AUTO Rollender Gameboy

Spötter munkeln, das Heck des neuen 7er aus München sei eine Entwicklungspanne. Der Kofferraumdeckel wirke wie ursprünglich vergessen, dann in letzter Sekunde als Bürzel nachträglich draufgepappt.

Spötter munkeln, das Heck des neuen 7er aus München sei eine Entwicklungspanne. Der Kofferraumdeckel wirke wie ursprünglich vergessen, dann in letzter Sekunde als Bürzel nachträglich draufgepappt. BMW-Vorstand Burkhard Göschel sieht¿s natürlich anders. Für ihn ist der weißblaue Luxusliner eine »Skulptur, die neue Maßstäbe setzt«.

Alles Geschmackssache. Auf alle Fälle reichlich Stoff für hitzige Diskussionen unter Marken-Fans und -Gegnern. Die gehen bei dem neuartigen Bedienkonzept erst richtig los. »iDrive« heißt die Kombination aus Minibildschirm und »Controller«. Das ist ein wuchtiger Knopf im Format einer umgestülpten Kaffeetasse in der Mittelkonsole.

Zur Einstellung von Klima, Navigation, Audio, Telefon oder Fahrwerkshärte gibt es keine Schalter und Tasten mehr. Stattdessen ist Drehen, Schieben und Drücken am Controller angesagt. Damit werden acht kreisförmig angeordnete Hauptmenüs angesteuert, die dann zur Feinjustierung rund 700 Untermenüs anbieten. Klingt verwirrend, klappt aber auch ohne Computerkurs auf Anhieb. Tröstlich immerhin, der neue 7er fährt auch ohne Griff zum Drehknopf. Wie, klärt ein stern-Fahrbericht.

Glanz & Gloria: avantgardistisch.

Wer diesen Bayern lenkt, gilt als gut betuchter Elektronik-Freak - im Gegensatz zum S-Klasse-Kunden von Mercedes. Den sieht der 7er-Freund eher als Herrenfahrer mit Bundesschatzbriefen im Depot. Der BMW ist mehr was für lifestylige Gaspedaltreter, die wissen, was der Neue Markt ist und wie man auf dem WAP-Handy rumdudelt. Zeitgeistige Showtime im rollenden Gameboy.

Gleiten & Geniessen: abgehoben.

Auch ohne die elektronisch veränderbaren Fahrwerkseinstellungen (Sonderausstattung) schwebt der 7er wie ein fliegender Teppich über die Straße. Vorn gibt es Raumschiff-ambiente mit Kuschelfaktor, hinten britischen Clubkomfort. Ungewohnt, aber superbequem läuft die Getriebesteuerung per Stummelschalter am Lenkrad. Für rückwärts, vorwärts oder parken genügt jeweils nur ein Fingertipp. Ein Flop ist nur die elektrische Sitzverstellung. Die Schalter sind zu kompliziert und zudem zwischen Oberschenkel und Seitenteil der Mittelkonsole so platziert, dass man nur mit verdrehten Handgelenken dran kommt.

Gas & Spass: stürmisch.

Keine andere Zweitonnen-Limousine lässt sich so leichtfüßig und flott um die Kurve jagen. Dafür sorgen zwei Weltpremieren im Autobau. Erstens ein mächtiger Achtzylindermotor, dessen vorausschauendes Elektronik-Management den Kraftbedarf der Fahrweise anpasst. Vom Boulevard-Bummeln bis zum Sportwagen-Scheuchen ist alles drin - bei erstaunlich niedrigem Spritverbrauch (siehe Kasten). Flott und relativ sparsam unterwegs zu sein, ermöglicht die zweite Weltpremiere, das sechsstufige Automatikgetriebe, das schnell und ruckfrei arbeitet und stets die größtmögliche Power an die Hinterräder weiterleitet. Die rollen wie angeklebt über alle Pistenbeläge. Die Lenkpräzision ist sportwagenähnlich, obwohl sie mitunter erschreckend leichtgängig wirkt.

Drum & Dran: hinterhältig.

Der 7er ist zwar billiger als die vergleichbare S-Klasse, dafür sind die Sonderzutaten happig. Während die Lenkradheizung (293 Mark) verzichtbar sein mag, sollte Bi-Xenon-Licht (1858 Mark) in dieser Klasse drin sein.

Fazit: faszinierend.

Der frisch aufgelegte 7er BMW ist der neue Maßstab unter den Spitzenlimousinen. Power und Luxus bieten auch andere in dieser Schwergewichtsklasse. Aber keiner bringt Komfort und Sportlichkeit so unter einen Hut wie das bayerische Flaggschiff.

Peter Weyer


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