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Scheibes Kolumne: Steinzeit im Wartezimmer

Gibt es eigentlich noch einen Ort auf dieser Welt, an dem die moderne Elektronik keine Chance auf freie Entfaltung hat? Stern.de-Kolumnist Scheibe hat ihn entdeckt. Das Wartezimmer eines Arztes kommt einer steinzeitlichen Folterkammer gleich, in der ein Elektronikfreund stundenlang leiden darf.

Bei uns im Büro hält die Hektik das Zepter in der Hand. Alles muss schnell gehen - husch, husch. Damit das gelingt, kommt ständig und überall der Computer zum Einsatz. Wichtige Informationen lassen sich jederzeit per Mausklick aus dem Internet abrufen. Der ISDN-Anrufmonitor zeigt die Namen der Anrufer an, noch bevor das Telefon klingelt. Das erspart das Zeit raubende Vorgeplänkel: "Wer ist denn da?" Außerdem lassen sich unwichtige Telefonate gleich an die Mitarbeiter delegieren. Wichtige Adressen sind stets abrufbereit in der Datenbank gespeichert. Und an die wichtigsten Termine erinnert der Palm-PDA, der notfalls auch in die Mittagspause mitgenommen werden darf. Bei all dem täglichen Stress bin ich es gewohnt, in Minuten zu rechnen, um sicherzustellen, dass ich am Ende eines Tages auch alles geschafft habe, was ich mir morgens vorgenommen habe. Aus dieser Geisteshaltung heraus ist es für mich die größte Folter, alle Vorzüge der modernen Computerei hinter mir zu lassen, um mich in die wahr gewordene Hölle aller IT-Schaffenden zu begeben - das Wartezimmer eines Arztes.

"Nehmen Sie noch einmal 'kurz' Platz"

Neulich musste ich wieder mit den Kindern los, um bei einem neuen Kinderarzt vor Ort einen Allergietest machen zu lassen. Der Termin war um elf. Wir trafen fünf Minuten vorher ein, damit wir noch ein wenig Zeit hatten, um uns die Jacken auszuziehen, die Anmeldemodalitäten zu klären und uns umzusehen. Das Wartezimmer war voll, irgendwo hustete ein Kind. Nachdem ich alle erforderlichen Zettel von Hand ausgefüllt hatte (dabei habe ich doch eine Krankenkassenkarte mit Chip!), wurden wir aufgefordert, uns noch einmal kurz ins Wartezimmer zu setzen.

Dabei kann es sich doch nur um eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für den Kinderarzt selbst handeln, dachte ich mir insgeheim. Wir suchten uns einen Platz weit weg von dem hustenden Kind. Im Kopf berechnete ich die Luftverwirbelung in dem kleinen Raum und stellte statistische Erhebungen über die Tröpfchenverteilung an. Das Ergebnis war ernüchternd: Egal, wie weit wir von dem hustenden Kind entfernt sitzen würden: Seine ausgehusteten Speicheltröpfchen würden uns trotzdem unweigerlich erreichen - zusammen mit der Virenfracht. Neben uns kratzte sich ein Kind ausgiebig am Hals und an den Armen. Windpocken? Röteln? Fünf Minuten später erbrach sich das Kind auf der anderen Seite neben uns. Mitten über eine Spielzeuglok aus Holz, die auf dem PVC-Fußboden stand. Die Empfangsschwester eilte herbei, wischte alles notdürftig sauber und entfernte sich gleich wieder. Leise flüsterte ich meinen Kindern ins Ohr, nur ja still sitzen zu bleiben und mit nichts zu spielen, was in diesem Raum herumlag.

Zeit zum Träumen...

Wurde das Prinzip der Ansteckung durch Tröpfcheninfektion nicht bereits vor einem Jahrhundert entdeckt? Und was ist mit der Hygiene? Wäre es nicht viel besser, das Wartezimmer in kleine Abteile zu zerlegen, die vollständig voneinander getrennt sind und die sich nach jedem Patientenwechsel leicht desinfizieren lassen? Kurzum: Wäre ein biologischer Hochsicherheitstrakt im Wartezimmer eines Kinderarztes nicht angebrachter? In Gedanken malte ich mir bereits aus, wie ich es meiner Frau erklären sollte, dass die Kinder nur mal eben kurz zum Allergietest gegangen sind, um dann aber mit Keuchhusten, Windpocken und einem Magendarmvirus wieder nach Hause zu kommen.

Lesestoff aus der Antike

Apropos kurz: Inzwischen war es bereits halb zwölf, und ich hatte eine halbe Stunde umsonst gewartet. Und das, wo sich zu Hause doch die Arbeit stapelte. Genervt und auch gelangweilt griff ich zu den Zeitschriften, die auf einem Beistelltisch ausgelegt waren. Um Gottes Willen: Da gab es einen alten Modekatalog von 2001, ein Kunstsammelwerk über Häuser in der Toskana und ein aktuelles Magazin über moderne Kunst. Wer liest denn so etwas? Einen stern, eine "Gala" oder wenigstens eine "Neue Revue" suchte ich vergeblich. Die Werbeheftchen à la "Mein Kind und ich" wollte ich auch nicht lesen. Ich fand zum Glück ein völlig zerfleddertes und mit diversen undefinierbaren Flüssigkeiten getränktes "Micky Maus"-Heft und begann damit, die Hauptgeschichte zu lesen. Zehn Minuten später wurde ich auf die Fortsetzung im nachfolgenden Heft 15/98 verwiesen. Außerdem nörgelten die Kinder. Meine Tochter musste auf Klo. Ich gab ihr ein Desinfektionstuch mit, damit sie die Klobrille abwischen konnte. Man weiß ja nie. Fünf Minuten später war sie wieder da. Mit dem Tuch: "Hab ich doch glatt vergessen". Na super: Jetzt kriegen wir bestimmt auch noch Durchfall.

Das Problem ist bekannt

Um zwölf pirschte ich mich auf Schlangenlinien zum Empfangsthresen. Die Schwester dahinter schaute mir in die Augen, erkannte mein Anliegen und wies stumm mit dem Finger auf einen Anschlag an der Wand: "Lange Wartezeiten können vorkommen. Wir können nichts dagegen tun. Bitte haben Sie Geduld. Jammern bringt nichts." Ich wollte nicht jammern, sondern eine satte Beschwerde vorbringen. Doch die Arzthelferin hatte sich bereits wieder über ihre Patientenmappen gebeugt, die tatsächlich alle per Hand beschriftet wurden.

Ja, haben die denn hier keinen Computer? Die Patientenzettel wären im Nu alle in einer Datenbank erfasst. Und zwar in einer, die man auch lesen kann. Die Sauklaue von Arzt und Schwester würde außerhalb der Praxis sicherlich niemand entziffern können. Eine Terminverwaltung würde den Miezen in Weiß auch ein für alle Mal verklickern, dass ein Termin bereits vergeben ist und es nicht besonders sinnvoll ist, ihn doppelt und dreifach zu vergeben. Sicherlich würde sich auch ein Programm finden, das für jeden Patienten eine Stoppuhr startet. Die zeigt der Arzthelferin dann auf, wie viele Stunden, Minuten und Sekunden die einzelnen Leute im Wartezimmer bereits auf eine Unterredung mit dem Arzt warten. Ich bin mir völlig sicher: Eine gute IT-Organisation würde die überflüssigen Wartezeiten beim Arzt auf ein Minimum reduzieren. Notfalls muss der Arzt eben A: weniger Patienten annehmen oder B: länger arbeiten als nur ein paar Stunden am Tag.

Rachegedanken entstehen…

Ich wartete zu dieser Zeit bereits satte anderthalb Stunden. Drei Mütter waren vor mir mit hustenden, kotzenden oder extrem blassen Kindern im Arztzimmer verschwunden. Zwei Familien waren noch vor uns dran. Sollte das bedeuten, dass ich noch einmal eine volle Stunde warten müsste? Insgeheim beschloss ich bereits, den nächsten Arzt, der mich mit einem Computerproblem anrufen würde, für zwei Stunden in der Telefonwarteschleife verrotten zu lassen. Nachdem am Ende noch zwei Notfälle in die Praxis eingeliefert wurden und die Schwester nur bedauernd mit den Schultern in meine Richtung zuckte, gab ich auf. Ich ließ mir einen neuen Termin geben und verließ mit zwei völlig genervten Kindern die Praxis. Zwei verschenkte Stunden - für nichts. Nächstes Mal lasse ich mir einen Termin um Zwölf geben und gehe dann erst um Zwei hin. Vielleicht klappt es ja dann.

Eine Glosse von Carsten Scheibe, Typemania

Themen in diesem Artikel
Kann ich mich auf Geschwindigkeitsanzeige FritzBox verlassen?
Hallo zusammen, erstmal herzlichen Dank für die Leute, die sich Zeit nehmen Fragen zu beantworten oder ihre Erfahrungen mit anderen teilen. Das ist oft hlifreich, wenn man sich nicht so auskennt. Ich hoffe, dass mir jemand weiterhelfen kann. Die Telekom hat hier nach langer und ersehnter Zeit schnelle Leitungen verlegt. Mitarbeiter waren auch zu Besuch da und auch nett:-) Sie wollten ja auch, dass ich von 1und1 wieder zurück wechsel. Das ist für mich in Ordnung und gehört zum Wettbewerb. Da jedoch die Mitarbeiter mir sagten, dass die Telekom für paar Jahre das Vorrecht hätte, könnte ich schnelles Internet nur über Telekom beziehen. Sprich entweder Telekom und schnelles Internet oder langsames Internet. Da habe ich im Internet recherchiert und rausgefunden, dass das so nicht mehr stimmt. Das war der Grund, warum ich dann bei 1und1 DSL100 abgeschlossen habe, da man mir am Telefon gesagt, dass es ohne Probleme möglich wäre. Nun ist es jedoch so, dass wir gar nicht so merken, dass unser Internet schneller ist. Gerade in der oberen Etage kann man nicht ohne Router surfen oder Sky über Internet Fernsehen. Nun meine Frage: Bei der Fritzbox wird es jedoch angezeigt. Kann ich mich drauf verlassen? Oder wie macht ihr eure Messungen? Ich weiss, dass es Software gibt, aber der feste Rechner ist bereits alt und hat einen alten Internet Explorer drauf. Wenn ich mit einem Laptop im Wlan mich reinhänge, wird sicher die Geschwindigkeit sowieso niedriger und nicht verwertbar sein, oder? Vielen Dank für die Antworten.