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Cebit 1997 Staunen und träumen vor zehn Jahren


Auf der Cebit 1997 staunten zehntausende Technikbegeisterte über Megapixel-Digitalkameras, Internet-Fernseher und wiederbeschreibbare CDs.
Von Sebastian Wieschowski

Seiner ersten Liebe begegnete Stefan Fössel auf der Cebit 1997. Im Scheinwerferlicht auf einem drehenden Präsentierteller lag sie: kantig, wuchtig, schwer, mit atemberaubenden 1,22 Megapixeln und einem internen Speicher von 2 Megabytes. Die "Kodak DC 120"-Digitalkamera erreichte die Megapixelgrenze zwar nur durch Interpolation, dafür bot sie aber bereits einen Wechselspeichersteckplatz sowie ein optisches 3-fach-Zoomobjektiv. 2300 Mark wollte Kodak zur Markteinführung für sein Spitzenmodell haben, die 10-Megabyte-Speicherkarte schlug mit weiteren 350 Mark zu Buche. Stefan Fössel, damals 14 Jahre alt, will warten und sparen - für den Supercomputer, den Aldi im Herbst des Jahres 1997 auf dem Markt brachte – mit 166-Megahertz-Prozessor, 32 Megabyte Arbeitsspeicher und einer 2,1 Gigabyte-Festplatte für 1798 Mark.

Die digitale Knipse - ein Luxusgut

Digitale Fotoapparate gelten 1997 noch als Luxus. Die Auflösung der Mittelklasse-Modelle pendelt sich bei 640 × 480 Pixeln ein. An der Grenze zur Oberklasse bleibt es zunächst ebenfalls bei der VGA-Auflösung, hier etablieren sich aber immer mehr Umschalt-Optiken für Tele- und Weitwinkelbetrieb. Zoom-Objektive sind nach wie vor eher rar und meist den teuren Modellen vorbehalten. So ziehen es die Fotohersteller vor, auf der Cebit 1997 lieber gleich den professionellen Nutzer anzusprechen.

Der einfache Konsument soll am Besten gleich zuhause bleiben - für ihn wurde ein Jahr zuvor die "Cebit Home" geschaffen, um der Hannoveraner Hightech-Schau einen Hauch von Exklusivität zurückzugeben und die Jagd auf kostenlose Werbeartikel zu verbannen. Wer sich trotzdem auf die High-Tech-Messe traute, kam aus dem Staunen und Träumen nicht mehr heraus: Intel sorgte auf der Cebit 1997 mit seinem PentiumPro-Nachfolger "Pentium II" für reichlich Trubel. Immerhin soll der neue Prozessor satte 300 bis 400 Megahertz unter der Haube haben - unerreichbare Taktfrequenzen für kleine Technik-Träumer wie den 14-jährigen Schüler Stefan Fössel.

Das digitale Zuhause

Der japanische Hersteller Sanyo zeigte auf der Cebit- erstmals in Deutschland - einen Internet-Fernseher. Zusätzlich zu den Fersehfunktionen bietet das Gerät die Möglichkeit, im Internet zu surfen - mit einem 14,4 kbps - Modem. Der Internet-Fernseher soll für unter 3.000 DM angeboten werden. In vielen deutschen Wohnzimmern wird er nicht landen. Mehr als eine Handvoll Anbieter zeigen 14- und 15-Zoll-Monitore mit 1024 × 768 Pixeln Auflösung, die ab sofort oder in Kürze lieferbar sein sollen. Kampfpreise waren allerdings nicht zu erwarten: der Preis-Konsens lag bei stattlichen 6000 DM.

Die Cebit 1997 war die letzte Messe, auf der Mannesmann (heute Vodafone), Viag Interkom (heute o2) und Co. keine erdrutschartigen Preissenkungen verkünden konnten. Mit Spannung wird der Fall des Telekom-Monopols erwartet. Das Mobiltelefon ist 1997 fast ausschließlich in Begleitung eines Geschäftsreisenden anzutreffen. Zwar stellt ePlus mit "free@easy" den ersten Prepaid-Tarif Deutschlands vor, Mobilfunk ist in der Bundesrepublik jedoch immer noch Luxus. Topmoderne Geräte wie das Siemens S6D wogen 190 Gramm und passten mit einer Länge von 19 Zentimetern nicht in jede Jackentasche.

Das Internet - ein Megatrend

Überall auf der Cebit 1997 war ein Wort zu lesen: "Internet". Messebesucher fühlen sich von den schier unendlichen Möglichkeiten des weltweiten Datennetzes angezogen. Trotzdem steckt das Internet 1997 in Deutschland noch in den Kinderschuhen. Onlinekosten von fünf Mark pro Stunde trieben dem Vater von Stefan Fössel Schweißperlen ins Gesicht. In Deutschland haben die drei größten Online-Dienste T-Online, AOL und Compuserve zusammen mehr als 2,6 Millionen Mitglieder.

Die DeNic eG, gegründet zum Jahresbeginn, verwaltete lediglich 50.000 deutsche Internetadressen - heute sind es fast 11 Millionen. Domain und Mailadresse kosteten 29 Mark pro Monat - erst ein Jahr später starteten Billigheimer wie Strato oder Puretec mit Kampfpreisen und Web-Visitenkarten für eine Mark.

Philipps stellt auf der Cebit 1997 eine Neuheit vor, von der Computerfreunde wie Stefan Fössel zuvor nur träumen konnten: die wiederbeschreibbare CD. Die CD-ReWritable kostet zur Markteinführung in Amerika rund 25 Dollar und bietet den sechsfachen Speicherplatz. Eine weitere Botschaft von der Cebit: "Nicht mehr 1997", wohl aber im nächsten Jahr wird die bespiel- und löschbare Variante der Multimedia-Scheibe, der sogenannten "DVD" die Szene bereichern.

Stefan Fössel ist heute 24 Jahre alt. Er trägt einen Laptop mit Intel-Pentium-4 Prozessor und 80 Gigabyte Festplatte in die Uni, verschickt über sein Blackberry-Handy Multimedia-Mitteilungen, hat eine Internetflatrate für 19,99 Euro – und seine große Liebe konnte er, wenn auch etwas verspätet – doch noch erobern: an Weihnachten 2006 gönnte er sich eine digitale Spiegelreflexkamera. Die hatte zwar nicht den wuchtigen Charme der "Kodak DC-120", die er als 14-jähriger CeBIT-Besucher im Scheinwerferlicht verträumt betrachtete, dafür jedoch satte zehn Megapixel.


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