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6. Februar 2009, 16:22 Uhr

Verstümmelung als Tradition

Die brutale Praktik ist zwar fast überall verboten, trotzdem werden pro Jahr bei zu drei Millionen Mädchen die Genitalien beschnitten - vor allem in Afrika und im Mittleren Osten. Nur langsam gelingt es, die blutige Tradition zurückzudrängen.

Beschneidung, Mädchenbeschneidung, female genital mutilation, Unicef

Viele Mädchen werden bereits im Alter von vier Jahren beschnitten© Kim Manresa/VU/Laif

Mehr als 70 Millionen Frauen haben in ihrer Kindheit oder Jugend eine Beschneidung ihrer Genitalien durchgemacht. Jedes Jahr trifft es nach Schätzungen von Experten erneut rund drei Millionen Mädchen; die meisten von ihnen leben in Afrika oder dem Mittleren Osten. Manche sind erst vier Jahre alt, wenn eine Beschneiderin - oder inzwischen auch ein ausgebildeter Arzt - ihre Genitalien verstümmelt. Es gibt verschiedene Formen der Beschneidung: So wird etwa die Vorhaut der Klitoris entfernt oder auch der gesamte Schwellkörper herausgeschnitten. In anderen Fällen trennen die Beschneider die kleinen Schamlippen ab. Oder sie verstümmeln die großen Schamlippen und verschließen sie fast komplett mit Dornen oder Fäden. Schon zur Zeit der Pharaonen wurden Mädchen so beschnitten und die Praktik breitete sich in Afrika aus.

Einem medizinischen Zweck dient die Verstümmelung nicht - ganz im Gegenteil. Viele Frauen leiden danach unter Schmerzen, besonders beim Geschlechtsverkehr, oder haben mit ständig wiederkehrenden Infektionen zu kämpfen. Die Beschneidung erhöht das Risiko von Komplikationen bei der Geburt, nach Angaben von Unicef sterben dadurch ein bis zwei von einhundert Babys. Depressionen oder Angstzustände können ebenfalls Folgen des brutalen Eingriffs sein.

Trotzdem lebt der brutale Brauch in vielen Ländern fort. Weil die Folgen für Mädchen, die nicht beschnitten werden, noch gravierender erscheinen: Sie würden sozial ausgegrenzt, hätten keine Chance, einen Mann zu finden, weil die Verstümmelung als Akt angesehen wird, der eine Art Sauberkeit der Genitalien garantiert. Das ist nicht der einzige Grund, erklärt Joachim Theis vom Unicef-Büro für West- und Zentralafrika. "In Sierra Leone beispielsweise gibt es Geheimgruppen von Frauen, die die Beschneidungen als Teil der Initiation durchführen. Das wirkt für sie identitätsstiftend. Man muss erst einmal begreifen, welche positiven Werte mit der Beschneidung verknüpft sind, um dann Kampagnen und Methoden zu entwickeln, die Wirkung zeigen."

Eine kollektive Entscheidung

In einigen Ländern, etwa in Ägypten, führen immer häufiger Ärzte die Beschneidung durch. Durch diese Medikalisierung werden zwar die Bedingungen auf den ersten Blick besser, es ändert sich aber nichts an den langfristigen Komplikationen, geschweige denn der gesellschaftlichen Situation der Frauen.

Hilfsorganisationen setzen sich schon länger dafür ein, den archaischen Brauch abzuschaffen. Doch zuerst zeigt das wenig Erfolg. "Die ersten Kampagnen gegen die Mädchenbeschneidung liefen komplett an den Gruppen vorbei, die sie erreichen sollten. Man dachte damals, es handle sich um eine persönliche Entscheidung. Tatsächlich aber ist es eine kollektive, die Heiratsnetzwerke treffen, weil sie an diesem Brauch festhalten", sagt Joachim Theis.

Inzwischen ändert sich die Lage in einigen Ländern - und es existieren erfolgreiche Projekte. Im Senegal haben 1600 von 5000 Dörfern offiziell die Mädchenbeschneidung abgeschafft. "Seit einigen Jahren gibt es sehr erfolgreiche Projekte auf Dorfebene. Dort nehmen Frauen, Männer und Jugendliche etwa zwei Jahre lang an Kursen teil, in denen Menschenrechte, Frauenrechte und auch die sexuelle Gesundheit Thema sind. In einigen ethnischen Gruppen sind diese Programme sehr erfolgreich", sagt Theis. "Wir überlegen, wie wir diese in einzelnen Dörfern funktionieren Projekte auf eine größere, nationale Ebene übertragen können."

Nina Bublitz
 
 
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