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Deutschland, einig Kraterland

Schnee und Eis gehen, die Löcher bleiben. Viele Straßen sind nach dem harten Winter eine einzige Buckelpiste. Für Schäden an den Autos haftet - keiner.

Deutschland ist übersät mit Kratern, manche Straße sieht aus wie einem Bürgerkriegsgebiet. Fluchende Autofahrer fahren Slalom um die tiefsten Löcher herum und trotzdem kracht es regelmäßig durch die Dämpfer. Die Fahrt über die Buckelpisten macht keine Freude und belastet das Fahrwerk enorm, besonders Reifen und Felgen leiden. Nur die SUV- und Geländewagenfahrer können frohlocken, für ihre Wagen sind die Schlaglöcher kein Problem.

Bei vorsichtiger, "angemessener" Fahrweise halten sich die Schäden auch im normalen Pkw in Grenzen, von einem erhöhten Verschleiß einmal abgesehen. Angemessen kann aber auch Schritttempo bedeuten, denn je schneller das Fahrzeug ist, umso ruppiger und tiefer taucht es in das Loch ein. Flotte Fahrt kann bei einem tiefliegenden Fahrzeug und einem besonders giftigen Krater auch einmal zu einem Aufsetzer führen. Dabei kann es durchaus zu Schäden in der Radaufhängung kommen.

Auf einer normalen Straße wird die Ölwanne zwar kaum aufreißen, doch Verkleidungsteile am Unterboden können schnell beschädigt werden. Auf gekrümmter Fahrbahn kann auch die Frontschürze einreißen oder ein Auspufftopf auf der Strecke bleiben. Wenn man darauf achtet, kann man jetzt auch überall diese Plastikteile am Straßenrand herumliegen sehen. Wenn aber nicht nur der Asphalt an der Oberfläche bricht, sondern weitere Schichten im Unterbau der Straße weggespült worden sind, können Schlaglöcher so tief werden, dass ein Fahrzeug regelrecht stecken bleibt. Wer mit hoher Geschwindigkeit in eine solche Falle rauscht, dem kann es die ganze Achse wegreißen.

Der lange Winter hat weit mehr Schäden als üblich hinterlassen. "Wir rechnen im Vergleich zu den Vorjahren mit den drei- bis vierfachen Reparaturkosten", sagt Bernd Hinrichs vom Deutschen Asphaltverband (DAV). Eine Schätzung, die leicht nachvollziehbar und die Folge jahrelanger Flickschusterei ist. Die Zeche dafür zahlt der Autofahrer entweder in seiner Funktion als Steuerzahler oder direkt.

"Kein Schadensersatzanspruch"

Für Schäden an Fahrwerk oder Spoilern muss der Fahrer nämlich selbst aufkommen: "Einen Schadensersatzanspruch gibt es nicht", sagt Matthias Schmitting vom ADAC Hansa. Autofahrer müssten juristisch gesprochen damit rechnen, dass die Straßen schlecht sind und entsprechend vorsichtig fahren. Das gilt auch für die Motorradfahrer, die spätestens Ostern wieder unterwegs sein werden. Nach Einschätzung von Schmitting kann eine sinnvolle Sanierung frühestens Ende März beginnen. Bis dahin hilft oft nur so genannter kalter Asphalt, der wie ein Provisorium beim Zahnarzt die Löcher notdürftig stopft. Wichtige Straßen werden wohl bis Ende April korrekt angegangen werden, in den Seitenstraßen ist auch im Juni noch mit Verwerfungen zu rechnen.

Theoretisch ein Konjunkturprogramm

"Im Prinzip könnte dieser Winter ein gigantisches Konjunkturprogramm sein", sagt Schmitting und kritisiert die Ausgabenpolitik der öffentlichen Hand: "Der Staat muss verstehen, dass er in die Straßen investieren muss. Hier wird sonst kontinuierlich Volksvermögen vernichtet." Der Modernisierungsgrad, also der Anteil des Wegenetzes in gutem Zustand, lag 1975 bei 82 Prozent. 2002 war er auf 68 Prozent gesunken. Tendenz fallend. Der Automobilclub ACE hat die Bundesregierung zum Handeln aufgefordert. "Bevor die Mittel aus dem Konjunkturprogramm II verfallen, sollte das Geld für die Instandsetzung von Straßen verwendet werden", sagte ACE-Sprecher Rainer Hillgärtner in Stuttgart. Städte und Gemeinden befänden sich in so großer Finanznot, dass sie die erforderlichen Mittel zur Beseitigung von Schlaglöchern und anderen Schäden nicht allein aufbringen könnten.

Melkkuh Autofahrer

Die alte Argumentation des ADAC bleibt wahr. Der Autofahrer zahlt viel mehr Geld, als er für seine Zwecke bekommt. Die Summe aus Kfz-Steuer, Energiesteuer (früher Mineralöl- und Ökosteuer), Umsatzsteuer und Lkw-Maut belief sich zuletzt auf 54 Milliarden Euro im Jahr. Insgesamt wurden für Straßenbau, Erhalt und Ampeln nur 14 Milliarden ausgegeben. Der Rest versickert in anderen Etats. Die Zuständigkeit für die einzelnen Straßen ist dabei sehr unterschiedlich. Zwar gilt das Grundprinzip, nach dem Autobahnen und Bundesstraßen vom Bund bezahlt werden müssen und innerorts die Kommunen zuständig sind. Im Einzelfall gibt es aber Sonderregelungen. Das Ergebnis bleibt: Das Straßennetz wird auf Verschleiß gefahren.

Brummis als Zerstörer Nummer 1

Ist die Asphaltoberfläche erst mal durch den Frost angegriffen, hat sie den täglichen Angriffen durch Autos und Laster wenig entgegenzusetzen. "Lkw stellen eine extrem hohe Belastung dar", erklärt Bernd Hinrichs vom DAV, "ein Lkw übt die gleiche Belastung aus wie ungefähr 100.000 Pkw." Sie profitieren vom deutschen Abgabesystem, denn ihre finanzielle Belastung steht in keinem Verhältnis zu den Schäden, den sie den Straßen zufügen. Aus Sicht des DAV ist klar, dass "die jetzt auf die Kommunen zurollende Kostenlawine bei zeitgerechter Erhaltung der Straßen vermeidbar gewesen wäre".

Von Christoph M. Schwarzer
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