Wieder sind Urlauber durch Weltkriegsmunition im Meer zu Schaden gekommen. Experten warnen: Die alten Bomben rosten durch, in Zukunft könnten häufiger gefährliche Stoffe an die deutschen Küsten geschwemmt werden. Von Axel Bojanowski

Phosphor wird in Flüssigkeit gelagert, weil er sich an der Luft sofort entzündet© Andrew Lambert/Agentur Focus
Endlich schien wieder die Sonne auf Fehmarn. Es war der 5. August, ein Sonntag, und für Karen Stehr aus Norderstedt und ihre beiden Kinder der erste Badetag ihrer Ostsee-Ferien. Doch kurz nachdem sie am Gammendorfer Strand die Handtücher ausgebreitet hatten, fand der Urlaub ein jähes Ende: Die sechsjährige Annika und ihr neunjähriger Bruder Christopher, die gerade noch fröhlich im Sand gespielt hatten, schrien plötzlich vor Schmerzen. Binnen Sekunden löste sich die Haut von den Fußsohlen der Kinder, brennende Wunden taten sich auf. Aus dem Sand stieg weißer Dampf.

Die Fußsohlen der sechsjährigen Annika hat das Gift großflächig verbrannt© Stefan Sauer/DPA
Im Fehmarner Krankenhaus in Burg vermochten die Ärzte keine Diagnose zu stellen. Sie reinigten die Wunden der Kinder und gaben ihnen Schmerzmittel. Erst die Polizei fand die Lösung des Rätsels: "Am Strand wurden Spuren von Phosphor gefunden", sagt Revierleiter Folkert Loose.
Das Material, das zuweilen an die Küsten von Nord- und Ostsee getrieben wird, ist im wahrsten Sinne des Wortes brandgefährlich. Schon die Berührung des feuchten Phosphors, der auf den ersten Blick wie Bernstein aussieht, birgt Risiken. Gelangen Spuren des toxischen Stoffs von den Händen in den Mund, können Leber, Nieren und Magen geschädigt werden. Und sobald die Brocken getrocknet sind, verbindet sich der Phosphor mit Sauerstoff aus der Luft - es entsteht ein 1300 Grad heißes Feuer, das nur mit Sand zu löschen ist. Der Rauch ist hochgiftig.
Die tückische Substanz ist eine Altlast aus dem Zweiten Weltkrieg - und es ist längst nicht die einzige. Hunderttausende Tonnen Sprengstoff und chemische Munition liegen auf dem Grund von Nord- und Ostsee. Teils sind es Bomben der Alliierten, teils deutsche Kampfstoffe, die man nach dem Krieg unter oft chaotischen Umständen dort entsorgt hat. So wurden große Mengen Munition nicht an den vorgesehenen tiefen Stellen versenkt, weil die pro Ladung entlohnten Bootsführer so schnell wie möglich die nächste Fracht aufnehmen wollten. Viele Munitionslagerplätze sind noch heute unbekannt, und das gefährliche Material kann zudem durch Strömungen weit abgetrieben werden.
Erst kürzlich entdeckte ein Fernsehteam in der Kieler Förde 70 Torpedo-Sprengköpfe und Minen. 2001 waren zwei Dutzend Wasserbomben und 3500 Granaten in der Flensburger Förde gefunden worden. In einem Fischerei-Bericht aus dem Jahre 2000 räumte die schleswig-holsteinische Landesregierung ein, dass Explosionskörper in der Ostsee "allgegenwärtig" seien.
Die Küstengewässer der Ostsee, so heißt es in einer Regierungsantwort auf eine FDP-Anfrage ein Jahr danach, seien "auch außerhalb der bekannten Versenkungsgebiete stark kampfmittelbelastet". Auf Fehmarn bestehe gewöhnlich keine Gefahr, versichert Polizeirevierleiter Loose: "Der Unfall war ein Einzelfall." Allerdings häufen sich an den Küsten die "Einzelfälle".
Übernommen aus ...
Ausgabe 34/2007
Erste Hilfe Was Sie tun können, wenn Sie am Strand mit Phosphor in Berührung gekommen sind:
Professor Lucas Wessel, Leiter der
Kinderchirurgie an der Uniklinik Lübeck, rät:
1. Brennende Körperstelle löschen, am
besten mit Sand. Oder versuchen,
den Brand mit einer Decke zu ersticken.
Kein Wasser verwenden!
2. Nicht ins Wasser gehen! Im Wasser
beschleunigt sich die Verbrennung.
3. Einen Notarzt rufen.
4. Alle Ablagerungen und fremde
Substanzen am Körper mit einem Tuch
abwischen, damit die Verbrennung
nicht wieder aufflammen kann.
5. Wenn sie restlos gesäubert ist, Wunde
mit einem trockenen Tuch abdecken.