HOME

Scheibes Kolumne: Twittern als Kunst

stern.de-Kolumnist Carsten Scheibe hat sich lange gegen Twitter gesträubt, jetzt nutzt er jede Pause zur Lektüre der neuesten Tweets. Neben den normalen Wasserstandsmeldungen aus dem Leben der Stars und Normalos fällt immer mehr auf: Twittern gerät langsam zur Kunstform.

Das klassische Twittern, das von Prominenten wie von normalsterblichen Anwendern vorgelebt wird, beschränkt sich auf Momentaufnahmen aus dem täglichen Leben. Das sind unwichtige, bestenfalls unterhaltsame Statusmeldungen, von deren Nichtexistenz die Welt nicht untergehen würde.

Jay Mewes (Der Jay von "Jay und Silent Bob") verlangt etwa per Tweet: "Coffee please, coffee". Bill Gates schreibt: "On way to Shenzhen to meet Warren and others". Demi Moore verschickt als mrskutcher ein Foto von einem Reh: "Look what I just found in our yard." Und Perry-Rhodan Chefredakteur Klaus N. Frick stellt in seinem Tweet Enpunkt fest: "Heute morgen fiese Rückenschmerzen. Ich komme mir vor wie ein richtig alter Mann."

Meldungen wie diese lese ich am liebsten, wenn ich im Auto sitze und auf meine Tochter warte, wenn ich sie von der Schule abhole. Das ist kurzweilig, wenn es um bekannte Stars oder um Freunde oder Geschäftspartner geht.

Nicht nur Winke-Winke-Machen!

Inzwischen stelle ich aber fest, dass es einige Twitterer gibt, die das neue Medium nicht nur zum verbalen Winke-Winke-Machen nutzen, sondern das Ganze als Kunst begreifen. Das ist dann Unterhaltung auf einem ganz neuen Level, denn ein Twitter-Beitrag darf ja nur 140 Zeichen haben.

Mein Lieblings-Wortkünstler ist Michael Bukowski aus Berlin. Er tobt sich in seinem Tweet mbukowski so richtig aus. Dabei experimentiert er mit Sprache, berichtet aus seinem Leben, verbiegt Wörter, überspitzt seine Beobachtungen, hat Spaß und regt zum Nachdenken an. Fast könnte man diese manchmal weisen und manchmal schrägen Tweets auf Kalenderblätter drucken. Beispiele gefällig? "Heute fühle ich mich so alt, wie die Klischees sind, denen ich entspreche." Oder "Hach, das tut gut: Meine Ex und ich - wir haben uns wieder verhöhnt!" Oder "Je älter man wird, desto mehr Früher sammelt sich hinter einem an." Herrlich.

Mal ganz etwas anderes bietet der Tweet tiny_tales von Florian Meimberg. Dabei handelt es sich um Kurzgeschichten, die ihre Wirkung in einem einzigen Miniabsatz entfalten müssen. Ein Beispiel: "Die Autopsie lief seit fast einer Stunde, als Dr. Lee innehielt. Der Mann lebte! 2 Minuten später notierte er die Todesursache: Aorta-Riss." Oder: "Die Sonnenfinsternis war spektakulär. 500 Millionen Europäer starrten zum Himmel. Und alle merkten gleichzeitig: Das da war nicht der Mond."

Einer, der verstanden hat, wie gut Twitter sich nutzen lässt, ist Dieter Nuhr. Der Kabarettist und Comedian geht in seinem Tweet dieternuhr täglich auf aktuelle Geschehnisse ein und kippt einen Kübel Nuhr-Humor darauf aus: "Stuxnet-Virus! Cyberkrieg beginnt! Bin auch schon infiziert. Mein Onlinekonto ist im Minus! Und das Sudoku zeigt seltsame Zahlen an!" Oder: "Endlich: letzte Rate Kriegsreparationen WK 1! Am Sonntag! Was ist mit dem Zweiten WK. haben wir den umsonst bekommen? Als Aboprämie?" Wer die aktuellen Nachrichten in der Presse verfolgt, hat an diesem Twitter-Kommentar der Schlagzeilen seine helle Freude.

Für mich wird es nun eine Aufgabe sein, mich bei den langweiligen Twitter-Accounts wieder abzumelden und noch mehr von denen zu suchen, die gute Unterhaltung bieten.

Eine Glosse von Carsten Scheibe, Typemania