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Flüchtlinge in Deutschland: "Ein Leben wie im Wartezimmer"

Flüchtlinge aus Kriegsgebieten aufzunehmen, ist eine Aufgabe, an der Politik und Behörden zu scheitern drohen. Die Menschen landen in Notunterkünften, wo sie monatelang bleiben. Betroffene berichten.

In den kommenden wird sich die Zahl der Flüchtlinge, die nach Deutschland kommen, noch einmal deutlich erhöhen. Etwa 25.000 pro Monat (statt 16.500) sind laut einem internen Papier des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (BAMF) an die Bundesländer künftig zu erwarten. Der stetige Zustrom stellte Städte und Gemeinden schon jetzt vor enorme Probleme. Nach Verfolgung und großen Entbehrungen landen die Menschen in Notunterkünften, wo sie oft lange bleiben und nicht wissen, wann sie ihr Leben wieder selbst in die Hand nehmen können. Dem stern erzählen Flüchtlinge, wie ihre Situation ist, und wie sie sich fühlen.

Alaa El Din Berzarti wurde auf seiner Flucht etwa 120 Kilometer hinter der österreichisch-deutschen Grenze festgenommen

Alaa El Din Berzarti wurde auf seiner Flucht etwa 120 Kilometer hinter der österreichisch-deutschen Grenze festgenommen

Alaa El Din Berzarti, 20, Syrien

"Ich bin mit meiner Familie nach Ägypten geflüchtet. Sie durften bleiben, aber ich musste weiter, weil man mich sonst abgeschoben hätte. Und in Syrien wäre ich direkt vom Militär eingezogen worden. Also bin ich mit einem Schiff nach Griechenland gefahren und von dort mit drei Kumpels Richtung Norden marschiert. Wir hatten nur ein GPS-Gerät und ein bisschen Geld dabei. Oft haben uns Menschen etwas zu essen geschenkt.

Einen Monat später kamen wir in Österreich an. Dort sind wir in einen Bus nach Deutschland gestiegen. Jetzt bin ich mit vielen anderen jungen Flüchtlingen vorübergehend in einer Turnhalle untergebracht. Die Leute hier geben sich Mühe, das merkt man. Wenn jemand einen Arzt braucht, fahren sie ihn hin, einmal haben wir auch einen Ausflug gemacht. Das ist toll, weil wir sonst ja nicht mal Bus fahren können: kein Geld. Manchmal laufen wir zweieinhalb Stunden zu einer Arabischen Moschee in Nürnberg. Aber die meiste Zeit über langweilen wir uns, und abends können wir dann nicht schlafen. Dann spielen wir bis spät in die Nacht Karten und können morgens kaum aufstehen. Aus diesem Rhythmus kommen wir irgendwie nicht raus. Bald ziehen wir wieder um, heißt es. Wohin? Das weiß niemand."

Da Naqib Hakimi recht gut deutsch spricht, findet er sich besser zurecht als die meisten anderen Flüchtlinge

Da Naqib Hakimi recht gut deutsch spricht, findet er sich besser zurecht als die meisten anderen Flüchtlinge

Naqib Hakimi, 21, Afghanistan

„Die Taliban kamen immer wieder zu uns, um mich zu rekrutieren. Ein „Nein“ akzeptieren sie auf Dauer nicht, also bin ich geflohen. "Seit vier Jahren bin ich in Deutschland und warte darauf, als Flüchtling anerkannt zu werden. Bis es soweit ist, bin ich nur "geduldet". Manchmal für ein paar Wochen, dann wieder für Monate, zurzeit bis zum 23. März 2015. Es ist ein Leben wie in einem Wartezimmer, und man weiß nie, wie lange man noch warten muss. Manchmal will ich nur noch schreien, so tief sitzt der Schmerz. So geht es hier fast allen. Fast jede Woche kommt der Notarzt, weil jemand umgekippt ist: Kreislauf. Oder die Polizei ist da, weil die Leute sich streiten. Ein ehemaliger Zimmergenosse von mir, wollte sich umbringen, weil er Angst hatte, abgeschoben zu werden.

Um irgendetwas zu tun, haben wir ein Fußballteam gegründet. Wir sind richtig gut! Auf den Bolzplätzen in der Umgebung putzen wir jeden weg. Fußball ändert aber nichts, also haben wir in Nürnberg demonstriert, bis die Politiker uns angehört haben. Ich spreche ganz gut deutsch und kann für die anderen übersetzen. Sogar Manfred Schmidt, der Präsident des Bundesamts für Migration, hat sich mit uns getroffen. Meine Botschaft an ihn und die anderen ist so simpel, dass sie auf mein T-Shirt passt: "Kein Mensch ist illegal!"

Ich habe den Hauptschulabschluss, will aber weiter zur Schule gehen, damit ich später mal studieren kann. Ich will Architekt werden und Häuser, bauen in denen Menschen gut leben können."

Die Familie Aziri lebt in der Flüchtlingsunterkunft Pulheim bei Köln (v.l.): Sabrie, 27, Valentina, 3, Sabrina, 9, Gabriela, 4, Nejaz, 27

Die Familie Aziri lebt in der Flüchtlingsunterkunft Pulheim bei Köln (v.l.): Sabrie, 27, Valentina, 3, Sabrina, 9, Gabriela, 4, Nejaz, 27

Familie Aziri, Mazedonien

Sabri Aziri: "Meine Mutter hat einen neuen Mann kennengelernt. Und damit begannen die Probleme. Er hat meine Mutter und meine Freundin geschlagen, daher mussten wir schnell das Land verlassen. Meine Mutter ist noch in Mazedonien. Der Mann wohnt heute in unserem Haus. Ich kann nicht zurück, mein Ausweis ist im Haus und auch der von meiner Freundin. 2200 Euro haben wir einem Bekannten für die Flucht mit dem Auto bezahlt, ohne Pass ging es nicht anders. Ohne Pass ist ganz schlecht. Zuerst waren wir in Burbach, dann im Heim in Unna-Massen, dann ging es weiter nach Pulheim. Burbach hat mir gut gefallen. Kontakt zur Familie haben wir nicht mehr, ich rede mit meinen Freunden per Skype und WhatsApp.

So ist es nicht normal zu leben. Es gibt hier nur eine Toilette für 50 Menschen. Und wir sind immer zu Hause, es ist immer das Gleiche. Hier im Flüchtlingsheim ist es schwierig mit der Ruhe, es geht immer die Tür auf. Wir leben hier seit einem Jahr zu fünft in diesem Raum, das ist zu klein. Das ist hier noch der größte Raum für Familien. Aber wir gehen auch nicht zurück nach Mazedonien. Ich alleine bekomme nach Mietabzug 270 Euro im Monat.

Die Kultur im Balkan ist anders, Europa gefällt mir besser. Hier ist alles besser, die Läden sind schöner und der Staat ist besser. Die Kultur gefällt mir und die Kinder gehen in eine gute Schule. Immerhin habe ich hier auch Familie, die uns hilft. Mein Traum ist es, Arbeit zu finden. Ich will arbeiten, denn ohne Arbeit bist du gar nichts."

Der Ghanaer Seth Twumasi Ankrah berichtet, dass sich in der Flüchtlingsunterkunft Burbach die Situation verbessert hat.

Der Ghanaer Seth Twumasi Ankrah berichtet, dass sich in der Flüchtlingsunterkunft Burbach die Situation verbessert hat.

Seth Twumasi Ankrah, 38, Ghana

"Die Situation im Flüchtlingsheim hat sich deutlich verbessert. Seit gestern haben wir sogar neue Duschvorhänge. Früher konnte man hier jemanden vom Management etwas fragen und man bekam keine Antwort. Jetzt bekomme ich immer eine freundliche Antwort. Das ist prima und gibt mir neue Hoffnung. Zuvor machte mich dieser Schwebezustand traurig, ich wusste nicht, wohin es mit mir wann weiter geht.

2004 hatte ich schon einmal versucht, nach Europa zu kommen, doch unser Boot sank. Ich wurde gerettet. 2008 musste ich aus meiner Heimatstadt Kumasi fliehen, weil mein Schwager meinen Vater, als auch meinen älteren Bruder erschlug bzw. vergiftete. Es ging um Landbesitz, ich wäre heute eigentlich Ashanti-König. Dies ist eine Art von besonderer Respektsperson im Dorf. Die Menschen dort mochten mich. Ich wurde ebenfalls vergiftet und landete im Krankenhaus und überlebte. Mit welchem Gift? Das weiß ich nicht. Ich arbeitete im Norden Ghanas in der Landwirtschaft und lebte dort in einer Strohhütte, half später den Kindern und Verwundeten im Bürgerkrieg an der Elfenbeinküste. Wir brachten sie an einen besseren und sicheren Ort.

Ich sparte Geld, um nach Europa zu kommen. In Lissabon half mir ein Landsmann und fuhr mich für 75 Euro mit dem Auto nach Bottrop. Dort stahl er alle meine Sachen. So stand ich - nur mit meiner Kleidung am Leib und einer Bibel, die ich am Körper trug - morgens um 5.30 Uhr am Hauptbahnhof in Bottrop. Ich fragte einen Passanten: Wo bin ich? Der sagte mir: In Deutschland. Ich konnte es nicht glauben! Am DB-Info-Stand half man mir nicht, auch ein Taxifahrer tat nichts für mich. Ich marschierte gut drei Kilometer zu einer Polizeiwache, rief dort laut "help! help!" und kollabierte kurze Zeit später, wohl wegen Wassermangels. Der Notarzt im RTW gab mir Infusionen und päppelte mich wieder auf.

Ich hoffe, dass ich in Deutschland ein gutes Leben haben kann. Die Menschen sind sich hier ihrer Zeit sehr bewusst. Ich mag den Respekt, der hier herrscht und das Geradlinige der Menschen. Das gefällt mir sehr. Doch die Kinder sind so respektlos! Ich frage sie etwas auf Englisch und sie sagen, dass sie kein Englisch sprechen können, laufen weg oder schlagen nach mir. Das geht doch nicht!"

Weitere Statements von Flüchtingen...

... und Analyse der verfehlten Asylpolitik in Deutschland finden sie in der aktuellen Ausgabe des stern.

Aufgezeichnet von Mathias Becker und Matthias Lauerer