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ADAC im Zwielicht: Die Macht der unheimlich reichen Engel

Der ADAC ist der größte Verein der Republik. Eine kleine Führungsmannschaft herrscht über ihn und ein riesiges Firmenimperium. Verantworten müssen sich die ADAC-Fürsten vor niemanden.

Der ADAC ist ein Gigant. Derzeit zählt der Club 18,8 Millionen Mitglieder. Zum Vergleich: SPD und CDU kommen jeweils auf etwa 470.000 Mitglieder. Während Parteien, Kirchen und Gewerkschaften mit dem Mitgliederschwund kämpfen, wächst der ADAC unverdrossen. Die Führung hat die 20 Millionen Marke im Visier. Und sie hat ein Mittel, das Sozial- und Christdemokraten und allen anderen fehlt: die Pannenhilfe. Der Ruf der Gelben Engel ist legendär. Der unermüdliche Einsatz der Helfer auf der Straße schaufelt zuverlässig immer neue Mitglieder in den Verein.

Die Titelgeschichte im aktuellen stern erklärt den Nimbus des Clubs, seine Glanzseiten, aber auch seine undurchsichtigen Verstrickungen. Schon die Zahl der Mitglieder macht den ADAC zu einer Größe in der Republik - ihre Mitgliedsbeiträge spülen über eine Milliarde Euro in die Vereinskassen, jährlich. Die obere Grafik zeigt die Stärke des Vereins von der Anzahl der Fahrer bis hin zu den unaufhaltsam steigenden Zahlen der Mitglieder. Inwieweit der Club, wie behauptet wird, tatsächlich für seine Mitglieder spricht, ist umstritten. Wieviele von den 18,8 Millionen für ihren Club auf die Straße gehen würden, weiß kein Mensch. Im Zweifel wollte das noch niemand ausloten. Eine offene Kraftprobe mit dem Autoclub hat noch jeder Politiker gescheut.

An und für sich wäre die schiere Größe kein Demokratie-Problem. Wenn 18,8 Millionen Mitglieder sich vereinen, ist das eine starke Gruppe. Die Macht konzentriert sich jedoch in den Händen einer kleinen Führungsgruppe, die nach den Maßstäben eines Schrebergartenvereins auserkoren und kontrolliert wird. Ein passendes Instrumentarium für diese Machtfülle ist das Vereinsrecht nicht. Hinzu kommt eine Besonderheit des ADAC: Kaum ein Mitglied beteiligt sich am inneren Vereinsleben inklusive der Wahlen.

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Dieses Desinteresse führt dazu, dass die Spitze des Clubs nahezu unantastbar ist. Sie kontrolliert und ergänzt sich letztlich selbst. Diese privilegierte Position verdankt die jetzige Führung allerdings auch ihrem Geschick. Bislang leitete sie den Club ohne große Skandale und Millionengräber. Vor diesem Hintergrund erklärt sich die Brisanz der manipulierten Leserwahl: Der Betrug kratzt am Bild, dass der Club und sein Vermögen in den besten Händen seien.

Autoexperte Ferdinand Dudenhöffer spricht im stern von "arroganten älteren Herren". Er und andere Experten kritisieren die selbstherrliche Führung, vor allem aber das Wirtschaftsimperium, welches der gemeinnützige Verein aufgebaut hat. Von Mietwagen über Reisebusse bis hin zu Verlagen: Es gibt fast nichts, was der ADAC nicht anbietet, wenn es nur irgendeinen Zusammenhang mit Mobilität hat. Die Infografik bietet eine Übersicht über die Kommerzaktivtäten des Clubs. Rechtlich wird strikt zwischen steuerbefreitem Club und kommerziellen Aktivitäten unterschieden. In der Praxis gibt es jedoch kaum einen Unterschied. Vor allem bei den Versicherungen durchschaut das normale Mitglied die formale Trennung nicht.

Der Club unternimmt alles, was rechtlich erlaubt ist, um diese Grauzone nicht zu erhellen. Schon die Ansprache im Verkaufsgespräch betont das heimelige "Wir" des Vereinsheims. Clubmitglieder erhalten bei den Versicherungen besondere Vergünstigungen. Das macht Mitglieder zu Kunden und Versicherungskunden umgekehrt zu Mitgliedern. Auch andere Vereine und gemeinnützige Organisationen arbeiten mit diesen Tricks. Doch der ADAC ist der unbestrittene Meister, dem selbst die Spitzenvereine der Fußballbundesliga nicht das Wasser reichen können.

Und wem gehört das ADAC-Imperium? Formal dem Verein und seinen Mitgliedern. Praktisch herrscht das Präsidium des ADAC über den Besitz, ohne wirksame Kontrolle oder störende Regularien, fast so als wäre es ihr ererbter Privatbesitz.

Mehr über den ADAC-Skandal lesen Sie im aktuellen stern.

Gernot Kramper
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