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Mercedes Benz S-Klasse: Die neue Neid-Klasse

Wellness, Style, Dynamik: Die neue S-Klasse hat alles Mögliche, aber nur eines ist sie nicht: wohlstands-bräsig. Die Kraft ihrer Erscheinung reicht aus, damit alle bisher geltenden Maßstäbe im Oberhaus des Autobaus neu vermessen werden müssen.

Von Gernot Kramper

Die Latte liegt hoch für den neuen Luxus-Benz. Der Vorgänger schlägt sich im letzten Produktionssjahr wacker in der Zulassungsstatistik. Ein Zeichen, dass er seine Atrraktivität kein bisschen verloren hat. Sein Glanz wird jetzt unverdient und plötzlich erlöschen, denn eine neue Sonne geht auf. Die neue S-Klasse ist nicht nur ein besseres Auto, die Kraft ihrer Erscheinung reicht aus, dass alle bisher geltenden Maßstäbe im Oberhaus des Autobaus neu vermessen werden müssen.

Die lichte Eleganz und vornehme Zurückhaltung des alten Modells wird aufgegeben. Bei der Vorstellung des Vorgängers wurde sein Understatement wohlwollend aufgenommen, der Vor-Vorgänger (Die Kanzler-Kohl-Klasse) trug so dick auf, dass Mercedes zeitweise zum Gespött der Republik wurde. Der Neue stellt seinen Grill entschieden in den Wind, scharf geschlitzte Augen blicken gefährlich drein. Am Auffälligsten wirken die erhaben herausgestellten Radkästen, diese S-Klasse steht wie ein Boxer auf der Straße, kraftvoll und dynamisch, ein Kämpfer auf dem Absprung. Herausragend und mutig die "Wulst" um den Kofferraum. Die S-Klasse übernimmt viele Ideen vom Maybach und bringt dabei die operettenhafte Pracht der Luxusmarke auf ein "verschärfteres" Niveau. Die böse Verbindung "Luxuswagen = alte Männer in langweiligen Anzügen" taucht so gar nicht erst auf.

Technik, die dient

Viel dienstbare Technik umsorgt Fahrer und Passagiere, ihre Omnipräsenz sollte daran erinnern, dass die Listenpreise nur ein erstes Eintritts-Billett in die S-Welt darstellen. Das neue Commandsystem arbeitet ähnlich wie das I-Drive System von BMW. Unterstützt von einer sehr ästhetisch angeordneten Schalterleiste kommt man ohne Vorkenntnisse und Mühe in die Tiefen der Steuerung. Insgesamt reichen elf Tasten angeordnet in einer Linie am Armaturenbrett, der zentrale Dreh-Drückregler (Command-Controller) auf der Mittelkonsole und nur fünf weitere Tasten aus, um das Wunderwerk zu beherrschen. Die Bedienung des Wagens macht auch ohne Lesen der Anleitung keinerlei Probleme. Ob alle elektronischen Helferchen notwendig sind, muss der Kunde selbst entscheiden. Ob man tatsächlich in der Lage ist, stundenlang zusätzlich zum Blick durch die Scheibe den Monitor eines Nachtsichtgerätes bei einer Fahrt durch den bayerischen Wald im Auge zu behalten, damit man einen verirrten Wanderer am Straßenrand schneller ausmachen kann, darf mit Recht bezweifelt werden. Unverzichtbar für Vielfahrer ist dagegen die Distronic (Aufpreis 2668 Euro). Sie hält den Wagen radarunterstützt auf Distanz zum Vordermann, und bremst ihn bei Bedarf bis zum Stillstand herunter. Zu den Sicherheitsfeatures gehört auch der neue optionale Bremsassistent, mittels Radarüberwachung leitet er eine Notbremsung ein, sollte der Fahrer nichts unternehmen, um eine Kollision zu vermeiden.

Ganz entspannt im Hier und Jetzt

In der S-Klasse drängt sich die Technik nicht in den Vordergrund. Der Fahrer wird zunächst von dem Eindruck eines extrem wertvollen Interieurs geblendet. Die Instrumente liegen im Blick, Schalter und Einstellmöglichkeiten sind ergonomisch in Reichweite. Die Verstellbarkeit der Sessel ist nicht neu, aber ein schönes Bespiel für die MB-Philosophie. Anstatt blind an unter der Sesselkante herumzufingern, sind die Schalter hier, wie es sich gehört, in den Innenverkleidungen der Türen angebracht. Leicht zu erreichen, gut im Blick und so geformt, dass man intuitiv den richtigen Knopf findet. In keinem Sessel erreicht man entspannter sein Ziel, als in denen der neuen S-Klasse. Die Möglichkeiten, die Sessel individuell zu konfigurieren sind praktisch endlos.

Die Ruhe der Stille

Die Geräuschdämmung beeindruckt Fahrer und Beifahrer. In einer plärrenden und lärmenden Welt ist Stille ein Luxusgut, und dieses Gut produziert die S-Klasse in Vollendung. Eben gerade so viele Laute dringen herein, dass man nicht von völliger Stille irritiert ist. Selbst extremes Durchtreten produziert keinen Missklang. Allein die Orgel-Fraktion, bei denen der Achtzylinder auch mal durch Mark und Bein dröhnen muss, wird unzufrieden sein. Die Luftfederung reduziert die Wankbewegung in den Kurven. Die Active Body Control, das ABC-Plus-Fahrwerk, bietet noch mehr, notwendig ist es angesichts des "normalen" Niveaus sicherlich nicht.

Kurven schlecken

Das Terrain des großen Benz ist nicht allein die Autobahn, bei der Fahrt über die Alpenpässe der Schweiz überraschte die Leidenschaft für kurvenreiche Strecken. Der Wagen huscht so laut- wie mühelos die Fahrbahn. Auch auf den aufgerissenen, von Schründen zerfurchten Böden des Maloja-Passes herrscht die Ruhe der frisch geteerten Strecke. Nur mit Mühe gelang es dort einem Fahrer in einem Lancia Delta HF Integrale, den Anschluss an den 500er zu halten. Zugegeben die italienische Rakete ist nicht mehr ganz taufrisch, aber immerhin. Die Lenkung des Mercedes reagiert sehr präzise, der Zwei-Tonner dreht exakt und willig ein. Agilität und Handlichkeit überzeugen. In gar keinem Fall fühlt man sich, als bewege man einen Ozeanriesen. Der Bereich der sicheren Haftung erstreckt sich sehr weit, bei allem Fahrermut ließ sich kein ESP-Eingriff hervorrufen.

Die Motoren

Zur Markteinführung werden zwei Motoren angeboten. Der Sechszylinder Benziner im S 350 mit 272 PS und einem maximalen Drehmoment von 350 Newtonmeter sowie der neue 5,5 Liter Achtzylinder im S 500. Anfang 2006 kommt der kleine Sechszylinder-Diesel im S 320 D, und später folgt ein Achtzylinder-Diesel. Auf der Detroit Motor Show im Januar 2006 wird der S 600 mit Zwölf-Zylinder-Motor vorgestellt. Der neue Achtzylinder ist also jetzt der spannendste Motor. 388 PS und 530 Newtonmeter Drehmoment sorgen für mehr als ausreichende Fahrleistungen. In 5,4 Sekunden geht es von 0 auf 100 km/h, die Höchstgeschwindigkeit liegt bei abgeregelten 250 km/h. Der Durchschnittsverbrauch wird mit unter zwölf Litern angegeben. Dieser Wert deckt sich mit den Eindrücken der Testfahrt. Angesichts von Fahrzeuggröße und Fahrleistungen ist das ein beachtlicher Wert.

Jenseits von Eden

Billig ist so ein Wagen natürlich nicht. Die Welt des großen "S" beginnt mit dem kurzen S 350 bei etwas über 70.000 Euro, die Langversion kommt mit erweiterter Ausstattung auf 78.000 Euro. Der S 500 startet bei knapp 90. 000 Euro. Für den Wagen mit langem Radstand werden und erreichen mehr als 95.000 Euro. Damit ist allerdings erst die Basisausstattung gesichert für Sonderausstattungen sollten weitere 20.000 Euro einkalkuliert werden.

Der Hammer Stuttgarts

Kein Wagen unter der Sonne, der so ist wie dieser. Früher war diese Klasse den langweiligen Staatsmännern vorbehalten. Kurzfristig wurde die Oberklasse dann so sportlich, dass man nicht recht erklären sollte, warum es ein A8 und nicht ein A6 oder ein Siebener anstelle des Fünfers sein sollte. Die neue S-Klasse setzt Maßstäbe. In Fahrsicherheit und Technik erwartet man von den Schwaben ein Meisterstück. Dies haben sie auch abgeliefert, aber daneben haben sie konzeptionell die Gattung "Luxuswagen" auf ein neues Niveau gehoben. In den gegensätzlichen Paaren Sportlichkeit-Luxus, Eleganz-Power und Komfort-Dynamik sind neue Konstellationen entstanden, denen sich die Konkurrenten noch stellen müssen.

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Oldtimer gekauft - bei Instandsetzung Unfallschäden entdeckt
Hallo, ich habe mir vor ein paar Wochen einen amerikanischen Oldtimer gekauft - ein Import aus den Staaten, bekam hier eine Vollabnahme und H-Gutachten. Aufgrund der Entfernung konnte ich den Wagen jedoch lediglich auf Fotomaterial besichtigen und auf den Fotos sah er aber sehr gut aus - hatte wenig Laufleistung und wurde auch beim Gespräch mit dem Verkäufer am Telefon mit einem guten Zustand beworben. Nach der Lieferung fielen mir dann sofort 2 Roststellen auf, wo ich mir noch sagte "Hey - das Auto ist 40 Jahre alt - darf es haben, also reparierst du es einfach". Bei der Reparatur stellen sich dann jedoch weitere Roststellen heraus, die sogar zur Demontage der Innenverkleidungen, Kotflügel und Windschutzscheibe führten. Aber Ok - altes Auto. Der Wagen ging daraufhin zum Lackierer und wurde dort weiter behandelt. Dabei kamen dann weitere Mängel zum Vorschein: Die Beifahrertüre wurde bereits im unteren Bereich dick mit Spachtel überzogen - die Unterkante wurde ausgetauscht und von innen nicht versiegelt - das Blech rostete durch. Jedoch war das gesamte untere Türdrittel komplett verbeult - dazu braucht es schon einen recht großen Hammer. Ca. 8mm dicke Spachtelbrocken musste ich abschlagen. An einer Stelle wurde das Blech der Seitenwand bereits ausgetauscht. Durch die schlechte Arbeit waren Blechteile vollständig durchrostet. Auf der anderen Seitenwand hatte der Wagen einen weiteren Treffer kassiert - das Blech war eingedrückt und wurde mit massig Spachtel übergetüncht. Von außen nur anhand sehr schlechtem Lackbildes zu sehen und von innen sind deutlich Schweißpunkte vom Blechzughammer erkennbar. Auch die Seitenscheiben waren stümperhaft montiert. Diese wurden nicht mit Scheibenkleber, sondern einer kaugummiartigen Substanz montiert und fielen bei der Demontage der Zierleisten dem Lackierer bereits entgegen. Laut Verkäufer wurden die Seitenwände zwar überlackiert (was man auch sehen konnte), ein Grund wurde jedoch nicht genannt - angeblich schlechter Lack oder Kratzer. Nun meine Frage: Im Kaufvertrag ist der Wagen wie folgt beschrieben: "Keine Unfallschäden laut Vorbesitzer" "Dem Verkäufer sind auf andere Weise keine Unfallschäden bekannt" Weitere Regelungen gibt es im Kaufvertrag nicht. Durch die Beseitigung der Durchrostungen an den unfachmännisch ausgeführten Blech- und Spachtelarbeiten ist der Preis für die Lackierung deutlich gestiegen. Kann man beim Verkäufer hierfür mitunter Schadensersatz geltend machen? Gekauft wurde das Fahrzeug Mitte Dezember 2018, geliefert in der 2ten KW im Januar. Danke im Voraus für eure Antworten.