Mensch, Mama!

30. März 2013, 21:16 Uhr

Wir lieben sie - und bekämpfen sie trotzdem, manchmal unser Leben lang. Beziehungen zu Müttern sind nicht immer einfach. Eine Soziologin gibt Tipps, wie wir das Verhältnis entspannen können.

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Marianne Krüll hat an der Freien Universität Berlin Soziologie studiert und später an der Universität Bonn gelehrt. Die 76-Jährige hat mehrere Bücher zum Thema Mutter-Kind-Beziehung geschrieben, unter anderem "Die Mutter in mir. Wie Töchter sich mit ihren Müttern versöhnen" (Klett Cotta-Verlag). Marianne Krüll hat selbst zwei Töchter und zwei Enkel.

Wie viel der eigenen Mutter steckt in uns?

Sehr viel! Mütter spielen vor allem im Leben der Töchter lebenslang eine zentrale Rolle. Sie sind eine Referenzperson, egal ob wir uns gegen sie positionieren oder uns auf ihrer Seite fühlen.

Haben Söhne es leichter mit ihren Müttern als Töchter?

Ja und nein. Jungen dürfen sich mehr als Mädchen von ihren Müttern abgrenzen. Sie sollen das sogar, denn ein Junge mit weiblichen Eigenschaften ist unerwünscht. Das mag sich in einer schmalen bürgerlichen Schicht gerade wandeln, aber die allermeisten Mütter wollen noch immer einen typischen "Kerl" heranziehen. Viele Jungen zahlen dafür aber einen hohen Preis, weil sie besonders männlich, besonders auftrumpfend und besonders erfolgreich zu sein haben. Den Druck spüren sie noch als Erwachsene.

Welche Rolle spielt die Geschwisterfolge?

Eine ziemlich große. Ob man Einzelkind ist, Erst- oder Zweitgeborener, oder ob man Nachzügler ist kann sehr bedeutsam sein. Und mehr noch: ob man als Mädchen oder Junge gewünscht wurde und überhaupt ein gewolltes Kind ist. Wichtig ist auch, welche Geschwisterposition die Mutter und der Vater in ihrer Familie hatten. Oft werden diese Rollen auf die eigenen Kinder übertragen.

Gibt es dementsprechend auch bestimmte Mutter-Typen?

Ja, bestimmte Typen tauchen immer wieder auf: Eine dominante Mutter verbirgt oft unbewusst ihr Minderwertigkeitsgefühl oder ihre Unzufriedenheit in der Ehe. Eine überfürsorgliche Mutter will ihre Kinder vor schlechten Erfahrungen schützen. Glaubt eine Mutter, wegen der Kinder beruflich viel verpasst zu haben, haben ihre Kinder oft das Gefühl, mit besonderer Leistung nachholen zu müssen, was ihre Mutter nicht geschafft hat. Auch hier spielen die Geschlechtsunterschiede eine Rolle: Söhne fühlen sich eher als Retter und besserer Partner der Mutter, Töchter häufiger als Opfer und Versagerinnen.

Die Mutter als Vorbild, Gegenbild oder Ebenbild – welche Rollen hemmen das Mutter-Kind-Verhältnis?

Eine Tochter kann die Mutter als Ebenbild oder Vorbild idealisieren, als Pubertierende das Gegenbild leben und sich ihr als Erwachsene in manchen Überzeugungen oder Verhaltensweisen wieder annähern. Solange alles in Bewegung ist, sehe ich kein Problem. Nur wenn sich eine Rolle verhärtet, kann das Verhältnis gestört werden.

Was ist ein typisches Missverständnis mit der Mutter?

Dass sie perfekt sein muss. Der Anspruch an Mütter ist gewaltig, daher sind auch die Enttäuschungen gewaltig. Mütter-Schelte ist sehr weit verbreitet, auch bei Psychotherapeuten.

Wie kann man dieses Problem lösen?

Indem man sich klar macht: Keine Mutter kann perfekt sein, auch meine nicht. Und ein negatives Bild von ihr schadet mir selbst am meisten, weil mich mein Verhältnis zu ihr immer durchs Leben begleiten werden: Ich erkenne die Mutter in meiner Chefin wieder oder in meinem Partner, oder auch bei mir selbst. Wenn ich meine Mutter nicht als eigenständigen Menschen begreife, werde ich mein Leben lang versuchen, sie zu bekämpfen.

Wie oft hinfahren, wie oft anrufen – welches Maß an Kommunikation mit der Mutter ist gut?

Gut ist alles, was sich gut anfühlt. Wenn die Mutter aber fordert, dass wir uns um sie kümmern, weil sie uns geboren und großgezogen hat, dann stimmt etwas nicht. Denn wir können unsere Lebensenergie nur vorwärts an die eigenen Kinder weitergeben oder in andere Aufgaben stecken. "Rückwärts" danken geht nur mit echter Liebe. Wer die nicht empfindet, darf der Mutter Grenzen setzen.

Die Meinung meiner Mutter ist mir sehr wichtig – ist das normal?

Natürlich. Aber man muss als Erwachsener nicht alles annehmen, was die Mutter sagt. Ich selbst konnte das nur langsam lernen: Meine Mutter lehnte meinen Mann ab. Ich kämpfte gegen ihre Meinung, kämpfte gegen sie. Das war reine Energieverschwendung.

Warum schafft es meine Mutter heute noch, mich in fünf Minuten auf 180 zu bringen?

Wenn ihr das gelingt, denken und fühlen Sie immer noch wie ein Kind. Den Konflikt lösen können nur Sie selbst.

Wie reagiert man souveräner?

In dem man sich klar macht, dass Defizite aus der Kindheit nicht zu reparieren sind. Selbst wenn die Mutter das Glas damals nur halbvoll machen konnte, muss das heute reichen. Selbst ein Viertel reicht! Rückwärtsgewandte Vorwürfe befreien nicht. Hören Sie auf, gegen die Urteile und Meinungen Ihrer Mutter zu kämpfen. Gute Vorsätze reichen da nicht aus. Nur wenn man seine innere Einstellung zur Mutter ändert, wird ein neuer Umgang mit ihr möglich.

Wenn das nicht gelingt - kann es sinnvoll sein, den Kontakt zur Mutter zeitweise abzubrechen?

Ja, das kann sinnvoll sein und kommt sogar sehr häufig vor. Viele empfinden diesen Schritt als enorm befreiend. Allerdings sollte nur für begrenzte Zeit Funkstille herrschen, denn jeder braucht ein Verhältnis zu seiner Mutter, um sich komplett zu fühlen. Das gilt selbst für schwer belastete Mutter-Kind-Beziehungen. Erwarten Sie nicht, dass die Mutter den ersten Schritt macht. Sie sind dran.

Wie lernt man seine Mutter neu kennen, von Erwachsenem zu Erwachsenem?

Durch Interesse an ihr als Mensch. Fragen Sie sie nach ihren eigenen Eltern, und auch nach den Zwängen, unter denen sie als Mutter gelitten hat.

Ein Satz, den man seiner Mutter sagen sollte?

Danke für das Leben, mit allen Ecken und Kanten. Du warst die beste Mutter, die du sein konntest.

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Interview: Helen Boemelburg
 
 
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