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Killerspiele: Ballern für die Kinder

Sie wollten einmal selbst erfahren, was die Jugendlichen an diesem Ego-Shooter so fasziniert. Doch nicht alle Kinder sind von der ersten "Eltern LAN" begeistert. Sie befürchten das Ende der Revolution im Kinderzimmer.

Von Christian Parth

Meinhard Walenciak weiß nicht, ob er jetzt ein Terrorist ist. Er trägt zumindest eine Sturmmaske im Gesicht und hält eine vollautomatische AK 47 in den Händen. Verunsichert schleicht er entlang des tristen Stadtgemäuers, der blaue Himmel über ihm, als plötzlich ein bewaffneter Mann vor ihm auftaucht. Walenciak schießt das Magazin leer, der Mann fällt um, er selbst steht noch. Leider hat er den Falschen erwischt. Der Mann war tatsächlich Terrorist, so wie er. Am Ende siegt das Team der Polizei. "Ich finde das etwas unübersichtlich", sagt der pensionierte Schreiner über den Taktik-Shooter Counter Strike (CS). "Das könnte man doch besser machen."

Meinhard Walenciak, 62, ist Teilnehmer der ersten "Eltern Lan". Gemeinsam mit 15 anderen Vätern, Müttern und Lehrern soll er im Kölner Tanzbrunnen, wo sonst internationale Stars auf der Bühne stehen, am eigenen Leib erfahren, was sein Kind wirklich treibt vorm Rechner im Kinderzimmer. Nun sitzen die Eltern vor den aufgestellten Notebooks in Reihen zu jeweils fünf Personen und versuchen als Counter-Strike-Team ihre ebenfalls betagten Gegner zu eliminieren. Der Besuch soll allerdings nicht nur den Horizont der Eltern erweitern. "Kinder reflektieren ihr eigenes Spiel meist nicht", sagt Horst Pohlmann, der an diesem Abend durchs Programm führt. "Deshalb brauchen sie auch eine moralisch-ethische Instanz, an die sie sich mit ihren Fragen wenden können."

Lernen, was die Kinder treiben

Fast 60 Minuten ballert Walenciak nun schon durch die Gegend und wirkt dabei noch immer etwas unmotiviert. Auf dem Rechner nebenan müht sich Angelika Meinhold, die mit einer schweren MG dem Gegner auflauert und mit beeindruckender Präzision aus dem Spiel befördert. Ihr fülliger Körper bleibt dabei regungslos wie ein Fels. Allein die Brille drückt sie hin und wieder fest auf die Nasenwurzel. Wie bei den meisten anderen Teilnehmern auch, sind das ihre ersten virtuellen Opfer überhaupt. Meinhold, 48, ist Chemie-Lehrerin an einer Gesamtschule in Duisburg und möchte gerne dem Wunsch ihrer Schüler nachkommen, einmal eine LAN-Party zu organisieren. "Deshalb muss sich wissen, was das überhaupt ist", sagt sie.

Gewaltspiele selbst seien an ihrer Schule kein Problem, denn in Duisburg-Mitte ist die Arbeitslosigkeit hoch, Rechner gibt es kaum. Natürlich habe das Kollegium nach dem Amoklauf von Emsdetten vor zwei Jahren so genannte "Killerspiele" zum Thema gemacht. Meinhold glaubt in der Tat, dass so mancher Jugendlicher durchaus anfällig auf solche Spiele reagieren könnte. "Gerade jene, die gerne den Anführer markieren, sollte man so was nicht in die Hände geben", sagt sie. "Und schon gar nicht sollte so ein Spiel über die Schule legitimiert werden."

Altmodische Lehrer

Experte Pohlmann kann die Skepsis verstehen, manchmal aber hält er den deutschen Lehrkörper für zu altmodisch. In anderen Ländern sei der Software-Einsatz an Schulen längst Alltag. Nur die Deutschen sträubten sich behände. "Sie sind teilweise sehr verbissen in ihren Ansichten, was aber auch am hohen Durchschnittsalter der Lehrer liegt", erklärt Pohlmann. Vor einigen Monaten bereits habe etwa der dänische Hersteller des Lernspiels "Global Conflict Palestine" eine kostenlose Distribution der Software an deutsche Schulen versprochen. Den Einsatz proben wolle bislang aber nur ein junger Rektor aus Königswinter. Walenciak kommt selbst gerade aus Schweden zurück, wo er mit dem Elternrat das Schulsystem inspiziert hat. Von den Methoden war er beeindruckt und überrascht.

Denn dort dürfen die Schüler sogar während des Unterrichts CS zocken. "Das ist eine Art Belohnung. Wer seine Aufgaben vorzeitig erledigt, darf spielen", berichtet Walenciak etwas müde von der vielen Ballerei. Für das große Hobby seines Sohnes hat er heute indes noch keinen Zugang gefunden, wie er beim Erfahrungsaustausch in der abschließenden Diskussionsrunde berichtet. "Es hat mir viel gebracht, aber es wird sicher nicht mein Lieblingsspiel."

Begeisterung für das erste "Eltern LAN" gab es nicht überall. In den Internet-Foren schossen die Kids zum Teil scharf gegen die Veranstaltung. Die Alten sollten sich in diese Sachen nicht auch noch einmischen. Sie befürchten, dass die Eltern ihnen nun noch mehr auf die Pelle rücken. Aber vielleicht haben sie auch nur Angst vor zu viel Verständnis und dem baldigen Ende ihrer Revolution im Kinderzimmer.

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