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"Anstoss 2005": Fußball-Manager ohne den letzten Kick

Mit "Anstoss 2005" geht die Fußball-Manager-Serie aus deutschen Landen in die nächste Runde. Vor allem optisch kann auch die neue Version nicht mit der Konkurrenz aus Übersee mithalten - eigene Qualitäten hat sie dennoch.

Der Klassenraum. Unendliche Langeweile. Wir schreiben das Jahr 1987. Dies sind die Abenteuer einiger Schüler des Gymnasiums Bad Mergentheim (bei Würzburg), die auszogen, die Welt der Computerspiele zu erobern. Dabei stießen sie in Dimensionen vor, die kaum ein deutsches Entwicklerteam bisher gesehen hat.

Was sich anhört wie eine Science-Fiction-Geschichte, ist wirklich so passiert. Weil sich einige Schüler aus Bad Mergentheim während des Unterrichts langweilten, erfanden sie während der Informatik-Stunden ein kleines Computerspiel – "Anstoss". Zwar dauerte es sechs Jahre, bis die Bastelei Marktreife erlangte, doch "Anstoss" verkaufte sich respektable 260.000 Mal in ganz Europa. Die Basis war gelegt. Die Nachfolger, "Anstoss 2" (1997) und "Anstoss 3" (2000), spielten Millionen. Die Fachmagazine überschlugen sich mit begeisterten Kommentaren, die Herstellerfirma Ascaron schien bei der zahlreichen und treuen Fangemeinde grenzenlosen Kredit zu haben. Und doch war der im Nu verbraucht, als das durch und durch verbugte "Anstoss 4" (2002) auf den Markt kam. Ein Jahr lang kämpfte Ascaron darum, den angekratzten Ruf wieder aufzupolieren und veröffentlichte mit "Anstoss 4 Edition 03/04" (2003) schließlich eine verbesserte Version des Vorgängers, die als Wiedergutmachung an "Anstoss 4"-Besitzer vergünstigt abgegeben wurde.

Für wen lohnt es sich? Für Experten...

Diese Vorgeschichte muss man kennen, um "Anstoss 2005" richtig einschätzen zu können, das nun, rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft, in den Läden steht. Das Spiel wird vom Hersteller als "Neuauflage" von "Anstoß 4 Edition 03/04" bezeichnet, ist also gewissermaßen alter Wein in neuen Schläuchen. Die Menüführung des Vorgängers wurde weit gehend beibehalten, allerdings mit einem neuen, modernen Interface. Zudem baute Ascaron Bereiche aus, die bei den Usern besonders beliebt sind: die Budgetierung und den Textmodus, in dem der Verlauf der einzelnen Fußball-Partien geschildert wird. Die KI bei Spielertransfers wurde verbessert und die Regeln auf den Stand der Saison 2004/2005 gebracht. Puristen und eingeschworene Fans mögen sich also daran erfreuen, dass es nun neun statt zehn Oberligen gibt, weil im realen Fußball die Staffeln Hamburg/Schleswig-Holstein und Niedersachsen/Bremen zusammengelegt wurden. Allen anderen dürfte das egal sein. Lohnt sich also der Kauf für Besitzer des Vorgängers? Nein. Trotz einiger Detailveränderungen ist "Anstoss 2005" letztlich nicht mehr als das Spiel, das "Anstoss 4" schon immer hatte sein wollen. Und für ein Update sind 29,95 Euro ein bisschen viel.

... oder Neulinge?

Ganz anders sieht die Sache bei Genre-Neulingen aus. Auch wer bislang noch nie einen Fußball-Manager gespielt hat, wird sich in Anstoss 2005 leicht zurechtfinden. Die Menüführung ist übersichtlich, der Schwierigkeitsgrad recht moderat. "Anstoss 3"-Veteranen dürften sich etwas unterfordert fühlen. Zudem spielt sich "Anstoss 2005" nicht so staubtrocken wie seine Konkurrenten. Die launigen Trainersprüche, die viel zur Atmosphäre beitragen, wurden noch einmal erweitert. Das "Babe des Monats" sorgt für die nötige Optik, und natürlich darf man auch wieder seine Spieler dopen oder Geld für Illegales in die "schwarze Kasse" bringen. Allerdings: An Witz und Originalität ist "Anstoss 3" seinem Nachfolger noch immer deutlich überlegen. Wer also beide Spiele nicht kennt, greift lieber zu einer Budget-Version des Klassikers, sofern er den höheren Schwierigkeitsgrad nicht scheut.

Anstoss 2005

Hersteller/Vertrieb

Ascaron/NBG

Genre

Sportmanager

Plattform

PC ab Windows 98

Preis

29,90 Euro

Altersfreigabe

ohne Beschränkung

Optisch schwach

Der große Schwachpunkt von "Anstoss 2005" ist zweifellos, dass das Ascaron-Spiel nicht über eine konkurrenzfähige Grafik verfügt. Die Spielszenen sind hässlich, die reine Beschränkung auf den Textmodus als Alternative ist nicht jedermanns Sache. Zudem fehlt eine offizielle Lizenz. Wer also Wert auf die Originalnamen legt, muss diese entweder selbst im mitgelieferten Editor eingeben, oder sie von "Anstoss"-Fanseiten im Internet downloaden. Der Marktführer "Fußball-Manager 2005" von Electronic Arts hingegen liefert brillante Optik, die grafische Umsetzung kompletter Partien und Originaldaten zu allen großen Fußball-Ligen. Wem diese Dinge wichtig sind, und wer über einen entsprechend leistungsstarken Rechner verfügt, der investiert also besser gleich rund 45 Euro für das deutlich teurere, aber eben auch bessere EA-Sports-Produkt.

Der technische Rückstand des Ascaron-Spiels könnte jedoch für Gelegenheitsspieler, die nicht über die neuesten Rechner verfügen, sogar ein Vorteil sein. Der Hardware-Hunger von "Anstoss 2005" ist sehr moderat. Im Test lief das Spiel bereits auf einem Rechner der Ein-Gigahertz-Klasse mit 256 MB RAM und einer 32-MB-Grafikkarte vollkommen flüssig. Größere Bugs waren nicht zu entdecken, lediglich der Grafikmodus weist einige winzige Fehler auf, die aber selten sind und das Gesamtbild nicht trüben. "Anstoss 2005" ist ein solide gemachter Fußball-Manager, dem allerdings der letzte Kick fehlt.

Volker Gast