SCHEIBES KOLUMNE Meine Daten, deine Daten


Vorsicht mit privaten Daten, denn Lauscher, Spione und »Big-Brothers« lauern überall. Sich schützen, ohne dabei paranoid zu werden, heißt die Devise.

Ich sitze mit Jörgi, Robert und Dirk in der neuen Steinofen-Pizzeria hier in Falkensee-City. Die Pizza dampft im Ofen vor sich hin und ich spiele ebenso ungeduldig wie hungrig mit Roberts Schlüsselbund. »Vorsicht«, brüllt Robert da und verliert seine ganze Coolness. »Du hast gerade alle meine privaten Daten in der Hand.«

Meine Augenbrauen formen ein Fragezeichen. »Häh?«, sage ich, behalte aber die Schlüssel noch in der Hand.

Robert zeigt auf sein Schlüsselbund. Da hängt ein kleines gelben Teil dran, mit einer Öffnung, die aussieht wie ein USB-Adapter. Robert erklärt: »Das ist ein externer Minispeicher, der schluckt ein paar Megabyte. Da habe ich alle meine wichtigen Dateien drauf. Rechnungen, Adresslisten, private Notizen. Wenn ich diese Daten brauche, stecke ich das Teil einfach in den USB-Slot meines Computers. Dann kann ich sie gleich wieder verwenden.«

Ich staune: »Warum lässt du die Dateien dann nicht gleich auf der Festplatte?«

Robert sieht sich um, mustert die Kinder am Nachbartisch grimmig und scannt den Kellner mit den Augen, als würde es sich um einen verkleideten Moslem-Terroristen handeln. Dann beugt er sich zu mir, Jörgi und Dirk herunter. »Wegen Big Brother«, raunt er ganz leise.

Jörgi freut sich und klatscht in die Hände: »Oh, geht endlich die nächste Staffel los? Das wird Tini aber freuen, die guckt das so gerne.«

Robert haut mit der flachen Hand auf die Stirn. Auf Jörgis Stirn. »Du Gehirnamputierter. Doch nicht die Fernsehsendung. DER Big Brother. Der Datenklau. Wer weiß, wer sich alles an meinem Rechner zu schaffen macht, wenn ich gerade nicht da bin. Vielleicht der Kollege. Vielleicht jemand vom Geheimdienst. So gehe ich auf Nummer sicher.«

Ich nehme das gelbe USB-Teil in die Hand: »Du meinst also, dass deine Liebesbriefe an Juschi, deine popeligen Rechnungen mit uninteressanten Minibeträgen und deine unausgegorenen Ideen aus dem Reich der Mechanik der feuchte Traum eines jeden Hackers sind? So ein Quatsch. Hier sind die Daten doch auch nicht sicher.«

»Und ob«, meint Robert, »die werden automatisch verschlüsselt.«

Ich beuge mich herunter, lege das gelbe Teil auf den Boden und trete einmal kräftig mit dem Fuß drauf. Es macht laut »Knack«. Robert wird bleich. Ich gebe ihm seine Schlüssel wieder. Natürlich mit einem intakten gelben Ding, da ich nur auf einen kleinen Ast getreten bin. »Das mal vorweg zum Thema sicher.«

Dirk schaut skeptisch. »Naja, ganz so unrecht hat Robert auch nicht. Ich verschlüssele zum Beispiel alle meine E-Mails. Damit sie niemand abfangen und lesen kann.«

Da muss ich aber lachen: »Verschlüsseln? Du verschickst doch eh nur schweinische Witze und lustige Zeichnungen aus dem Playboy. Da ist natürlich das Interesse der Hacker groß.«

Dirk ist beleidigt. Jörgi hat nun endlich sein Hefeweizen in einem Rutsch ausgetrunken, wischt sich den Schaum am Sweatshirt ab und will auch beim großen Palaver mitmachen: »Das FBI nutzt bereits ein Programm, das Millionen Mails auf bestimmte Worte hin scannen kann.«

Ich winke ab: »Das ist ein alter Hut«. Ich erzähle von meinem Kumpel Patrick, der in Harvard seinen Postdoc macht. Laut Patrick haben es sich alle Studenten und Doktoranten in Harvard längst angewöhnt, jede E-Mail mit einer ganz besonderen Signatur zu unterschreiben. Sie besteht allein aus kritischen Worten wie »bomb«, »terrorism«, »anthrax« und »bin laden«, die beim FBI-Programm zu einem Alarm führen. Dieses Unterfüttern der Mails mit diesen Wörtern ist zwar irgendwie makaber, aber es hält den Big Brother beschäftigt, meinen jedenfalls die US-Studenten.

Jörgi ist ganz einfach dieser Meinung: »Ich schreibe in meinen Mails nichts, was ich nicht auch ans Schwarze Brett der Firma hängen würde. So gehe ich auf Nummer sicher. Was weiß ich: Vielleicht haben die Programmierer der Verschlüsselungsalgorithmen ihre Codes längst an den Geheimdienst verscherbelt, sodass der meine Mails problemlos dekodieren kann.

»Das ist doch paranoid«, wirft Robert ein.

»Aber beim ganzen Datenschutz geht es doch genau darum«, ruft Jörgi so laut, dass der Kellner am Nachbartisch ins Straucheln kommt. »Wir alle schützen uns doch nur auf Verdacht vor irgendwelchen Langfingern, die keiner kennt. Und die vielleicht gar nicht existieren. Wenn schon Paranoia, dann aber bitte ungeheuer.«

Alle schauen mich an. Was ich wohl für eine Sicherheitsstrategie habe. Ich überlege kurz, dann weiß ich es: Gar keine.

Ich schlürfe an meiner Cola und greife mir Roberts Schlüssel, um etwas zum Spielen in der Hand zu haben. Robert wird wieder nervös.

»Meine Meinung ist es, dass ich grundsätzlich so unwichtig bin, dass sich kein Hacker an meinen Daten vergreift. Was soll er denn da auch finden? Artikel, die längst veröffentlicht sind? Eine Aufstellung der ausstehenden Rechnungen? Ideen für Bücher, die doch nur ich umsetzen kann? Oder eine Sammlung mit Shareware-Spielen, die es überall im Netz umsonst gibt? Das Zeug auf meiner Festplatte ist nur für mich interessant - und sonst für niemanden.«

Robert rauft sich die Haare: »Aber die Sicherheit...«

»Ach Quatsch«, ärgere ich mich. »Ich habe keine Lust, mich hinter einer Firewall zu verstecken, alle meine Dateien zu chiffrieren und Mails nur noch gesichert zu versenden. Ich mache meinen Virentest, das muss reichen. Und wenn mal ein strunzdoofer Hacker angreift und meine Festplatte löscht, dann habe ich immer noch ein Image, das ich wiederherstellen kann.

»Und was ist mit Windows XP und seinen Spionagediensten?« wirft Dirk ein.

»Nervt mich, klar«, wende ich ein. »Aber nur, weil da ständig diese blöden Infofenster aufpoppen. Im Grunde ist es mir völlig wurscht, ob Microsoft nun erfährt, welche Songs ich im Windows Media Player abgespielt habe. Ich glaube nicht, dass sich Bill Gates persönlich dafür interessiert, welche Mucke ich höre.«

Robert reibt sich die Nase: »Aber die Sicherheit...«

Es ist an der Teit für ein Schlusswort, finde ich: »Weißt du, wer auf Nummer sicher gehen möchte, der kappt einfach die Verbindung seines Rechners zum Internet. Und ist auf einmal alle seine Sorgen los.«

Jörgi hat derweil das USB-Teil von Roberts Schlüsselbund abgemacht, um es besser betrachten zu können. Ein vorwitziger Pizzeria-Spatz versucht, sich das Teil mit dem Schnabel zu packen, um damit davonzufliegen. Robert Hands ist aber schneller und scheucht den Vogel davon. »Weg, du Datenklau, sonst chiffriere ich dich, dass du nicht mehr weißt, ob du eine Null oder eine Eins bist.«

Wir staunen: Anscheinend wohnt die Paranoia bereits mitten unter uns.

Carsten Scheibe


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