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Deutschlandauto: Das Frankenstein-Auto

Dieses Auto ist wie "Bier mit Jägermeister". Ein Unikum, das die Autowünsche eines Volkes in sich vereint. Die Daten dazu stammen von den Angaben der Autokäufer, die auf Mobile.de und Ebay Motors nach einem passenden Auto gesucht haben.

Von Michael Specht

Davon dürften Ganoven träumen: mit einem Auto abzuhauen, von dem Zeugen hinterher genau zu wissen meinen, um welchen Typ es sich gehandelt hat – doch alle meinen etwas anderes. Der eine sagt: "Ich hab es genau gesehen, es war ein blauer Golf." Ein anderer schwört, "einen schwarzen Dreier-BMW" gesehen zu haben.

Bei diesem Auto hätten beide Recht. Es ist das "Deutschlandauto", ein Zwitter. Ein Unikum, das die Autowünsche eines Volkes in sich vereint. Die seltsame blau-schwarze Limousine ist Blech gewordene Statistik. Die Daten dazu stammen von mehr als 30 Millionen potenziellen Autokäufern, die jeden Monat im Internet auf Mobile.de und Ebay Motors nach einem passenden Auto gesucht und dazu eingetippt haben, welche Eigenschaften es haben soll.

Das fängt bei der Fahrzeugklasse an, geht über die Motorleistung bis hin zu Ausstattungsdetails, Allgemeinzustand oder Baujahr. Auf beiden Handelsplattformen, die inzwischen zusammengehören, ist mächtig Verkehr: Durchschnittlich alle zwölf Sekunden wird im Netz ein Auto verkauft.

Die Maße der Massen

Auf den Gedanken, aus der Masse der Daten ein reales Auto bauen zu lassen, ist der Internet-Vermittler gekommen, weil "wir mehr damit anfangen wollten, als sie nur für Diagramme zu nutzen", sagt Geschäftsführer Peter F. Schmid. Also: "Warum nicht einfach visualisieren, welche Marken und Modelle aus welchem Baujahr am häufigsten angeklickt werden?" Dabei kam heraus: Die meisten Klicks entfielen auf das Modell VW Golf. Geht es allerdings um die Marke, hatte BMW die Nase vorn. Im Querschnitt aller Wünsche ist der typische Gebrauchtwagen.

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- eine Limousine mit vier Türen,
- schwarz oder blaumetallic lackiert
- fünf Jahre alt
- mit 141000 Kilometern
- besitzt einen 125 PS-Benzinmotor
- hat Schaltgetriebe sowie Schiebedach
- und kostet 7310 Euro

Auf der Zubehörwunschliste steht ein mobiles Navigationsgerät ganz oben, gefolgt von Leichtmetallfelgen (häufig verchromt), CD-Radio und Folienaufklebern, die das Auto optisch aufpeppen.

Aus zwei mach eins

Eine Sackgasse in Ellerbek, einem kleinen Ort am nordwestlichen Stadtrand von Hamburg. Hier, im Pyramidenweg 6, werkelt hinter der schweren Stahltür einer Lagerhalle "Bad Toys". Eine "durchgeknallte Schraubergruppe", wie sie sich selbst nennt. Typen, die in ihrer Freizeit lieber an alten Amischlitten basteln als zu Hause auf dem Sofa vor der Glotze zu sitzen. Die Leute aus der Berliner Ebay-Zentrale hatte die Truppe ausgewählt, die Datenunmenge in ein reales Automobil umzuwandeln. Als Werkstatt-Inhaber Andreas Krüger die ersten Computeranimationen davon in Händen hielt, "lief ich mehrere Tage damit schwanger". Wichtig bei dem Vorhaben war: Das Auto muss durch den Tüv kommen. Krüger: "Die Idee war einfach zu geil, um sie abzulehnen."

Krüger besorgte zwei Trägerfahrzeuge, einen Golf III und einen Dreier-BMW. Für mehr als zwei Monate hieß es für ihn und seine vier Kumpels: Flex statt Familie. Die Hamburger Hochschule für angewandte Wissenschaften, Fachbereich Fahrzeugtechnik, half bei der Statik. Messungen ergaben, dass die verstärkte Karosserie die Festigkeit einer Mercedes-S-Klasse besitzt.

Premiere feiert der Golf mit dem BMW- Heck auf dem Genfer Automobilsalon Anfang März. Das Gagmobil, das Ebay auch als Werbeträger nutzen will, wird in der Eingangshalle stehen, wo während der Messe Tausende vorbeikommen werden und stutzen dürften.

Fehlt noch ein besserer Name als "Deutschlandauto". Wie wäre es mit "Okapi"? Das ist ein Tier aus Afrika, das auch wie ein Mischling aussieht – aus Pferd und Giraffe. Hinten trägt es Zebrastreifen.

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