GC-Tagebuch (Tag 1) Im Herzen der Spielhölle


Visitenkartentausch auf japanisch, eine 17 Kilogramm schwere Playstation 3 und befremdliche Interview-Termine: Die Highlights des ersten Tages auf Europas größter Messe für Computer- und Videospiele.
Von Udo Lewalter, Leipzig

Heiße Hallen, blinkende Monitore, Lärm und nackte Haut erleben Vertreter von Presse und Handel nur am Rande auf der Games Convention. Ihr Ziel ist tagtäglich das so genannte Business Center in Halle 2 der Leipziger Messehallen. Schon auf den ersten Blick wirkt hier alles deutlich nüchterner als "nebenan". Hohe Trennwände stecken die Bereiche der einzelnen Publisher ab. Dahinter verbergen sich zumeist ein halbes Dutzend kahler Sitzungsräume. Doch die haben es im wahrsten Sinne des Wortes in sich. Konsolen, Monitore und PCs stehen fein säuberlich aufgereiht auf den Tischen jedes Raumes. Davor warten Entwickler und Produzenten darauf, Journalisten im Halbstundentakt ihre neuesten Games vorzustellen. Spiele, die teilweise erst in zwölf bis 18 Monaten in den Regalen der Kaufhäuser stehen. Daher haben auch nur Fachbesucher Zutritt zu diesem Bereich.

Aufeinandertreffen der Kulturen

Der erste Termin des Tages: Strahlend und überraschend unjapanisch, da überhaupt nicht reserviert, begrüßen mich Kentaro Hisai und seine Übersetzerin. Hisai ist Produzent bei Buena Vista Games in Tokio. Von dort hat er das Nintendo-DS-Rollenspiel "Spectrobes" mitgebracht. Doch bevor die Präsentation losgehen kann, muss es noch zum unvermeintlichen "Visitenkartentausch-Ritual" kommen. Eine sehr spezielle japanische Eigenheit. Während sich der Rest der Welt die Karten ganz nebenbei in die Hand drückt, zelebrieren Japaner dieses Ereignis förmlich.

Der Ritus: Man fasst den dünnen Karton an der Längsseite mit Daumen und Zeigfinger beider Hände und führt das Stück Papier anmutig in Richtung seines Gegenübers. Dabei muss ihn die Schrift unbedingt ansehen. Alles andere ist ein Zeichen von Flegelei in den Augen der Japaner. Und auch die Entgegennahme ist eine Kunst für sich. Es reicht keinesfalls aus, die Karte anzunehmen und wegzustecken. Um den Gesprächspartner zu würdigen, müssen zunächst - deutlich erkennbar für den anderen - die Lettern auf der Karte studiert werden. Es reicht eigentlich auch, wenn man nur so tut, als würde man lesen. Aber das darf der andere natürlich nicht merken. Und wenn man sich danach an einen Tisch setzt, sollte die Karte keinesfalls weggesteckt werden. Sanft lege ich sie also neben meinen Notizblock. Auch das ein Zeichen der Würdigung.

Gefühlte fünf Minuten später schaltet Hisai dann zufrieden die tragbare Nintendo-Konsole an und startet das Rollenspiel. Das hat durchaus Potenzial. Der Spieler schlüpft in die Rolle des Weltraumpolizisten Rallen, der auf Dutzenden Planetensystemen prähistorische Monster aufspüren muss. Mithilfe des Eingabestiftes durchwühlt er auf dem drucksensitiven Bildschirm den Boden. Eingefangene "Spectroben" können nach Herzenslust aufgezogen und gezüchtet werden. Insgesamt 1000 verschiedene Variationen sollen so möglich sein. Hisai will einen wahren Süchtigmacher à la "Pokémon" erschaffen. Das Ziel scheint durchaus möglich. Schließlich hat der Entwickler, Jupiter Corporation, bereits Spiele wie "Pokémon Pinball" und "Kingdom Hearts: Chain of Memories" entwickelt.

Es herrscht Krieg bei THQ

Es ist soweit: Endlich zeigt der amerikanische Spieleentwickler THQ eine Vorabfassung des PC-Ego-Shooters "S.T.A.L.K.E.R.". Gut, die Grafik wirkt nicht mehr ganz so beeindruckend. Schließlich wurden erste Videos und Bilder schon vor einigen Jahren veröffentlicht. Damals war das Gezeigte konkurrenzlos schön, heute nicht mehr. Aber noch immer fesselt eine beklemmende Stimmung vor den Bildschirm. Fast schon gespenstisch wirken die Lichtkegel, die die Helmlampen der Gegner in düsteren Schachtsystemen werfen. Von anderen Mutanten sind nur schemenhaft lange Schatten in der Ferne zu erkennen. Gänsehautstimmung, wenn die Meute langsam aber unaufhaltsam auf den Spieler zukommt… Was jedoch letztlich im kommenden Jahr von den vielen versprochenen Spieloptionen überbleiben wird, ist fraglich. Der englische PR-Manager, der das Spiel vorführte, konnte bis auf den in dieser Version bereits enthaltenen Tag- und Nachtwechsel und variable Wettersituationen keine entsprechenden Antworten liefern.

Ein optisches Feuerwerk brannte THQ mit dem 3rd-Person-Shooter "Frontlines: Fuel of War" ab, der im kommenden Jahr für PC, Xbox 360 und Playstation 3 erscheinen wird. Der Spieler steuert in einem futuristischen Kriegsszenario nicht nur Panzer, Jeeps oder Helikopter, sondern kann Abschnitte oder Gebäude auch mithilfe von Flugdrohnen observieren. Dabei erlebt er die Flugszenen direkt aus der Ich-Ansicht der Drohne. Stimmungsvoll verwischen dabei Störungen das Bild. Ebenfalls beeindruckend war die in der Vorabversion bereits vollständig integrierte Physik-Routine, dank der Häuser, Denkmäler oder Brücken deformiert und teilweise sogar komplett in alle Einzelteile zerlegt werden können. Weiterhin sehenswert bei THQ: das PC-Echtzeitstrategiespiel "Supreme Commander".

Next-Generation bei Sega

Alles andere als affig ist der Eindruck, den ein erstes Probespiel des Nintendo-Wii-Spiels "Super Monkey Ball Banana Blitz" hinterlies. Im Hauptspiel kugelt man wie gehabt einen Affen über Plateaus voller Hindernisse. Dabei wird die Neigung der Scheibe, auf der der Affe rollt, jedoch in der Wii-Fassung durch die Verlagerung des bewegungssensitiven Joypads und nicht durch die Richtungstasten verändert. Wird das Pad also nach links geneigt, so kippt auch die Scheibe nach links. Das funktioniert in allen Richtungen. Bereits nach einer kurzen Eingewöhnungsphase klappt das blendend. Für Abwechslung sorgen darüber hinaus 100 abwechslungsreiche Bonusspiele, wie Dartwerfen, ein stark an "Mario Kart" erinnernder Fun-Racer oder Wettrudern.

Dank eines 17 Kilo schweren Blechmonsters konnten bei Sega auch erste Next-Generation-Lops und Spins geschlagen werden. Auf einem so genannten Development-Kit, einem Playstation-3-Entwicklungsgerät, ließ sich der dritte Teil der "Virtua Tennis"-Serie sechs Monate vor Veröffentlichung bereits ausgiebig ausprobieren. Und noch nie sahen Federer oder Haas realistischer in ihrem Erscheinungsbild und ihren Animationen aus. Und die intuitive Spielbarkeit der Vorgänger wurde auch dem drittel Teil der Serie spendiert. Ganz großes Tennis! Weiterhin sehenswert bei Sega: das PC-Strategiespiel "Medieval II: Total War".

Interview auf japanische Art

Neben der bereits beschriebenen Visitenkarten-Eigenart überraschen Japaner auch gerne "mengenmäßig" bei Interview-Terminen. So war im Vorfeld der Messe eine Verabredung mit Hiromichi Tanaka, dem Vizepräsidenten der Entwicklungsabteilung beim japanischen Spielehersteller SquareEnix, vereinbart worden. Beim Interview saß ich dann sage und schreibe sechs Mitarbeitern des japanischen Unternehmens gegenüber. Eine Frau übersetzte, der Kollege rechts neben ihr notierte meine Fragen und ein dritter dann die Antworten des Chefs. Der vierte Mitarbeiter sorgte für das Wohlergehen seines Vorsetzten und füllte ständig dessen Wasserglas auf. Und nicht zu vergessen der PR-Mitarbeiter, der das ganze Gespräch über ein paar Meter hinter mir an der Tür wachte. Obwohl sich das Erlebte eher nach einem Verhör als nach einem Interview anhört, war der Termin ausgesprochen angenehm und interessant. Das volle Interview lesen Sie in Kürze auf stern.de.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker