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Audi A1: Der edle Aufpreis-Zwerg

Der A1 soll die Jungen und Schönen im Lande begeistern. Stolz zeigt der kleine Audi seinen Markengrill vor, verweist auf gute Verarbeitung und schillert mit putzigen Ausstattungsideen. Das reicht, denn unter der Hülle steckt ein Polo. Und das ist ja ein gutes Auto.

Von Gernot Kramper

Audi wird kleiner – der A1 soll eine junge, urbane Gruppe gewinnen, Käufer, die - so Audi - "teilweise unter 30" sind, meist also die 40 ansteuern. Dabei rechnet man mit einem Frauenanteil von bis zu 50 Prozent. Um den A1 als Romeo für die Dame auszustatten, hat man in Ingolstadt tief in den Schminkkoffer gegriffen. Den Innenraum kann frau mit Farbtupfern und Stylingpaketen nach Herzenslust verzieren. Sie kann die Polster wählen, über Verkleidungen entscheiden und die Einfassungen kolorieren. Bunter wird der A1 dadurch allemal. Ob die Farbenpracht immer Stil beweist, ist eine Geschmacksfrage. Der Höhepunkt der Ausgelassenheit tobt sich an den Dachholmen aus. Sie können in vier verschiedenen Farben bestellt werden und bilden dann reizvolle Kontraste zur Karosserie.

Erwachsenes Fahrgefühl

Mit zunächst vier Motorisierungen kommt der A1 in den Handel. Alle mit Turbolader und alle Direkteinspritzer. Die Benziner leisten 86 PS und 122 PS. Den 1,6 Liter Diesel gibt es mit 90 PS und 105 PS. Die Motorleistungen reichen aus, führen aber nicht zum Zungenschnalzen. Früher oder später wird Audi hier nachrüsten, schon allein um in der Flotte der Poloderivate nicht den Konzernschwestern hinterherzufahren.

Sitzt man im City-Styler, fährt sich der A1 ausgesprochen Audi-like. Der Original-Polo ist keine Klapperkiste, aber in Ingolstadt hat man noch einmal merklich nachgelegt. Dass die Innenanmutung der Testwagen nicht an einen Butter-Brot-Kleinwagen erinnert, überrascht nicht. Hier wurde alles verbaut, was die Ausstattungsliste hergibt. Dominant wirken die farblich abgesetzten Ringe der Lüftungsdüsen. Aber auch ohne weitere Extras überzeugt die Ruhe im Abteil. Fahrverhalten und Lenkung wirken fest und solide, wie in einem deutlich größeren Auto. Der Federungskomfort ist gebremst sportlich. Kopfsteinpflaster bügelt die Federung zwar nicht weg, von echter Härte ist aber auch nichts zu spüren.

Der derzeit kleinste Audi ist 3,95 Meter lang und 1,74 Meter breit, in der Basisausführung bringt das Auto 1040 Kilogramm auf die Waage. Wer sich in der Ausstattungsliste vergreift, wird den Gewichtsvorteil schnell durch Zierrat wettmachen. Manche Wagen wollen mit äußeren Reizen innere Mängel überspielen, so etwas kann man dem Audi nicht vorwerfen. Auch längere, schnelle Strecken werden im A1 nicht zur Qual. Rennatmosphäre vermittelt der A1 jedoch nicht. Wo der Mini mit Kartgemäßem Spaßfaktor lockt, wirkt der A1 erstaunlich erwachsen für seine Größe. Der A1 bleibt einer Grundidee treu: Er ist ein vergnügliches City-Fahrzeug, das in den höheren Motorisierungen auch auf der Landstraße und der Autobahn bestehen kann.

Audi A1 1.6 TDI: Ganz schön riesig, der Kleine

Auf den hinteren Plätzen sitzt man so bescheiden, wie die bunten Dachholme von außen vermuten lassen. Der Einstieg ist beschwerlich, trotzdem kann man hinten einigermaßen sitzen. Der avisierten Zielgruppe großstädtischer Hedonisten kann die Quetschpackung der Passagiere allerdings gleich sein. Sie fahren allein oder zu zweit. Für den Weg vom Restaurant in die Bar tun es die beiden Sperrsitze sicher. Im Audi A1 dient die zweite Reihe vor allem der Vergrößerung des Stauvolumens, obwohl der Kofferraum mit 270 Litern bereits relativ großzügig ausfällt.

Wo ist das Besondere?

Für die Audi AG ist der Kleine ein großer Schritt. Er verjüngt die Marke, legt außen mehr Wert auf Spaß als auf Seriosität und wird auf Dauer auch helfen, den Flottenverbrauch in einen attraktiven Korridor abzusenken. Wer nicht eingefleischter Audi-Fan ist, wird weniger euphorisch reagieren. Wenn der A1 als erstes Premiumfahrzeug in dieser Größe gefeiert wird, gelingt der PR-Trick nur, weil die Mitbewerber entweder nicht als premium-würdig gelten oder einen Tick größer sind. Für Autofreaks fehlt der große Aufschlag. Bunt bemalte Seitenholme können schlecht den "Vorsprung durch Technik" signalisieren. Der alte A2 war in jeder Beziehung ein Wagnis und ein Meilenstein, der A1 bleibt der hübsche Aufguss des Polos. Dass man für einen gehörigen Aufpreis Entertainment-Features aus dem A8 bestellen kann, wird die allerwenigsten Kunden beeindrucken. Für den Einstiegspreis von 15.800 Euro gibt es bei Audi nicht einmal eine Klimaanlage. Wenn zum Premium-Fahrzeug mehr gehören soll als Kühlergrill und Audi-Ringe, muss mit einer gehörigen Aufpreisquote gerechnet werden. Selbst mit dem kleinen Motor sollten 20.000 Euro eingeplant werden.

Teurer kann billiger werden

Letztlich wird es dem Kunden, der nach Premiumwürden lechzt, egal sein, dass man für deutlich weniger Geld ein in vieler Hinsicht identisches Auto von Seat oder Skoda kaufen kann. Für den Aufsteiger bleibt der A1 die exklusive Version des Autos des Jahres 2010. Da die Begeisterung für Edelmarken nicht abreißt, dürfte der Wiederverkaufswert für den A1 relativ hoch sein. Der Mini macht es vor: Wer einen "unvernünftigen" Mini kauft, steht nach vier Jahren besser da, als wenn er sein Geld in einen grundsoliden Familienwagen investiert hätte.

Der A1 wird sich daher preiswerter fahren lassen, als sein Listenpreis suggeriert. Dennoch muss die Entscheidung für diesen Wagen aus dem Herzen kommen. Neben dem edlen Image, den bunten Holmen und dem schicken Aussehen gibt es eigentlich keinen Grund, warum man zum A1 und nicht zum Polo greifen sollte.

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