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SCHEIBES KOLUMNE: Big Brother für Nerds

Reality-Formate sind out. Im Girlscamp langweilen sich noch die hübschen Mädels, während im RTL-II-Club längst alle Lichter ausgegangen sind. Schade, dass die Überwachung fremder Leute derzeit so floppt. Wir vermissen doch noch das Big Brother für Computer-Nerds.

Ich gebe es zu: Ich bin einer von den mickrigen fünf Prozent, die noch immer die dritte Staffel von Big Brother gucken. Jeden Abend schmeiss ich mich wieder vor die Glotze und schalte in den berühmten Kölner Container. Nach einem harten Arbeitstag ist es so herrlich entspannend, den Jungs und Mädels dabei zuzusehen, wie sie sich langweilen und unwichtige Pillepalle-Probleme wälzen. Dabei kann ich inzwischen noch nicht einmal klar sagen, wem ich eigentlich die Siegesprämie von 250.000 Mark am Ende der 106 Tage gönne. Irgendwie verwandeln sich alle mega-frohen Mitglieder der Fun-Generation fast sofort in miesepetrige Psycho-Wracks, sobald sie ins Big-Brother-Haus gesperrt werden. Wahrscheinlich fehlt ihnen ihr Handy.

Doch trotz Reality-Desaster: ein Format fehlt noch. Niemand möchte aneinander gekettete Leute in einem Bus oder in einem Taxi sehen. Setzt lieber einen echten PC-Anwender vor die Tastatur und sperrt ihn ins Big-Brother-Haus. Das ist richtig billig und sorgt 24 Stunden am Tag für Spannung pur. Und was würde es da nicht alles zu sehen geben? Die erste Woche wäre auf jeden Fall schon sendetechnisch ausgereizt. Ich stelle mir das so vor:

Montag: Der Computer-Nerd bekommt eine Tagesaufgabe. Er muss eine neue Version von Windows auf seinem Rechner installieren. Ganz egal, welche. Fröhlich beginnt er seine Arbeit. Die Kamera zoomt und zeigt schon bald, wie sich Schweißperlen auf der Stirn des Anwenders bilden und die Gesichtshaut fahler wird. Die leisen Plings von aufpoppenden Fehlermeldungen sind gut vernehmlich zu hören. Das Herunterfahren der Lüfter zeugt davon, dass der PC immer wieder ein- und ausgeschaltet wird. Der Anwender wird nun stoisch versuchen, Windows mindestens fünf- oder sechsmal neu zu installieren, in der Hoffnung, dass alle Fehlermeldungen dann irgendwie verschwinden. Das dauert Stunden. Am Ende läuft das neue System. Nur der Drucker, die Soundkarte und das DVD-Laufwerk funktionieren noch nicht. In einer Sondersendung wird ein arroganter Techniker erklären, wie?s richtig gemacht wird und wo sich der Anwender wie ein Depp verhalten hat.

Dienstag: Wir sorgen für Konflikte. Im überwachten Haus wird ein Liebesdinner für zwei Personen ausgerichtet, das Punkt 20 Uhr beginnen soll. Die Freundin wird zum Friseur und zur Kosmetikerin geschickt und freut sich ganz doll auf den Abend. Doch gemein, gemein: der Computer-Nerd bekommt um halb acht die erste Vorausgabe eines ganz besonders tollen Computerspiels ins Haus gereicht, das es im Handel noch gar nicht gibt. Wir schauen entspannt zu, welche Zeitspanne der PC-Anwender mit der Bemerkung »Nur noch 5 Minuten, Schatz« tatsächlich im Sinn hat. Und wie schnell die Freundin die männliche Zeitvorstellung wieder auf das rechte Maß zurechtstutzt. Wir lernen außerdem: Frauen sind äußerst verstimmt, wenn sie beim Candlelight-Dinner darauf warten müssen, dass ihr Geliebter sich endlich von Lara Crofts Brüsten loseist.

Mittwoch: Ein Internet-Zugang wird freigeschaltet. Das Publikum muss raten, welche Homepages der Bewohner wohl in welcher Reihenfolge aufruft. Der Fall ist klar: nachdem sich der Probant eine Zeit lang auf harmlosen Nachrichtenseiten aufgehalten hat, steuert er schnurstracks in das digitale Rotlichtmilieu und klickt sich durch ein Dutzend expliziter Sexseiten. Am Ende landet er in einem Live-Strip und heult sich bei den verständnisvollen Online-Damen aus: »Meine Freundin versteht mich nicht.« Den Stripperinnen ist das Gejammere recht. Das ist ihnen immerhin lieber, als wenn die Nieten online immer gleich den Macho und Sexprotz heraushängen lassen und Sprüche im Chat klopfen, für die sich selbst ein Pornofilm zu schade wäre.

Donnerstag: Die neue Tagesaufgabe besagt, dass alle Dinge des täglichen Bedarfs im Internet einzukaufen sind. Kein Problem. Doch der Pizzaservice liefert nur in den anderen Teil der Stadt. Der Getränkehandel bedient nur Großkunden und nicht einzelne Leute, die nur zu faul zum Einkaufen sind. Zigaretten, Alkoholika und Bierkästen lassen sich bestellen, werden aber erst kommende Woche geliefert, weil man das gerade nicht auf Lager hat. Der Supermarkt der Großhandelskette liefert prompt, verlangt aber einen Aufschlag, der das Budget sprengt. Außerdem ist das Haltbarkeitsdatum aller gelieferter Waren längst abgelaufen. Immerhin liegt einer Sendung mit Seife und Shampoo eine Tüte Gummibärchen als Dankeschön bei. Hm, lecker.

Freitag: Vor dem Live-Publikum kommt es zum Eklat. Der Bewohner muss erst fachsimpeln, was für einen Rechner er besitzt und welche Komponenten in ihm installiert sind. Anschließend muss er die verwendeten Fachbegriffe wie ISDN, USB, DirectX, 3D-Beschleuniger und Pentium dem unkundigen Publikum erklären. Der Bewohner scheitert auf ganzer Linie, bekommt einen Heulkrampf und muss sofort das PC-Haus verlassen. Als Lohn für eine knappe Woche vor der Kamera erhält er einen Gutschein für einen Volkshochschulkurs im 10-Finger-Schreiben.

Carsten Scheibe

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