Scheibes Kolumne Zu Tode organisiert


Früher war alles besser, weiß IT-Journalist Carsten Scheibe. Früher reichte ein Anruf beim Chefredakteur aus, um einen Artikel klar zu machen. Heute muss ein Vorschlag für einen neuen Text so lange durch verschiedene Meetings gehen, bis jede Kreativität im Keim erstickt ist. In anderen Branchen ist das sicherlich ähnlich.

Früher, vor gut und gerne 15 Jahren, da feuerten die Neuronen in meinem Hirn noch rund um die Uhr. In meiner Sturm-und-Drang-Zeit konnte es durchaus passieren, dass mich mitten beim Essen oder beim Fernsehen ein genialer Gedanke durchzuckte: Mensch, das wäre doch eine tolle Idee für einen Computer-Artikel!

Geduld war noch nie meine Stärke. Also fledderte ich damals sofort meine gesammelten PC-Magazine aus dem Schrank und überlegte, in welches Blatt denn wohl mein angedachter Artikel passen könnte. In die "Computer Live"? Die "DOS International"? Die "Computer persönlich"? Oder doch eher die "WIN"? Schnell blätterte ich dann das Impressum mit der Telefonnummer des Verlags auf und verlangte stinkfrech nach dem Chefredakteur.

Der ging dann auch wirklich an den Apparat, sodass ich meinen Spruch aufsagen konnte. Ich wäre der und der, hätte schon dort und dort geschrieben und jetzt gerade beim Brokkoli-Essen so eine tolle Idee gehabt, dass ich die sofort an den Mann bringen muss.

Kurz und schmerzlos

Damals hatten die Chefredakteure noch Zeit und hörten zu. Und sie entschieden sofort. Das hört sich ja spitzenmäßig an, hieß es dann, wenn es gut lief. Mach doch einfach mal drei Seiten fertig. Bis nächste Woche? Passt. Super. Honorar so und so okay? Bestens.

Manchmal konnte ich so an einem richtig guten Tag bei verschiedenen Magazinen bis zu 20 Seiten Redaktionelles verkaufen. Dann schrieb ich meine Artikel nach eigenem Gusto, gab sie ab - und fertig war die Kiste. Ein paar Wochen später kam dann das gedruckte Magazin und etwas später der Scheck. Das war ein goldenes Zeitalter, in dem echt noch etwas "ging". Beim Fischer Taschenbuch Verlag rief ich etwa so oft an, bis sich die Lektorin endlich an den Chef der Computerreihe wandte und ihn darum bat, mich bitte, bitte zu übernehmen - weil ich so unglaublich nervte. So kam ich dann auch noch zu zwei Veröffentlichungen bei Fischer.

Neue Gesprächspartner

Heute sind diese Zeiten vorbei. Die leicht durchgeknallten Macher mit Bauchgefühl sind verschwunden, an ihre Stelle sind ausgebuffte Rechner getreten. Ideen habe ich noch immer, Geduld noch immer nicht. Aber heute läuft das alles etwas anders ab.

Ich, Scheibe, rufe bei einem Verlag an: "Guten Tag, mein Name ist Scheibe. Ich bin Journalist und hätte gerne den Chefredax gesprochen."
Sekretärin: "Den was?"
Scheibe: "Na, den Herrn Chefredakteur."
Sekretärin: "In welcher Angelegenheit denn?"
Scheibe: "Ich habe eine super Idee für einen Artikel."
Sekretärin schweigt lange. Dann: "Bitte schicken Sie eine E-Mail."

Also schreibe ich eine E-Mail, obwohl es viel mehr Spaß macht, gute Ideen am Telefon vorzutragen. Da kann man in die Stimme hereinlegen, wie wichtig das alles ist. Mails klingen immer belanglos. Aber okay, ich schreibe eine E-Mail und schicke sie ab. Danach warte ich. Eine Stunde, einen Tag, eine Woche.

Scheibe: "Hallo, ich bin's wieder."
Sekretärin: "Wer?"
Scheibe: "Scheibe. Der Autor. Der eine Mail schicken sollte."
Sekretärin (erinnert sich anscheinend mit Grausen): "Ah ja. Und: Haben Sie eine Mail geschickt?"
Scheibe: "Ja, aber keine Antwort bekommen."
Sekretärin: "Dann ist der Vorschlag sicherlich abgelehnt worden oder war noch nicht im Themenmeeting. Bitte haben Sie Geduld."

Das ist alles?

Ich habe Geduld. Geht alles gut, ruft irgendwann der zuständige Redakteur durch, um zu sagen, dass das Exposé ja eigentlich viel zu kurz gewesen sei. Da würde ja die ganze Gliederung des Artikels fehlen. Und die Angabe, wo Kästen hin sollen und wie lang die sein sollen. Ich entgegne, dass ich das alles spontan beim Schreiben entscheide. Nach dem Motto: Mal schauen, wo mich der Weg hinführt.

Ich höre erst ein Japsen am anderen Ende der Leitung und dann einen langen Vortrag darüber, dass alle Artikel im Heft exakt gleich aufgebaut sein müssen. Ob ich die Formatvorlage bereits habe. Und ob ich die 100-seitige Broschüre mit den Verlagsvorgaben gelesen hätte. Wörter wie "erstellen" oder "Buttons" läse man im Verlag nicht gerne. Das stünde da drin.

Es folgt eine einstündige Besprechung des Artikels. Anschließend habe ich ein detailliertes Strickmuster in der Hand, das mir genau vorgibt, was in welcher Zeile zu schreiben ist. Ganz schön langweilig. Und die ganzen Vorbereitungen haben so viel Zeit gekostet, dass sich das Schreiben finanziell gar nicht mehr richtig rechnet. Unvorstellbar: Vor zehn Jahren gab es mehr pro Seite. Mehr Geld. Und auch mehr Spaß.

Und die Bilder?

Kaum habe ich mit dem Schreiben begonnen, ruft schon wieder jemand an. Die Bildredaktion. Ob ich mir schon Gedanken über das Aufhängerbild gemacht habe. Wie bitte? Also: Entweder finde ich ein gutes, oder die Bildredaktion sucht sich eines aus.

Welches Bild? Das ist mir doch ganz wurscht. Aber auch hier werde ich belehrt. Nein, nein, das müssten wir schon absprechen, schließlich könnte es ja sein, dass ich im Text Bezug auf den Aufmacher nehme. Hmm. Ich lasse mir also ein ganz bestimmtes Bild aufdrücken und beschließe, es im Text erst gar nicht zu erwähnen. Das stinkt mir alles.

Zwei Wochen später ruft noch einmal ein Schlussredakteur an. Er habe mehrere Stellen in meinem Text gefunden, die er gerne umschreiben möchte. Damit ich mit einbezogen werde, würde er diese Stellen am liebsten gleich am Telefon mit mir durchgehen. Mein Gott, ich bin doch keine Diva. Ich gebe dem Mann mein Ehrenwort, nicht über seine Änderungen zu meckern, so er sie denn alleine durchführt - und nutze die gewonnene Zeit, um mit dem Kopf rhythmisch auf die Kopfplatte zu schlagen.

Desillusioniert versuche ich es ein paar Stunden später noch einmal beim Chefredakteur. Ich hätte da noch eine neue Idee. Aber nicht einmal die Sekretärin ist da. Sind alle im Meeting, heißt es vom Band. Ach so. Gut, dass ich da nicht auch hinmuss.

Eine Glosse von Carsten Scheibe, Typemania


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