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22. August 2010, 08:51 Uhr

Die vergessene Katastrophe

Die Ölpest im Golf von Mexiko macht Schlagzeilen. Eine Ölkatastrophe von mehr als dem zweifachen Ausmaß geschieht im Verborgenen. Seit den 50er Jahren liefen im Nigerdelta mehr als 1,5 Millionen Tonnen Öl aus.

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Ölschlieren ziehen an einem Dorf in der Ogoni-Region im Nigerdelta vorbei© Akintunde Akinleye/Reuters

Von ähnlicher Aufmerksamkeit wie für die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko können die Ijaw, die Ogoni oder Urhobos nur träumen. Für die Menschen im Nigerdelta gehört auslaufendes Öl zum Alltag. Allein seit 2006 seien im Nigerdelta mehr als 3000 neue Öllecks gezählt worden, berichtete Idris Musa, Direktor der für die Bekämpfung von Ölunfällen zuständigen Behörde Nosdra, vor wenigen Wochen.

Die meisten dieser Lecks seien an Anlagen internationaler Ölkonzerne festgestellt worden. "Diese Häufigkeit ist besorgniserregend", sagte Musa und drohte mit Sanktionen. Nigerianische Umweltexperten schätzen, dass seit Beginn der Ölförderung Ende der 50er Jahre mehr als 1,5 Millionen Tonnen Öl ins Nigerdelta ausgelaufen sind.

Ein Fluch für die Bevölkerung

Die Mächtigen Nigerias sind durch Öl reich geworden, aber für die etwa 31 Millionen Menschen im Nigerdelta ist das "schwarze Gold" ein Fluch. Von den Einnahmen aus der Ölförderung haben die Bauern und Fischer nichts gesehen. Das UN-Umweltprogramm Unep schreibt in einem Bericht, das Nigerdelta sei von Vernachlässigung durch die Regierung, Armut, Arbeitslosigkeit und Konflikte geprägt. Es gibt weder eine funktionierende Infrastruktur noch ein gutes Schul- oder Gesundheitswesen.

Stattdessen sind viele Menschen gezwungen, verunreinigtes Wasser zu trinken oder mit ihm zu kochen und zu waschen. "Manchmal müssen wir vier Stunden paddeln, bis wir an eine Stelle kommen, wo der Fluss nicht so stark verunreinigt ist. Einige der Fische, die wir fangen, riechen nach Öl", sagte ein Fischer aus dem Nigerdelta Forschern der Menschenrechtsorganisation Amnesty International, die bereits vor einem Jahr einen Bericht über die Auswirkungen der Ölverschmutzung für die Menschen im Nigerdelta veröffentlichte.

"Mehr als 60 Prozent der Menschen im Nigerdelta hängen von einer intakten Umwelt ab", sagt Audrey Gaughran, Wirtschaftsexpertin bei Amnesty International. "Aber die Verschmutzung durch die Ölindustrie zerstört ihre Existenzgrundlage." Viele Pipelines und Förderanlagen sind mehr als 40 Jahre alt, schlecht gewartet, und anfällig für Lecks.

Neue Hoffnung?

Auch in Nigeria gibt es Umweltgesetze und Regeln über die Beseitigung industrieller Abfälle. Die Durchsetzung dieser Gesetze wird allerdings nicht gerade forciert. Korruption ist weit verbreitet, und die Menschen im Nigerdelta gehören nationalen Minderheiten an, die bisher kaum politischen Einfluss hatten.

Viele im Delta hoffen nun auf den neuen Präsidenten Goodluck Jonathan, der dieses Amt gewissermaßen von dem nach langer Krankheit gestorbenen Umaru Yar'Adua erbte. Zu Yar'Aduas Amtszeit wurde erstmals ein Ministerium für das Nigerdelta eingerichtet, das die Entwicklung in der ölreichen Region voranbringen soll.

Doch es war wohl weniger die Sorge um die Umwelt, die zu dieser Entscheidung geführt haben dürfte. Vielmehr ging es wohl um die sinkenden Einnahmen des Staates durch Anschläge von Rebellen im Nigerdelta gegen Ölförderanlagen. Um 20 Prozent ging die Förderung innerhalb von nur zwei Jahren zurück - ein empfindlicher Schlag für den nigerianischen Staatshaushalt.

Die Sprengstoffanschläge auf Pipelines haben aber nicht nur den Fluss des Öls in den Hafen von Lagos verlangsamt, sondern auch die bereits bestehende Ölverschmutzung im Delta erhöht, ebenso wie den Öldiebstahl aus "angezapften" Pipelines. Damit wollen sich Deltabewohner wenigstens einen Teil des wertvollen Öls sichern.

Von Eva Krafczyk/DPA
 
 
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