Computerschrott Wenn High-End-PCs zum Giftmüll werden


Immer kürzere Innovationszyklen sorgen im Bereich der Computertechnik für einen stetigen Anstieg der Müllberge - vor allem in privaten Haushalten. Wohin mit dem Computerschrott?

Ein roter Golf fährt vor, der Fahrer steigt aus: "Es ist alles voll", sagt Markus Gräf und hat damit nicht übertrieben. Auf Sitzbänken und im Kofferraum stapeln sich alte Monitore, Laufwerke und Computer. Sofort kommen Helfer herbei und laden alles aus. Mit einem Krachen fallen die musealen Computerteile in dafür aufgestellte Gitterboxen.

Für jedes Teil gibt es eine eigene Box: für PC-Tower, Monitore und Kleinteile wie Kabel oder Mäuse. Gräf nutzt den Recycling-Tag des Computer-Herstellers Dell zur großen Entsorgungsaktion. Auf einem Parkplatz in der Nähe des Münchner Olympiastadions können PC-Besitzer ihre alten Geräte kostenlos abgeben. Ein Recycling-Unternehmen transportiert den Elektro-Schrott ab und übernimmt die Entsorgung.

Computergeschichte wandert auf den Müll

Auch wenn Markus Gräf froh ist, seine ausrangierten PC-Teile loszuwerden, ist ihm nicht ganz wohl bei der Sache: "Die Geräte sind noch gelaufen und ich schmeiße selten etwas weg, was noch funktioniert." Aber inzwischen hätten die Computerteile schon etwa zehn Jahre im Keller gelegen. Zeit, sich davon zu trennen. "Staubfänger" nennt Informatiker Hartmut Möhres seinen alten 486er PC, den er zusammen mit Laufwerken und einer Tastatur abgibt. "Es ist doch gut, wenn es ordentlich entsorgt wird", sagt er.

In den Gitterboxen stapeln sich nach und nach mehrere Kapitel der Computergeschichte: Ein 20 Jahre alter Siemens-Rechner liegt dort ebenso wie eine Tastatur des einstigen Kultrechners Atari ST. In ganz Deutschland türmt sich von Jahr zu Jahr mehr Computer-Schrott auf. "Wir schätzen, dass im Jahr etwa 110.000 Tonnen IT-Schrott anfällt", sagt Bernhard Bauske, Unternehmensbeauftragter der Umweltschutzorganisation WWF in Deutschland.

Ein Rechner wird nur noch zwei bis drei Jahre genutzt

"Tendenziell wird es mehr", bestätigt Mario Tobias, Experte für Umweltschutz und Nachhaltigkeit beim Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien (Bitkom). Dies liege daran, dass die Zahl der in Umlauf gebrachten Computer ständig wachse. Immer rascher werfen Computer-Produzenten Neuheiten auf den Markt. In einer Publikation zum neuen Elektrogesetz zeigt sich das Umweltbundesamt besorgt über "immer schnellere und kurzlebigere Innovationszyklen" in der Elektronikbranche." Ein Computer wird im Durchschnitt etwa drei bis vier Jahre benutzt", sagt Bitkom-Experte Mario Tobias. Findet sich danach kein Abnehmer, wird der erst so kostbare Rechner zum giftigen Sondermüll.

"Umweltschädliche Substanzen wie Flammschutzmittel für Gehäuse und Leiterplatinen machen diesen Müll zum Riesenproblem", warnt WWF-Experte Bauske. Wie aus einer Liste der Naturschutzorganisation hervorgeht, enthalten Computer neben giftigen Flammschutzmitteln vor allem Schwermetalle wie Blei, Cadmium, Quecksilber und schädliche Chemikalien wie zum Beispiel Weichmacher. Flammschutzmittel stehen im Verdacht, den Hormonhaushalt des Menschen zu schädigen. Blei kann beim Menschen Nierenschäden auslösen. "Gerade wegen der Schadstoffe ist es wichtig, dass die Geräte nicht im Hausmüll landen", sagt Bauske.

Kostenlose Entsorgung ab 24. März 2006

Wer einen alten Computer zu Hause hat, für den könnte es sich lohnen, ihn bis zum nächsten Jahr zu behalten. Denn ab 24. März kommenden Jahres können PC-Besitzer ausrangierte Geräte kostenlos bei kommunalen Sammelstellen abgeben. Grundlage dafür ist das neue Elektrogesetz. Es verpflichtet die Hersteller von Elektrogeräten dazu, die Entsorgung ihrer Produkte selbst zu finanzieren. Der Beitrag jedes einzelnen Produzenten richtet sich dabei nach dem Marktanteil. Der WWF empfiehlt, schon beim Kauf eines Computers darauf zu achten, dass er das Umweltsiegel des "Blauen Engels" trägt. Computer mit diesem Zeichen sind leichter zu entsorgen und enthalten weniger Giftstoffe.

Auf keinen Fall sollte man einen Rechner zu früh wegwerfen. "Es ist ökologisch sinnvoll, den Computer so lange zu nutzen, bis sein physisches Ende gekommen ist", rät der Sprecher des Arbeitskreises Abfall beim Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND), Georg Heydecke. Auch einen älteren PC könne man an einen Zweitnutzer oder an einen Bastler weitergeben. Dass manche PC-Besitzer ihre Geräte zu schnell verschrotten, hat beim Recycling-Tag in München auch Michael Rufer von Dell Deutschland erfahren: "Jemand wollte zwei originalverpackte Drucker abgeben. Dem haben wir gesagt, er soll sie wieder mitnehmen." Am Ende des Recycling-Tags waren es trotzdem mehr als sechs Tonnen IT-Schrott, die in den Gitterboxen zusammengetragen wurden.

Nina Schönmeier/AP AP

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