Indy Car Racing Das voll korrekte Öko-Rennen


Seit Al Gores grüner Zeigefinger drohend über den Vereinigten Staaten schwebt, entpuppen sich selbst Amerikas Autorennfahrer als Umweltschützer. Autorennfahrer?
Von Helmut Werb/Florida

Die grüne Fahne, mit der die neue Rennsaison der Indy Car Racing Serie auf dem Kurs in Homestead in Florida gestartet wurde, sollte durchaus eine symbolträchtige Bedeutung haben: sämtliche Fahrzeuge des Rennens wurden mit reinem Ethanol angetrieben, und die Veranstalter klopften sich ob ihres vorbildlichen Umweltbewusstseins selber kräftig auf die gemeinsamen Schultern. "Wir sind die Ersten", prahlte lauthals Brian Barnhart, Präsident der Indy Racing League, "die mit dem Umweltbewusstsein im Autorennsport Ernst machen."

Die Landwirtschaft freut es

Und Bob Dinneen, Vorsitzender der Renewable Fuel Association, einer Lobbyisten-Gruppe der amerikanischen Industrie für erneuerbare Energien, die hauptsächlich die Nutzung amerikanischen Ethanols propagiert, erklärte stolz: "Mit der Verwendung eines erneuerbaren Treibstoffs ist die Indy Car Serie führend in der Welt" Wo solch seit neuestem schicke Töne gespuckt werden, sind Politiker meist nicht weit. Die US-Senatoren Richard Lugar, ein Republikaner, und Evan Bayh, ein Demokrat, spannten sich willig vor die Formel-Karren: die Serie mache Rennsport auch in Sachen Umweltschutz akzeptabel. Das Engagement der Senatoren für "the greening of racing", wie sie es nannten, ist nachvollziehbar: beide vertreten den Staat Indiana, einem der wichtigsten Korn-Produzenten der USA. "Wir sind mit dem neuen Sprit viel, viel schneller als im letzten Jahr", brachte es hingegen Danica Patrick auf den Punkt, Amerikas prominenteste Rennfahrerin, die bisher allerdings – Kornsprit hin oder her - nur einige Blumentöpfe gewinnen konnte.

Mehr Kraft im Tank

Tatsächlich ist der 100%-ige Ethanol-Treibstoff, mit dem die standardisierten Honda V-8-Motoren der Rennserie angetrieben werden, mit 110 Oktan deutlich effizienter als das 103-oktanige Methanol-Zeug, mit dem die Renner bis dato im Kreis fuhren, was unter anderem zur Folge hatte, dass das Fassungsvermögen der Tanks von 30 Gallonen (113 Liter) auf 22 Gallonen (83 Liter) verringert werden konnte. Und auch der CO2-Ausstoss der PS-Protze wurde deutlich gesenkt, obwohl die Veranstalter diesbezüglich mit exakten Angaben extrem knausrig umgingen. Aber die Sorge um ihre Umwelt dürfte die Indy Car-Promoter weniger angetrieben haben, als die um vieles erfolgreichere Racing-Konkurrenz der NASCAR-Boliden um die Ecke: den "cleanen" Indy Racern laufen schon seit Jahren die Zuschauer davon, die sich lieber die handfesteren Verbeulungswettbewerbe unfallträchtiger NASCAR-Rennen ansehen, in denen es seit neuestem auch Juan Pablo Montoya kräftig krachen lässt. Deshalb war ein publikumsträchtiger PR-Schub für das amerikanische Gegenstück zur Formel 1 dringend notwendig geworden. "Das hässliche Entlein will halt auch mal Schwan sein", lästerte der Talkshow-Host einer Sport-Radiostation.

Mehr PR-Gimmick als Umweltbewußtsein

Kritiker des amerikanischen Ethanol-Wahns sehen im laut propagierten "green racing" der Indy Cars auch eher einen Gimmick, um endlich mal wieder ins Fernsehen zu kommen. "Die Produktion von Ethanol durch Korn, wie bei uns in den USA üblich, ist in Wirklichkeit eine Nullnummer", meint Robert Bryce von der Energy Tribune, einem Fachmagazin für umweltbewusste Energiepolitik. "Es wird mehr Energie verwendet, Ethanol herzustellen, als dadurch eingespart wird." Wenn es den Veranstaltern der Rennserie Ernst sei mit dem Umweltbewusstsein, wäre es das Beste, sie würden ihre Arbeit sofort einstellen, mahnte Ralph Nader, in Sorgen ergrauter amerikanischer Umwelt-Papst der zweiten Reihe. Am kommenden Sonntag geht’s in St.Petersburg in Florida schon wieder weiter. Und damit selbst selbst dem simpelsten Rennfan klar wird, was Sache ist, wird der Pace Car des Rennens ein Honda Accord Hybrid sein. Blauer Himmel über Florida.


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