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"Lost: Via Domus": Die Kultserie "Lost" zum Nachspielen

Vier Jahre nach dem Start der TV-Serie bringt Ubisoft das offizielle Action-Adventure. Viele Elemente des Originals sollen auch im Game für spannende Unterhaltung sorgen. Ist das nur ein weiteres liebloses Lizenz-Spiel? stern.de verrrät, ob das Spiel den hohen Erwartungen gerecht wird.

Gerade wenn's so richtig spannend wird, bam! - ist der Spaß zu Ende, und man muss zwangsläufig auf die Fortsetzung warten. Während Unterbrecher der Handlung in Thriller-Serien wie Lost zum Konzept gehören, erreichen sie in Lost: Via Domus, dem offiziellen Spiel zum TV-Hit, genau das Gegenteil - Frust beim Spieler. Denn jedes Mal, wenn's gerade mal wieder so richtig spannend wird, nervt Ubisofts Action-Adventure mit einem Ladebalken. Dabei zählen die unfreiwilligen Pausen zwar zu den häufigsten, aber noch nicht mal zu den schlimmsten Übeln.

Die Handlung des Spiels setzt mit dem Beginn der ersten Staffel ein, also direkt nach dem Absturz des Oceanic-Flugs 815 auf einer ebenso unbekannten wie mysteriösen Südseeinsel. Allerdings übernimmt der Spieler nicht eine der Serienfiguren wie Jack oder Kate, sondern schlüpft in die Haut des für das Lost-Spiel erfundenen Fotografen Elliot, der mit allen anderen auf dem Eiland abgestürzt ist. Die ersten Minuten ziehen einen sehr gut ins Spiel: Der Spieler wacht im Dschungel auf, stolpert durchs Dickicht und lässt sich von Walts Hund Vincent zur Unglücksstelle führen - spannend!

Dann folgt die erste Ernüchterung: Die eigentlich akkurat nachgebaute Szenerie am Strand lässt das aus der Vorlage bekannte Chaos und Grauen schmerzlich vermissen. Vor Ort findet man statt panisch umher rennender Menschen nur Hurley, Jack, Claire und Locke, die zudem meist tatenlos im Sand hocken. Auch die unlogisch platzierten und als künstliche Levelbegrenzungen fungierenden Trümmerteile und Büsche kratzen an der Atmosphäre. Apropos Atmosphäre: Zwar sprechen sämtlichen Charaktere mit ihren deutschen Synchronstimmen, allerdings sagen die Akteure ihre Texte derart lustlos auf, dass man meinen könnte, man höre eine Supermarktdurchsage kurz vor Feierabend. Wenn Locke beispielsweise "Wir müssen alle um unser Überleben kämpfen" nuschelt, während hinter ihm das Flugzeugwrack qualmt, wirkt das schlicht lächerlich.

Vorwissen ist vorteilhaft

Das Spiel ist nur für Kenner der Vorlage geeignet -selbst Lost-Fans müssen die Folgen in- und auswendig kennen, um der Geschichte folgen zu können. Weder erzählt das Programm etwas über die Hintergründe der bekannten Figuren, noch dringt besonders viel über das Geschehen der ersten drei Staffeln zu Elliot durch. Der hat sowieso eigene Probleme, denn durch den Absturz hat der Bursche sein Gedächtnis verloren. Das Problem dabei: Offenbar hat er während seines Urlaubs in Sydney ein für gewisse Leute unbequemes Foto geschossen, und einer der Schurken ist mit Elliot auf der Insel abgestürzt.

Die spannende Ausgangssituation verstärkt das Spiel mit Lost-typischen Rückblenden, in denen man Elliots Vergangenheit erkundet, Hinweise sammelt und mit Personen spricht. Um diese Erinnerungsabschnitte abzuschließen, gilt es jedoch, im richtigen Moment ein Foto zu schießen. Das ist leichter gesagt als getan. Der Spieler muss das Objektiv nicht nur ausrichten, sondern auch manuell scharfstellen und punktgenau zoomen, sonst quittiert Elliot das misslungene Bild mit "Das muss ich noch mal versuchen" - nervig!

Lost: Via Domus

Genre

Action-Adventure

Plattform

PC, Xbox 360, Playstation 3

Hersteller

Ubisoft Montreal

Preis

ca. 40 bis 50 Euro

Spieler

einer

Spieldauer

solo 10 Stunden

Sprache

deutsch

USK-Freigabe

ab 12 Jahren

Anspruchsvolle Rätsel

Zwischen den Erinnerungsabschnitten erkundet der Spieler die hübsche und detaillierte, aber streng linear aufgebaute Insel. Dabei dürfen sich Fans über unzählige Originalschauplätze freuen. Beispielsweise sucht man im Cockpit des Flugzeugs nach Elliots Kamera, statttn sich im gestrandeten Piratenschiff, dem "Schwarzen Felsen", mit Dynamit aus, stromert durch das Camp der Überlebenden oder gibt im Dharma-Bunker die unheilvolle Zahlenkombination in den Computer ein. Letzteres macht besonders Spaß: Um Zugriff auf den Rechner zu bekommen, muss Elliot eine Reihe netter IQ-Tests meistern. Allerdings ist den Designern nicht jedes Rätsel so gut gelungen. Viel Zeit verbringt der Spieler zum Beispiel an Schalttafeln, in die unterschiedliche Sicherungen eingebaut werden müssen, um eine bestimmte Strommenge durch die Kabel zu jagen. Die Knobelei macht anfangs noch viel Spaß, nervt mit der Zeit aber durch die mangelnde Abwechslung. Immerhin werden die Aufgaben zunehmend anspruchsvoller.

Technisch erstklassig

Die größte Stärke des Spiels ist seine Technik. Die Grafikengine erzeugt lebendige, dicht bewachsene Dschungelareale, taucht diese in stimmungsvolles Licht und lässt die Serienfiguren teils verblüffend echt aussehen. Auch der Sound stimmt: Die Toneffekte klingen gut ortbar aus den Surround-Lautsprechern, und Michael Giacchinos Originalmusik passt jederzeit hervorragend zum Geschehen. Die Steuerung geht sowohl mit einem Gamepad als auch mit Maus und Tastatur sehr gut von der Hand, nur Elliots Inventar hätte etwas weniger fummelig ausfallen dürfen.

Fazit

Auch als Fan der TV-Serie fällt es schwer, die Fehler des Spiels zu übersehen. Zu häufig verpasst das Programm dem Spieler eine virtuelle Ohrfeige - durch lieblose Missionen, ewig gleichen Rätseln und unnötige Designschnitzer. Die Stärken des Spiels liegen eher bei der Umsetzung der aus der TV-Serie bekannten Schauplätze, der Möglichkeit mit den Lieblingsfiguren zu sprechen und die mysteriöse Handlung weiter zu verfolgen. Aber selbst die beste Atmosphäre geht den Bach runter, wenn man an allen Ecken merkt, dass den Entwicklern die Begeisterung, das Herzblut gefehlt hat.

Daniel Matschijewsky/Gamestar
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