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SCHEIBES KOLUMNE: OpenGL: Lassen wir es krachen

Der Mann von Welt hat ein sündhaft teures Auto, eine atemberaubend schöne Freundin und ein Häuschen im Grünen. Der PC taucht in der Protzliste bekennender Machos leider nicht auf. Und warum nicht? Ihm sieht man leider das viele Geld nicht an, das hinter seiner rauchgrauen Fassade steckt. OpenGL ändert das.

Der Mann von Welt hat ein sündhaft teures Auto, eine atemberaubend schöne Freundin und ein Häuschen im Grünen. Der PC taucht in der Protzliste bekennender Machos leider nicht auf. Und warum nicht? Ihm sieht man leider das viele Geld nicht an, das hinter seiner rauchgrauen Fassade steckt. OpenGL ändert das.

OpenGL hört sich zwar verdächtig nach Opel-Manta-Neuauflage an. Hinter dem Begriff versteckt sich aber kein Auto, sondern ein PC-Standard für die moderne 3D-Welt. Immer wenn in 3D-Ballerspielen 3D-Kulissen gerendert werden, Lichteffekte über den Schirm blitzen und Monster-Morphings zum Gruseln einladen, ist OpenGL hinter der Kulisse aktiv. Der Standard arbeitet plattformübergreifend für Rechner mit Systemen wie Windows, Unix, MacOS und Linux. Auch hinter den Spezialeffekten von George Lucas' »Star Wars - Episode I« soll OpenGL stecken.

OpenGL wird zusammen mit Windows ausgeliefert, liegt also bereits auf dem PC vor. Um die Grafikpower wachzurütteln und von der Kette zu lassen, wird ein schneller PC mit einer speziellen 3D-Beschleuniger-Grafikkarte benötigt. Solche Grafikkarten kosten noch immer ein paar Mark extra, werden aber zunehmend von den neuen Computerspielen angemahnt. Die steigende Nachfrage reduziert da leicht den Preis.

Mit OpenGL ist es möglich, den Rechner richtig teuer aussehen zu lassen. Als Einstiegspräsent für das Projekt »Protzen mit dem PC« sollten sich die Anwender das Bildschirmschoner-Set Really Slick Savers von Terry Welsh aus dem Netz ziehen. Die Datei ALLSAVERS.ZIP enthält zehn OpenGL-Bildschirmschoner, die aus dem schnöden Pixelmonitor ein animiertes 3D-Kunstwerk machen, an dem niemand vorbeigehen kann, ohne aus tiefster Seele ein inniges »Ohhhhh, wie schön« hervorzubringen. Die einzelnen Module lassen leuchtende Partikel im schreckhaften Fischschwarm über den Monitor streifen, elektrische Feldlinien zum Leben erwecken, Plasmawolken pulsieren und Silvesterraketen aufsteigen. Der Clou des Pakets ist der Schoner »Lattice«, der ein ganzes virtuelles Universum mit plastischen Ringen füllt, durch die der Betrachter dann zu fliegen glaubt. Die wahnwitzig schnelle Grafik, die weichen Lichteffekte, das Kaleidoskop der Farben: Die 3D-Schoner wirken mal psychedelisch und mal hypnotisch. Manchmal lassen sie den Betrachter mit ihren verschobenen Perspektiven auch zur Kotztüte greifen.

Wer die OpenGL-Schoner das erste Mal in Aktion sieht, fragt sich sofort, warum eine solche Schönheit der Pixel nicht auch auf dem eigenen PC möglich ist. So schleicht sich doch noch ein zufriedenes Lächeln auf die Lippen des Angebers, der zeigen möchte, was in seiner Kiste steckt.

Doch die Zahl derer, die mit ihrem PC voll OpenGL-kompatibel sind, steigt. Schon wird von den IT-Profis ein neuer OpenGL-Trend postuliert. Die ersten speziellen Download-Depots für die neue, schöne 3D-Welt sind im Internet schon an den Start gegangen. Während sich Demo-News ganz allgemein den 3D-Programmen widmet, sammelt Tranzmit ausschließlich OpenGL-Bildschirmschoner. Mehrere hundert Module stehen bereits mit Screenshot und Beschreibung zur Begutachtung bereit. Da die Module selten größer als 200 Kilobyte sind, dauert die Übertragung nur wenige Minuten - da ist jede Windows-Shareware größer. Noch mehr 3D-Tools, aber auch Hilfeleistung bei eigenen Programmierversuchen gewährt die Web-Site OpenGL.org, die sich als Zentrale im OpenGL-Kosmos betrachtet.

Mal sehen, wann Sie an der Reihe sind, mit der modernen Gretchen-Frage konfrontiert zu werden: »Kannste OpenGL oder kannste nicht?«

Carsten Scheibe

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