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Kommentar: Aufstand der Verkehrsrabauken

Das Drängeln, Heizen und Einfahrten Blockieren soll teurer werden. Ein Fall für die UN-Menschenrechtskonvention, schreien die verfolgten Verkehrssünder. Sie wollen weiter Gasfußspaß zum Taschengeldtarif. Ihr Gejammer nervt stern.de-Redakteur Gernot Kramper ziemlich.

Auf den ersten Blick erscheint das Prozedere ganz normal: Die Tarife werden erhöht, die Betroffenen sind entsetzt. Das ist die Regel, wer zahlt schon gern freiwillig mehr. Mit nur einem entscheidenden Unterschied: Hier geht es nicht um Kfz-Steuer, Straßenmaut oder Parkgebühren - hier geht es um staatliche Sanktionen gegen Regelverstöße.

Das ganze Bußgeld-Gejammer widert einen nur an. Es gibt nur einen Satz, dem man dem Gegreine entgegenhalten muss: Fahrt doch mal vernünftig! Dann gibt es auch kein Bußgeld. Wer dann noch weiter argumentiert, stellt nur seine Unbelehrbarkeit unter Beweis. Folgerung: Geld schmerzt nicht genug. Arbeitseinsatz als Schülerlotse wäre nicht schlecht. Am wirkungsvollsten würde vermutlich "Parkkralle sofort" funktionieren. Wer 50 km/h zuviel an der Autobahnbaustelle auf seinem Tacho hat, dem sollte man den Wagen auf dem nächsten Rastplatz 14 Tage still legen. Über Weiterfahrt, Termine und andere Wehwehchen hätte er vorher nachdenken können.

Was sagen Sie zu den geplanten Erhöhungen der Bußgelder?

Regeln nur für die anderen

Natürlich ist nicht jeder Falschparker oder Handy-Telefonierer ein geborener Verbrecher, aber er hält sich nicht an die Spielregeln, ohne die das System "Straßenverkehr" nicht funktionieren kann. Die Situation ist paradox: im Prinzip sagen alle "ja" zur Norm, aber praktisch mag sich der eine oder andere nicht daran halten. Es gibt keinen, der sich dafür einsetzt, das Kreuz- und Quer-Parken oder das Drängeln auf der Autobahn zu legalisieren. Im Grunde geht es um Egoismus in Reinkultur: Ihr haltet euch an die Regeln, und ich schlage über die Stränge.

Das Grundproblem ist einfach: Ein Teil der Autofahrerschaft nimmt das Recht auf zivilen Ungehorsam für sich in Anspruch. Der Regelverstoß wird zum Gewohnheitsrecht, das Bußgeld zu Abzocke. Das ist ein rein deutsches Phänomen und beginnt bei der Vorstellung: 20 km/h obendrauf sind schon okay. Nein, das ist nicht okay. Wie ein Schweizer Polizist den Verfasser zutreffend belehrte: "Wenn Sie 100 fahren sollten, hätten wir nicht 80 auf das Schild geschrieben." In anderen Ländern ticken Autofahrer einfach anders, sie halten sich weitgehend an die Regeln und leiden nicht unter ihnen. In Dänemark, Holland und Skandinavien erwartet den deutschen Autofahrer ein Kulturschock, alle fahren das vorgeschriebene Tempo, manche sind sogar vorsichtiger und bleiben drunter. Unglücklicher wirken sie darum nicht.

Russische Mechaniker haben einen Bentley-Panzer aus Luxuswagen und Kettenfahrzeug gebaut.

Peinliches vom Auto-Club

Der Gipfel des Irrsinns ist in Deutschland erreicht, wenn Vereinsfunktionäre im Namen "des Autofahrers" protestieren. Auf den Straßen mag es zuweilen wild hergehen, erträglich ist das Ganze aber nur, weil sich die Mehrheit ergeben oder achselzuckend an die Spielregeln hält. Auf einen In-Der-Zweiter-Reihe-Parken kommen hunderte, die nach einem korrekten Platz suchen. Auf einen Linksspur-Lichthupendesperado unzählige, die zu Tode erschrocken an die Seite flüchten. Geradezu pervers, wenn sich die selbsternannten Interessensverwalter "der" Autofahrer mal wieder auf die Seite der Verkehrsrabauken stellen müssen. In anderen Bereichen wäre diese peinliche Kumpanei ganz undenkbar. Man stelle sich vor, der "Verband der Wald- und Wiesenfreunde" würde in Klagegeheul ausbrechen, nur weil die Bußgelder für das Abstellen vom Sperrmüll im Naturschutzgebiet erhöht werden sollen. Oder Gastronomieverbände drohten ihr Veto an, wenn gegen Gammel-Döner vorgegangen wird. Wer gern die Polo-Pinscher mit Tempo 250 vor sich her jagt, darf sich jetzt beim ADAC gut aufgehoben fühlen, das Polo-Freiwild sollte sich dringend überlegen, den Mitglieder-Ausweis zurückzuschicken.

Wenn zuviel zuviel ist

Ach ja, noch einmal zum 20 km/h Bonus zurück. Folgendes Beispiel: Sie fahren genau 30 km/h in einem Wohngebiet, vor ihnen läuft ein Kind auf die Straße. Der Abstand ist zum Glück so, dass sie exakt vor dem Kind zum Stehen kommen. Jetzt fahren Sie 50 km/h, im gleichen Abstand läuft das Kind auf die Straße. Mit welcher Geschwindigkeit treffen Sie auf das Hindernis? Na, wissen Sie es noch aus der Fahrschule? Mit 50 km/h, ungebremst. Ausgang vermutlich lethal. Den Abstand "verbraucht" die Schrecksekunde. Dies als Beispiel für all die "Kavaliere", die sich gern mal 20 km/h extra genehmigen.

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