Auto Immer der Nase nach


Bei Audi gibt es Schnüffler. Nein, nicht, was Sie jetzt denken. Das Nasenteam ist Gerüchen wissenschaftlich auf der Spur, damit sie im Serienauto nicht zum Gestank werden.
Von Frank Janssen

Jeden Tag um elf gibt es in Raum 172 was auf die Nase. Wie immer herrscht ein ziemliches Gedränge in dem Kabuff, das keine acht Quadratmeter hat und mit Apparaturen schon weitgehend vollgestellt ist. Erst mal ist die Probe mit der Nummer zehn dran: Erika Seres nimmt zwei der Weckgläser aus dem Wärmeschrank und gibt sie in die Runde, eins nach links, eins nach rechts. Die Kollegen schrauben die Deckel auf, stecken ihre Riechorgane in die Öffnung, schnüffeln und machen die Deckel gleich wieder zu. Stumm geben sie die Gläser weiter und zücken die Kugelschreiber aus den Brusttaschen der Laborkittel.

Probe Nummer zehn, ein schwarzgraues Kunststoffteil, gehört zu den unangenehmen Kandidaten: riecht nach Kurzschluss einer Modelleisenbahn - verschmortes Plastik, Gummi und etwas Maschinenöl. "Stechend, scharf, verbrannt", schreibt Erika Seres in ihr Protokoll. "Stechend, Kunststoff ", notiert Anna Siebenhüter. "Ekliger Kunststoffgeruch", schreibt Ludwig Poll auf. "Verschmort", steht auf dem Zettel von Heiko Lüßmann-Geiger. Wie die Kommentare sind auch die Noten sehr ähnlich: Es gibt nur die 4,5 oder die 5. Die Skala reicht von 1 bis 6, wie in der Schule, nur bedeutet eine Eins hier "geruchlos", eine Sechs meint "unerträglich". Die zweite Probe riecht nicht ganz so schlimm wie die erste. Bisschen nach feuchter Spülmaschine mit Essensresten. Wieder gehen zwei Weckgläser (Marke: Leifheit Einmach-Spaß) herum. "Muffig, fettig", oder "Fettig, wie Leder", "Muffig, feucht, fettig", notieren die Schnüffler unabhängig voneinander auf den Bewertungsbögen. Noten: 3,5 oder 4.

Schnüffeln auf engstem Raum

Das Nasenteam von Audi ist sich weitgehend einig. Fünf Tage die Woche schnüffeln auf engstem Raum - das schult die Riechzellen. "Aber nach einer halben Stunde", sagt Heiko Lüßmann-Geiger, "hat man die Nase voll. Mehr als sechs oder sieben Proben am Tag gehen nicht." Dann ist der Geruchssinn abgestumpft.

Den Rest ihrer Arbeitszeit sind die sieben Mitglieder des Nasenteams ganz normale Chemiker und gehören zur Abteilung Qualitätssicherung, die im "Palais Winterkorn" untergebracht ist, so genannt nach dem heutigen VW-Konzernchef. Der hatte die Abteilung bei Audi Mitte der 80er Jahre gegründet. Das Nasenteam ist eine kleine, eingeschworene Gruppe. Aufnahmebedingungen: Nichtraucher, gute körperliche Hygiene, keine parfümierten Handcremes oder Deos, keine Duftwässerchen vor elf Uhr morgens, keine Besuche beim Griechen am Abend vorher. Wer Schnupfen hat, ist draußen, vorübergehend.

Auslöser für die Gründung der ungewöhnlichen Unterabteilung war zufällig ein Artikel im stern vom 5. Juni 1985. Überschrift: Dicke Luft. Der TÜV hatte für den stern Ausdünstungen aus Bauteilen von vier Personenwagen untersucht - VW Golf, Opel Kadett, Toyota Corolla und Audi 100. Letzterer war besonders unangenehm aufgefallen. 250 chemische Verbindungen hatten die Fachleute in seinem Innenraum aufgespürt. Martin Winterkorn, damals noch Hauptabteilungsleiter, versprach Gegenmaßnahmen. Im Jahr darauf kam Lüßmann-Geiger, der heute wegen multipler Sklerose im Rollstuhl sitzt, frisch von seinem Studium zu Audi. Seitdem ist er die Obernase dort und achtet mit seinem Team darauf, dass neue Autos vor allem wie Neuwagen riechen. Also: angenehm - oder jedenfalls nicht unangenehm.

Und erst recht nicht nach Zwiebeln. In den 70er und 80er Jahren wurden die Dämmmatten zwischen Bodenblech und Teppichen aus Stoffresten gemacht. Gern genommen: Überbleibsel aus der Jeansproduktion, zerhäckselt und mit Phenolharz getränkt. "Ein guter Dämmstoff war das", sagt Lüßmann-Geiger. "Billig, hart und leicht." Dumm nur, wenn die Matten feucht wurden. "Das riecht dann wie Bahnhofsklo, weil Harnstoff drin ist." Und einmal, da hat der Lieferant ein anderes Rohmaterial verwendet als Jeansreste. Es dauerte eine Weile, bis die Ursache für den schwefeligen Gestank gefunden war: Es handelte sich um recycelte Zwiebelsäcke.

Das Nasenteam arbeitet im Hintergrund

"Manchmal ist der Grund des Geruchs offenkundig", sagt Heiko Lüßmann-Geiger. "Und manchmal krabbelt man ewig in einem Auto herum." Zum besseren Aufspüren wird das Fahrzeug mit Heizstrahlern stark erwärmt - und dann wird schnell eingestiegen und geschnüffelt. Eine extrem schweißtreibende Angelegenheit bei 65 Grad. Für einzelne Teile gibt es eine speziell angefertigte Kammer mit einem Volumen von einem Kubikmeter. Und für zerkleinerte Proben den Wärmeschrank in Raum 172.

Da der Geruchssinn sehr stark auf das Unterbewusstsein wirkt, arbeitet das Nasenteam weitgehend im Hintergrund. Ruhm ist in dieser Abteilung kaum zu erlangen, weil ihr Wirken eben darauf ausgerichtet ist, dass etwas nicht auffällt. "Wenn der Kunde einen Geruch nicht registriert, dann kann er ihn auch nicht stören", sagt Lüßmann-Geiger. Für ihn ist dies das Ziel seiner Arbeit. Denn dann sind die Sinne des Autofahrers offen für andere Eindrücke, für Farbe, Akustik, Beschleunigung bis hin zum Design. "Aber wehe, der Geruch ist schlecht. Dann werden die anderen Eigenschaften des Fahrzeugs negativer wahrgenommen."

Wenn ein neues Auto einen Geruch haben soll, dann den nach neuem Auto. Was das ist? Eine Mischung aus Kunststoffen und Schaum, möglichst unaufdringlich. 500 Teile pro Auto werden vom Nasenteam getestet. "Und wenn das Auto Ledersitze hat, dann soll es natürlich auch nach Leder duften und nicht nach Luftmatratze von Aldi", sagt Ludwig Poll, Doktor der Chemie und langjähriges Mitglied im Nasenteam. "Schließlich zahlt der Kunde dafür ja auch kräftig."

Analysen im Labor

Aktuelles Schnüffelobjekt im Chemielabor des Teams: eine Mittelkonsole, ein großes Kunststoffteil. Aus welchem Auto die ist, verrät Poll nicht. Vielleicht aus dem A4 Avant, der gerade auf den Markt gekommen ist, vielleicht aus dem neuen Geländewagen Q5? Poll lächelt und schweigt. Das Problem: Die unlackierte Mittelkonsole riecht nicht, die lackierte dagegen schon, und zwar nicht gut. "Ein bisschen schweißig", sagt Poll. "Unangenehm und durchdringend. So was kann ein ganzes Auto ruinieren."

Doch der Lack kann es eigentlich auch nicht sein, denn der riecht für sich genommen nicht übel. Für Poll und die anderen Nasen läuft die Zeit. Das Bauteil soll bald in die Serienproduktion gehen. Poll rätselt: "Ein Pigment im Lack oder einer der Zuschlagstoffe." Die werden für alles Mögliche verwendet: "Als Färbemittel, Alterungsschutz, Gleitmittel oder Antistatic-Zutat gegen elektrische Aufladung. Könnte theoretisch auch sein, dass der Lack mit dem Polymer des Kunststoffes reagiert, eine Querreaktion also." In diesem Fall ist die Ursache bereits auf den Lackierprozess eingegrenzt.

Die Analysen im Labor, die Untersuchung der Materialien mit dem sündhaft teuren Massenspektrometer dienen nicht nur dazu, die Vermutungen des Nasenteams zu untermauern. Sondern auch dazu, dem Zulieferer beim Beheben des Problems zu helfen. "Wir können ja schlecht hingehen und ihm bloß vorhalten, dass es nicht gut riecht", sagt Ludwig Poll. "Damit kann der Lieferant nichts anfangen. Sondern wir sagen ihm, dass es nicht gut riecht, weil beispielsweise ein Rest Styrol drin ist." Dann hat der Zulieferer einen klaren Anhaltspunkt.

Kein Vokabular für Neuwagenduft

Mit den Jahren hat das Nasenteam außerdem ein spezielles Vokabular entwickelt, um seine Expertisen weiterzugeben. Mehr als 50 verschiedene Begriffe bislang - von Fachausdrücken ("aminisch") über gebräuchliche Materialien, die einen typischen Geruch haben (Gummi, Teer oder Kohl), bis zu häufig gebrauchten Adjektiven (scharf, süßlich oder verbrannt) - sollen helfen, die Gerüche einzugrenzen. "Mit den Noten allein kann ja auch keiner etwas anfangen", sagt Heiko Lüßmann-Geiger. Nur für einen Duft gibt es noch kein passendes Vokabular: für den eines Neuwagens. "Und herstellen kann man ihn auch nicht", sagt die Obernase. Und falls es doch möglich wäre, dann gäbe es das nächste Problem mit der richtigen Dosierung.

In anderen Branchen ist der künstlich hergestellte Geruch weit verbreitet, weil die äußeren Einflüsse leichter zu beherrschen sind. "Duftstoffe für Möbel sind für eine Temperaturspanne zwischen 17 und 25 Grad gemacht", sagt Lüßmann-Geiger. In Boutiquen und Einkaufspassagen sind die klimatischen Verhältnisse ebenfalls ziemlich gleichbleibend. Dort einen Duftspender zu installieren ist vergleichsweise einfach.

In einem Auto jedoch, das in der prallen Sommersonne abgestellt wurde, zeigt das Thermometer schnell mal 70 Grad. Der Gestank wäre beißend, würde den Insassen die Tränen in die Augen treiben. Bei Frost dagegen wäre ein Duft nutzlos, weil ihn kaum jemand wahrnehmen würde - oder man müsste ihn extrem hoch dosieren.

Ohne unternehmenstypische Düfte

Hinzu kommt, dass Geschmäcker verschieden sind: "Bei einem Parfüm habe ich das Problem, dass in der Regel nur 60 Prozent der Leute es mögen", sagt Lüßmann-Geiger. "Die anderen 40 Prozent schließt man damit gleich aus. Deshalb arbeiten wir nur daran, jene Düfte draußen zu halten, die störend sind." Sogenannte corporate scents, unternehmenstypische Düfte, die in der Verkaufsniederlassung oder in der Messehalle über die Klimaanlage versprüht werden, sind bei den Fahrzeugen von Audi demnach kein Thema.

Nicht ausschließen kann das Nasenteam dagegen, dass der Kunde mit dem unauffällig riechenden Neuwagen zur Tankstelle fährt und sich dort ein Duftbäumchen kauft. Ob "New Car Scent", "Auto Air Freshener", "Christmas Cookie", "Midsummer's Night" oder "Doft Älg" aus Schweden - Lüßmann-Geiger kennt sie alle.

Ein Aktenschrank in seinem Büro ist dermaßen voll gestopft mit Proben aus Baumärkten und Tankstellenregalen - es erinnert an ein Lager für verbotene Chemiewaffen. Zum Glück ist alles luftdicht verpackt. Manchmal, wenn Besuch da ist, dann öffnet er die eine oder andere Folientasche. "Ein Neuwagenduft von der Tankstelle", sagt er und lächelt ein wenig diabolisch, "ist der blanke Horror."

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