16. Juli 2012, 13:54 Uhr

"Wir bewegen uns an den Grenzen des Wissens"

Wo Cern-Generaldirektor Rolf-Dieter Heuer derzeit über Entdeckung des Gottesteilchen berichtet, sind die Säle voll. stern.de sprach auf der Europäischen Wissenschaftskonferenz in Dublin mit ihm über den Higgs-Hype und die ungelösten Rätsel der Physik.

Auf welche Fragen erhoffen Sie sich noch Antworten?

Die Frage, warum es uns überhaupt gibt, ist ebenfalls ungeklärt. Beim Urknall sind Materie und Antimaterie entstanden. Beide Formen hätten sich eigentlich vernichten müssen. Doch es gab etwas mehr Materie als Antimaterie, was letztlich dafür gesorgt hat, dass unsere Welt existiert. Genau verstanden haben wir allerdings noch nicht, warum das so ist. Doch ich hoffe, dass wir auf alle diese offenen Fragen in den kommenden Jahren erste Antworten finden.

Wie geht es weiter am LHC?

Eigentlich sollten am LHC nur noch bis Mitte Oktober Protonen aufeinander geschossen werden. Wir haben dieses Fenster jetzt aber noch einmal bis Ende des Jahres verlängert. Ich hoffe, dass wir bis Dezember schon mehr darüber sagen können, ob das mysteriöse Teilchen die Eigenschaften eines Higgs hat. Im kommenden Jahr fahren wir den LHC erst einmal herunter, um ihn zu warten. Nach knapp zwei Jahren nehmen wir die überarbeitete Maschine wieder in Betrieb und erhöhen auf nahezu die doppelte Energie. Dann wird es spannend: Denn bei höherer Energie können wir schwerere Teilchen erzeugen. Ich erwarte, dass eine neue Tür aufgeht und wir mit dem LHC das Dunkle Universum betreten.

Was erwarten Sie hinter der Tür?

Hier könnten sich erste Spuren der sogenannten Supersymmetrie zeigen. Dieser Theorie zufolge würde für jedes uns bekannte Teilchen ein Schattenteilchen existieren, gleichsam eine Spiegelwelt. Der Supersymmetrie zufolge müsste es sogar mindestens fünf Higgs-Teilchen geben. Daher hoffen auch manche Physiker, dass es sich bei dem aktuellen Fund nicht um das im Standardmodell vorhergesagte Higgs handelt. Denn das wäre ein starker Hinweis auf die Supersymmetrie.

Der LHC soll bis zum Jahr 2030 in Betrieb bleiben. Folgt auf den 27 Kilometer langen Ringtunnel eine noch größere Maschine?

Wir brauchen keine größere Maschine, sondern eine mit einem besseren Auflösungsvermögen. Damit könnten wir dann immer kleinere Bereiche immer schärfer untersuchen. Mit einem Beschleuniger, bei dem Elektronen und Positronen aufeinander prallen, wäre dies möglich. Die Pläne dafür existieren bereits, die Technik ist im Wesentlichen einsatzbereit. Angesichts der momentanen Wirtschaftskrise ist allerdings die große Frage, wer bereit wäre, den Bau und den Betrieb zu finanzieren. So etwas geht nur als globales Projekt. Eine zweite Technik, die höhere Energien erlauben würde, braucht noch Entwicklungsarbeit. Wir bewegen uns in vielerlei Hinsicht an den Grenzen des Wissens.

Interview: Lea Wolz
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