweise in Fahrtrichtung.

Überall hin dürfen die Augen fortan wandern, nur nicht dahin, wo sie sich mit dem Blick eines anderen Augenpaares treffen. Passiert es doch, ist das wegen sofortiger Ausweichmanöver aller Beteiligten zumeist in Bruchteilen einer Sekunde vorüber. Geübte Nutzer des öffentlichen Personennahverkehrs können minutenlang mit dem Ausdruck völligen Desinteresses an den Köpfen der Mitreisenden vorbei ins Leere blicken. Die Augen verraten Intimes. Ob einer lügt zum Beispiel. Unbekannte anzustarren ist darum ungefähr so taktvoll wie ein heimlicher Blick ins fremde Schlafzimmer.

Nur Kinder suchen gleich Blickkontakt

Kindern ist es natürlich komplett egal, ob sie die Intimsphäre verletzen, und so schauen sie schon mal herausfordernd in das Gesicht eines Erwachsenen, bis der Widerstand gebrochen ist und wenigstens ein Lächeln oder gar ein freundliches Winken als soziale Beute verbucht werden kann. Bis zur nächsten Haltestelle hält die mit sanfter Gewalt geknüpfte neue Freundschaft allemal. Zudem vertreibt das die Zeit, hebt den Selbstwert und trainiert die Instrumente der Verführung.

Kein anderes Kommunikationsmittel eignet sich so gut zum Aufbau und Abchecken sozialer Kontakte wie ein direkter Blick in die Augen. Es mag an unserem tierischen Erbe liegen, dass wir wie viele andere Arten erst einmal dazu neigen, einem direkten Blick auszuweichen. Denn der kann zwar nicht töten, sehr wohl aber könnte er Vorbote des Todes sein, wenn es sich um die Augen eines Jägers oder feindlichen Artgenossen handelt, die sich auf uns gerichtet haben.

Es reicht schon, wenn einer den Kopf in unsere Richtung dreht, um unsere Gefühlsküche im Kopf aufzuheizen, wie kürzlich Forscher der Universität Jena zeigen konnten. Zwei ziemlich genau hinter den Augen gelegene Hirnareale namens Amygdala (Mandelkern) werden dann aktiv, und der Grad ihrer Erregung entspricht in etwa der emotionalen Bedeutung eines bestimmten Eindrucks, den wir gerade gewinnen oder uns wenigstens einbilden. Keineswegs nur in bedrohlichen Situationen, wie lange vermutet wurde. Auch freundliche oder neutrale Gesichter, die sich uns zuwenden, bringen die Amygdala und darüber hinaus das gesamte "soziale Gehirn" in Wallungen.

Frank Ochmann Der Physiker und Theologe verbindet als stern-Redakteur natur- und geistes­wissenschaftliche Interessen und befasst sich besonders mit Fragen der Psychologie und Hirnforschung. Mehr auf seiner Homepage.

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Kopfwelten

stern-Redakteur Frank Ochmann berichtet über Aktuelles aus Hirnforschung und Psychologie und kommentiert Denk- oder auch Fragwürdiges.

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