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Enter The Matrix: Im Rausch der Zeit

Einmal so cool sein wie die Stars im Kino - das verspricht "Enter The Matrix", das Videospiel zum Film. Der stern hat es getestet.

Hat die Revolution begonnen? Werden Filme und Videospiele in naher Zukunft immer mehr eins werden, bis man sie nicht mehr unterscheiden kann, bis Spiel und Film zum Mitspielfilm verschmolzen sind? Es gibt eine Menge Leute, die einen das glauben machen wollen - am Beispiel von "Enter the Matrix", dem Video- und Computerspiel zum zweiten Teil der "Matrix"-Kino-Trilogie. Und vielleicht haben sie Recht: Noch nie haben die Regisseure eines Films ein Drehbuch für das zugehörige Spiel geschrieben - die Brüder Andy und Larry Wachowski haben das jetzt getan, es ist 244 Seiten dick. Außerdem haben sie eine Stunde Film allein für das Spiel gedreht, mit den echten Schauspielern, ohne dass die wussten, ob sie gerade fürs Kino oder für die Konsole vor der Kamera standen. Und noch nie hat ein Spiel zu einem Film so viel gekostet: 47 Millionen Dollar hat die französische Spielefirma Infogrames ausgegeben, um sich exklusiv das Recht zu sichern, Spiele zu den "Matrix"-Filmen zu machen. Und um das Spielestudio "Shiny Entertainment" zu erwerben. Das ist die teuerste Lizenz der Videospielgeschichte - wobei im Kaufpreis nicht ein Cent für die eigentliche Spieleentwicklung enthalten ist. Dafür sollen die Franzosen noch mal mehr als 20 Millionen Dollar ausgegeben haben.

Spiel und Film - verzahnt "wie ein Reißverschluss"

Das wirklich Besondere an "Enter the Matrix" jedoch ist, dass es wie kein Spiel zuvor mit dem Film verzahnt ist - "wie ein Reißverschluss", sagt Shiny-Chef Dave Perry. Im Spiel erlebt man, was passiert, wenn die Filmkamera wegblendet. Oder wie Anthony Wong erklärt, der "Ghost" spielt: "Sieht man im Film eine Szene, dann zeigt uns das Spiel, was gleichzeitig im selben Haus oder nebenan im Badezimmer passiert." Im Film taucht zum Beispiel ein Päckchen einfach auf, im Spiel muss der Spieler es suchen. Im Film ist eine Tür verschlossen, im Spiel soll man hindurch. Aus diesem Grund darf man in "Enter the Matrix" auch nicht die Stars des Films spielen, sondern Niobe oder Ghost, die selten genug im Bild sind, um im Spiel eine Menge erleben zu können.

Enter The Matrix

Hersteller

Infogrames/Atari

Genre

Action/Adventure

Plattform

PC
PlayStation 2
GameCube
Xbox

Preis

PC: 48 Euro
Konsolen: 55 Euro

"Es gibt nur einen Weg, die Matrix zu betreten", raunt die Werbung für das Spiel - und sie hat Recht. Was im Kino schnell und schnell geschnitten an einem vorbeirauscht, hat man im Spiel selbst in der Hand. Man ist drin. Für diese Illusion hat Shiny die Tritte, Sprünge und Handkantenschläge der Schauspieler digitalisiert, hat mehr als 25.000 Fotos von ihnen und dem Set gemacht und über 3000 Bewegungsabläufe geschaffen, mit denen der Spieler Niobe oder Ghost helfen darf.

Riesenaufwand - und das Resultat?

Doch hat der ganze Aufwand etwas gebracht? Das ist die Frage, die sich selbst ernannte Revolutionsführer stellen lassen müssen. Die Antwort: ja und nein. Das Spiel ist gut, weil es eine kongeniale Ergänzung des Films ist. Genau wie der ist es ein Rausch: Es gibt einem keine Sekunde zum Nachdenken, man rennt mit Niobe, schießt mit Ghost, flüchtet, sitzt im Auto, fliegt, schaut zu wie im Film und macht mit, wie es nur im Spiel möglich ist. Die Bullet-Time, in der die Zeit im Film langsamer läuft, ist auch ein Höhepunkt des Spiels - denn während sich die Angriffe der Gegner verlangsamen, hat der Spieler erst dann die volle Kontrolle über seine Bewegungen und wird zum Choreografen der Kämpfe, die sonst schnell vorbei sind.

Nicht ohne Schwächen

In der Matrix zu sein, das ist das Ziel - sich frei und ohne Ziel darin bewegen zu können, das haben die Programmierer nicht zugelassen, und das ist schade. Auch die Räume, in denen man sich bewegt, wirken oft lieblos. Das Spiel hat Schwächen. Doch dafür darf der Spieler nun selbst in Bullet-Time ein Rad schlagen und dabei dem Schuss eines Agenten ausweichen, er darf so cool sein wie die Helden der Leinwand.

Das Konzept ist stimmig

Die enge Verzahnung zwischen "Matrix" und "Enter the Matrix" funktioniert - das Konzept ist stimmig. Denn die Welt der Matrix selbst ist bereits eine Computersimulation. Und so, wie die Menschen im Film ihre Lebensenergie an die Matrix abgeben, um sie am Leben zu erhalten, genau so, wie sie mit Kabeln an die Matrix angeschlossen sind, haben die Spieler ihre Controller in der Hand und geben dem Spiel ihr Wertvollstes: ihre Aufmerksamkeit. Nur wenn der Spieler sich bewegt, bewegt sich etwas in der Welt der Matrix.

Kann etwas schiefgehen?

Die Zukunft der Videospiele wird das Spiel nicht verändern, wohl aber werden in Zukunft Umsetzungen von Filmen teurer und anspruchsvoller werden. Die großen Studios in Hollywood balgen sich zurzeit um gute Spieleprogrammierer. Dass "Enter the Matrix" ein Erfolg werden wird, steht fest: Groß genug ist die Schnittmenge zwischen "Matrix"-Fans und Videospielern. 3,5 Millionen Spiele stehen in den Regalen, vier Millionen sind bereits vorbestellt.

Infogrames sich übrigens kürzlich in "Atari" umbenannt und damit den Namen einer Firma angenommen, die vor 30 Jahren mit "Pong" den Spielemarkt begründet hat - und die dafür berühmt ist, dass sie einmal Millionen Spiele in einem Loch in der Wüste vergraben musste, weil sie keiner kaufen mochte. Es war das Spiel zum Film "E.T."

Sven Stillich; Mitarbeit: Jochen Siemens / print
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