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Zweirad-Sicherheit: Abfangen statt draufknallen

Weitgehend unbemerkt hat der Airbag eine neue Fahrzeug-Gattung erreicht - das Motorrad. Auf zwei Rädern funktioniert er genau so gut wie auf vieren. Mehr noch: Er hat sogar schon Leben gerettet.

Von Frank Janssen

Es war ein schöner Sommertag, mit Temperaturen nahe 30 Grad. Gute Sicht, trocken, mit ein wenig Fahrtwind ein sehr angenehmes Wetter zum Motorradfahren. Gegen Abend wurde es etwas kühler. Willi Hansel steuerte seine schwere silberne Honda von Bad Salzdetfurth in Richtung Hildesheim. An diesem Punkt an der L490, kurz vor Wesseln, ist die Straße übersichtlich. Vorne ein Traktor, dahinter ein VW-Bus, ein paar andere Autos. Kein Gegenverkehr in Sicht. Willi Hansel schert zum Überholen aus und beschleunigt. Sein Freund Rainer auf der zweiten Maschine folgt ihm. Als Hansel auf Höhe des VW-Busses ist, wechselt dessen Fahrerin - offenbar ohne einen Blick über die Schulter oder in den Spiegel - ebenfalls die Spur. Der VW berührt Hansels Gold Wing am Heck. Sie gerät sofort ins Schlingern.

Frontal gegen den Baum

"Da war keine Chance mehr zu Lenken", erinnert sich Hansel. "Ich war ungefähr 70 km/h schnell." Mit diesem Tempo verlässt Hansels Gold Wing die Fahrspur in spitzem Winkel und prallt frontal gegen einen Baum am Straßenrand. Hansel wird schwer verletzt: Linkes Bein mehrfach gebrochen, dazu der rechte Unterarm sowie einige Rippenbrüche. Doch der Kopf ist trotz des offenen Jet-Helms unversehrt, der Rumpf bis auf die geknacksten Rippen ebenso. Hansels Glück im Unglück: Er hat seine fast neue Traummaschine, die Honda Gold Wing, in der jüngsten Version gekauft und - für 3000 Euro Aufpreis - ein erstmals lieferbares Extra mitbestellt, den ersten Airbag eines Motorradherstellers. "Ohne den hätte ich das nicht überlebt", sagt Hansel, 57, heute. Die Forschungsergebnisse geben ihm Recht. Crashversuche des ADAC belegen die Wirksamkeit des Motorradairbags (siehe Grafik). Während der Dummy auf einer Honda Gold Wing mit Airbag bei einem Frontalaufprall nur geringe Verzögerungswerte registriert, ist bei einem identischen Versuch ohne Airbag der Anprall mit hoher Wahrscheinlichkeit tödlich (rote Körperpartien). Der im Bereich zwischen Lenker und Tank angebrachte Lebensretter mit 150 Litern Volumen schützt vor allem den Kopf und die inneren Organe. Obwohl die in einem amerikanischen Honda-Werk gebaute Gold Wing erst seit Juni 2007 ausgeliefert wird, ist Willi Hansel offenbar nicht der einzige, den der Airbag vor schlimmen Unfallfolgen bewahrte. Auch ein britischer Fahrer einer Gold Wing behauptet in der Zeitschrift "Motorcyclenews": "Ein Airbag hat mir das Leben gerettet."

Der Nachholbedarf bei der Zweiradsicherheit ist groß. Während Autofahrer durch mehrere Systeme gleichzeitig (Knautschzonen, Gurte, Seitenaufprallschutz, stabile Sitzschalen und eben Airbags) geschützt werden, konnten Unfallverletzungen von Motorradfahrern jahrzehntelang allenfalls durch den Helm und schwach gepolsterte Kleidung abgemildert werden - die in vielen Fällen auch nichts mehr zu retten vermochte. Der Airbag bringt da einen riesigen Sicherheitszuwachs. Doch eine breitere Verwendung ist vorerst nicht in Sicht. Keine weitere Motorradmarke hat bislang die Ausstattung ihrer Produkte mit Airbags angekündigt. Auch Honda belässt es zunächst bei dem teuren Spitzenmodell Gold Wing.

Airbag in der Lederkombi

Da könnte ein anderes System schon früher serienreif sein. Die Firma Dainese, ein italienischer Spezialist für Motorrad- und Sportbekleidung, hat Ende 2007 auf ungewöhnliche Weise einen Airbag vorgeführt, der in den Schutzanzug von Rennfahrern eingebaut ist. Dass das D-Air Racing genannte System funktioniert, zeigte sich am letzten Rennwochenende des GP-Zirkus’ in Valencia: Wie auf Befehl stürzten im Training zwei der drei Rennfahrer, deren Lederkombis damit ausgestattet waren. Bei beiden entfaltete sich der 37-Liter-Airbag planmäßig. Keiner der drei Piloten, Michael Ranseder bei den 125ern und Marco Simoncelli in der 250er-Klasse, wurde verletzt. Für die Straße entwickelt Dainese allerdings eine Variante des Systems, denn die Unfallmuster auf der Rennstrecke sind andere: "Dort rutscht man vorne oder hinten weg, oder man wird abgeworfen", sagt Vittorio Cafaggi von Dainese. "Bei Unfällen auf der Straße handelt es sich dagegen überwiegend um Zusammenstöße von Motorrad und Auto." 2010 oder 2011, so Vittorio Cafaggi, könnte D-Air in der Version "Stradale" vielleicht für jedermann zu haben sein.

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