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Ehemalige Automesse Verpatzter IAA-Neustart – jetzt hat München die Problemmesse am Hals

Der Glanz der großen Jahre kommt nicht mehr zurück.
Der Glanz der großen Jahre kommt nicht mehr zurück.
© Sven Hoppe / DPA
Nun ist sie da die "neue" IAA und hat die alten Proteste gleich nach München mitgebracht. Den Tanz um das goldene Kalb Auto will die geläuterte Messe nicht mehr mitmachen – doch womit will sie die Begeisterungslücke füllen?

Aus Frankfurt flüchtet die IAA, weil es Proteste und keine politische Unterstützung gab. Jetzt ist man in München und es gibt noch mehr Proteste und wieder keine Unterstützung in der Bevölkerung. Gemein, denn hatte man sich nicht eigens in Mobilitätsmesse umbenannt, jede Menge Fahrräder aufgeboten und werden nicht vor allem E-Autos gezeigt?

Der Glanz ist ab 

Wieso will sich die alte Begeisterung dann nicht einstellen? Ganz einfach, weil das Grundproblem der Automesse nicht gelöst wurde und vielleicht gar nicht zu lösen ist. Die alte IAA war in ihren Glanzzeiten der Tanz um das goldene Kalb Auto. Hier erlebten die wichtigsten Fahrzeuge ihre Premiere, es wurden die schnellsten Sportwagen ausgestellt und aufsehenerregende Studien machten Lust auf die automobile Zukunft. Das ganze Spektakel um Chrom und PS – im Geist der Zeit mit reichlich Hostessen garniert – lockte Zuschauermassen aus der ganzen Republik an. Eben weil es etwas zu Staunen und zu Schauen gab. Und das hatte durchaus bizarre Momente. Etwa dann, wenn Trauben verschwitzter Männer mit Bauch und Hosenträger ihre Teleobjektive auf die Models richteten, die sich an ein Auto schmiegten.

Der Kult um PS und Hubraum ist heute nicht mehr angemessen – sexualisierte Arrangements erst recht nicht. Die Frage muss aber erlaubt sein: Um welches goldene Kalb soll der Besucher denn heute tanzen? Das Publikum kommt nicht auf eine Messe, um sich nüchtern zu informieren, sondern um zu Staunen. Darum sind die Besuchertage auf Luftfahrtmessen und im Ausland auch Rüstungsmessen so beliebt. Nicht, weil irgendjemand einen Jet oder gar einen Panzer kaufen will, sondern weil man mit offenem Mund vor der Großtechnik stehen kann.

Was soll nun die Begeisterungs-Lücke füllen?

Das kann und will die neue IAA nicht mehr bieten – aber darum ist sie kein Ausflugsziel fürs Wochenende. Natürlich sind immer noch ein paar Autohersteller präsent. Die deutsche Firmen halten der Messe pflichtschuldig die Treue, aber sonst ist die Liste derer, die sich den Auftritt sparen länger als die Liste derer, die Flagge zeigen. Edel- und Sportwagenmarken waren die Publikumsmagneten, doch Maserati, Lamborghini, Aston Martin, Ferrari, Rolls-Royce, Bentley oder Bugatti und Rimac sind in München nicht zu sehen. Dazu hat das Auto schon lange nicht mehr den Kultcharakter wie noch 1980. Und Marken wie Tesla, die heute tatsächlich Kult sind, halten sich wohlweislich vom Schnarch-Konzept Automesse fern.

Fahrräder können den fehlenden Glanz nicht ausgleichen. Sie fühlen sich wohler auf Sport- und Freizeitmessen und auf ihrer eigenen Stammmesse – der Eurobike. Wer Fahrradinnovationen sehen will, pilgert zur größten Bikemesse der Welt an den Bodensee und verirrt sich nicht in die Münchner Innenstadt.

Ehemalige Automesse: Verpatzter IAA-Neustart – jetzt hat München die Problemmesse am Hals

Das nächste Standbein der neuen IAA heißt: Mobilität. Und in der Tat sind hier interessante Stände und Start-ups vertreten. Interessant aber nur für ein Fachpublikum, weil diese Art von Ausstellern im besten Fall ein Computer-Rendering ihrer Planungen oder ihrer Software-Lösungen zeigen können, und das ist nicht genug, um das Jahrmarktsfeeling einer Massenmesse zu erzeugen.

Es ist auch nicht so, dass die Verkehrskonzepte, die wirklich interessieren, zu sehen sind. Spannend wären Städte wie Kopenhagen, Oslo oder Helsinki, die einen entspannten Verkehr und null Verkehrstote erreichen. Oder das große Umwandlungs-Projekt der Pariser Bürgermeisterin Anne Hidalgo. Automarken haben früher Millionen in spektakuläre Standbauten versenkt, doch die innovativen Städte geben dieses Geld nicht dafür aus, Messebesucher in München zu bespaßen

Chaos-Geschenk an die Anwohner 

Um die eigentliche Messe zu sehen, muss man ein Ticket lösen. Angesichts des Mangels an attraktiven Ausstellungsstücken wird man in München kaum einen Zuschauerrekord aufstellen. Als hätten sie das geahnt, sind die Planer auf einen Trick verfallen. In der Stadt sind "Open Spaces" verteilt – hier werden Besuche auch ohne Ticketverkauf gezählt. Das Verteilen der Ausstellung auf die Stadt macht die Messe aber auch angreifbarer für Gegenkundgebungen und daran mangelt es nicht. Wie zu erwarten war. Das Polizeiaufgebot und die Security verleihen München nun den Charme eines Heerlagers. Frankfurt ist Messestadt. Wer dort wohnt, wusste, dass während der IAA der Ausnahmezustand tobte. Der Münchner müsste das noch lernen, wenn er überhaupt Lust darauf hat, dieses Opfer dauerhaft für die neue IAA zu bringen.


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