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AUDI A8: Alu, Technik und Langeweile

Der A8 spielte im Konzert der Luxusfahrzeuge nur noch die kleine Geige. Seit dem Beginn der Fertigung bekam das Fossil nur kosmetische Korrekturen verpasst. Jetzt kommt sein Nachfolger.

»Vorsprung durch Technik« - Audis ewig jungem Werbeslogan musste in letzter Zeit Federn lassen. Ausgerechnet das Flaggschiff A8 wollte nicht mehr in die selbst gesteckte Schablone passen. Der große Ingolstädter spielte im Konzert der Luxusfahrzeuge zunehmend nur noch die kleine Geige. Kein Wunder, seit dem Beginn der Fertigung im April 1994 bekam das Fossil mit den vier Ringen nur kosmetische Korrekturen verpasst.

Kein Schnickschnack

Nun darf der Oldie endlich ins Altersheim. Ab Herbst schickt Audi einen neuen Luxus-Schlitten zu den Kunden. Die müssen sich wenigstens nicht an ein allzu neues Design gewöhnen. Vom TT abgesehen, waren die Audi-Designer noch nie gut darin, echte Hingucker zu entwerfen. Ein Audi ist ein Audi ist ein Audi - da muss man nicht mit Schnickschnack protzen. Dennoch zieht der Neue im Vergleich mit der filigranen S-Klasse und dem strittigen, dafür aber innovativen 7er den Kürzeren.

Konservative Linienführung

Da hilft dann auch kein aufgeblähtes Werbe-Gelaber: »Weit gespannte und deutlich überwölbte Flächen werden von präzise geführten Linien eingefasst« tönt die Audi-Pressestelle und versucht damit, der konservativen Linienführung sportliches Leben einzuhauchen. In der Praxis heißt das: Eine gedrungene Form, die erst durch einige Zubehörteile dezente Sportlichkeit vermittelt. So wirkt die A8-Schnauze nur durch die großen Klarglas-Scheinwerfer und die bullige Frontschürze attraktiv.

Wenig Raum für Experimente

Von der Seite betrachtet dominieren bei den ersten Werksbildern die riesigen Felgen, die jedoch wohl nur gegen deutlichen Aufpreis erhältlich sein werden. Neu ist auch ein Knick im Metall, der sich vom Frontspoiler über die Schulterlinie bis zum Heck erstreckt. Der Falz trennt zumindest optisch das Dach vom restlichen Fahrzeug, was den Audi noch gedrungener erscheinen lässt. Am Heck schließlich ein Hauch von Phaeton - aber nur ein Hauch. Vor allem die Rückleuchten erinnern an den großen VW-Bruder. Der Rest ist bekannt. Ein tiefer Heckspoiler, sichtbare Auspuffendrohre im schicken Aluminium-Look und das deutlich gewachsene Audi-Logo auf der Heckklappe lassen wenig Raum für Experimente.

Ein Motorradfahrer will kräftig angeben und blamiert sich heftig.

Alles Alu

Unter der 5051 Millimeter langen, konservativen Hülle, so versprechen die Audi-Strategen, steckt innovative Technik. Allen voran natürlich der bekannte Aluminium-Rahmen (Audi Space Frame), der auch schon dem A8-Vorgänger Gewichtsersparnis und Anerkennung brachte. In Verbindung mit dem Quattro-Allradantrieb ist diese Kombination einzigartig im automobilen Luxussegment. Zum Saisonstart werden zwei V8-Motoren dem mindestens 1.780 Kilo schweren A8 Beine machen. Einstiegs-Triebwerk ist dabei der kleine V8, der seine 280 PS aus 3,7 Litern Hubraum schöpft. 55 Klamotten mehr hat der A8-Kunde zur Verfügung, der sich für die 4,2 Liter-Variante entscheidet. Bei Motoren schieben den großen Audi auf 250 Stundenkilometer, wo die Elektronik dem Vortrieb ein Ende setzt. Diesel- und Zwölfzylinder-Fans müssen wohl noch bis 2003 warten.

Multimedia-Spielzeug

Am deutlichsten wird der Modellwechsel beim Blick in die gute A8-Stube. Vom bulligen, etwas überladen wirkenden Cockpit des Vorgängers ist nichts mehr übrig. Ein fast schon winziges Armaturenbrett macht optisch Platz für die nun dominierende Mittelkonsole, die den Innenraum in zwei Teile spaltet. Ähnlich wie beim 7er BMW befinden sich auch beim A8 nun die wichtigsten Bedienelemente auf der Mittelkonsole. MMI (Multi-Media-Interface) nennen die Ingolstädter ihr neues Bedienkonzept, das zumindest optisch nichts mit dem »iDrive«-System der Münchner Konkurrenz zu tun hat.

Dahinter steckt dennoch die gleiche Idee. Auch Audis MMI fasst die wichtigsten Kommunikations- und Informationsangebot des Fahrzeugs zusammen. Je nach Ausstattungsvariante verstecken sich unter den wenigen Knöpfen und dem Dreh-Drück-Knubbel eine Vielzahl von Funktionen. So lassen sich die wichtigsten Daten des Bordcomputers, das optionale Navigationssystem, die Luftfederung und das Mobiltelefon steuern. Später wird MMI auch noch online gehen dürfen. Was bisher jedoch noch fehlt, sind die Online-Dienste. Audi setzt im Unterschied zur Konkurrenz nämlich nicht auf den WAP-Standard sondern möchte die solvente Kundschaft mit abgespeckten HTML-Seiten verwöhnen. Neu ist auch der Farbmonitor des Navigationssystem. Der Bildschirm im 16:9-Format versteckt sich bis zu seinem Einsatz im Armaturenbrett und klappt nur bei Bedarf in den sichtbaren Bereich.

Leckeres Lenkrad?

Ob das auf den ersten Bildern sichtbare Vier-Speichen-Lenkrad genau so in Serie gehen wird, bleibt abzuwarten. Das mickrige Volant wirkt im großzügigen Innenraum nämlich derart verloren, dass viele Kunden wohl gern auf die bekannten Audi-Lenkräder zurückgreifen werden. Ein echtes Highlight ist dagegen die sechsstufige Tiptronic-Schaltung, die sich auf Wunsch auch über zwei Schaltwippen am Lenkrad dirigieren lässt.

Wo bleibt der Mut?

Es ist auf den ersten Blick nicht der große Sprung, zu dem Audi mit dem neuen A8 ansetzt. Eher ein kleiner Hüpfer zurück ins Luxus-Segment. Ob die versteckten Highlights wie die das MMI-System oder die Luftfederung ausreichen werden, die Konkurrenz auszustechen, ist ungewiss. Vielleicht hätten sich die Verantwortlichen unter den vier Ringen etwas mehr an dem auf der IAA in Frankfurt vorgestellten Riesen-Kombi Avantissimo orientieren sollen. Dessen mutiges Design galt eigentlich als Vorlage für den neuen A8. Geblieben von der weithin sichtbaren Innovationskraft ist wenig. Leider.

Jochen Knecht

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