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Scheibes Kolumne Der E-Mail-Kontrolletti


stern.de-Kolumnist Carsten Scheibe gönnt sich ein Schläfchen am Schreibtisch. Vielleicht hätte er sich besser vorher nicht in diesen Online-Rechtsforen umschauen sollen. Jetzt schwirren ihm die Sinne vor lauter Paragrafen - und im Schlaf steht der E-Mail-Kontrolletti vor der Tür.

Die Klingel geht wie immer nicht, es macht also nicht Bimmelimm. Auf meinem PC-Bildschirm leuchtet aber stattdessen die 92 auf. Aha, da läutet einer im Büro. Ich renne die Stufen aus dem Keller nach oben und öffne die Tür. Richtig, da steht ein dürres Männchen im Anzug hinter der blauen Gartentür und drückt verkrampft eine schwarze Aktentasche an seinen Bauch. Mein Hund springt auf meiner Seite des Zauns auf und ab und bellt.

"Wir haben schon DSL", rufe ich. "Und Kabelfernsehen auch. Mein Vertrag mit dem Stromversorger ist super, der mit dem Gaslieferanten auch. Ich bin auch schon Mitglied in allen Sekten. Und nein, ich verkaufe mein Auto nicht. Und einen Schuldenberater brauche ich auch nicht."

Ich hasse Leute, die mir etwas am Gartenzaun verkaufen möchten. Das Männchen winkt ab. Ich laufe auf Socken bis zum Tor, da ich meine Latschen wieder mal nicht finden kann. Am Tor reiße ich den Hund zur Seite und schaue den Mann fragend an.

Der zupft sich eine nicht vorhandene Fliege zurecht und stellt sich vor: "Schulz mein Name, E-Mail-Kontrollbehörde Brandenburg. Dies ist eine nicht-angemeldete Kontrolle. Bitte bitten Sie mich jetzt in Ihr Büro."

"Aktenzeichen 001"

Das Schulz-Männchen hält mir einen Ausweis vor die Nase. Und einen Zettel, auf dem steht, dass eine E-Mail-Kontrolle ansteht. Aktenzeichen 001. Anscheinend bin ich der erste, der überhaupt geprüft wird. Na gut, wenn die meinen. Ich bitte den Herrn Schulz in mein Büro. Hier springt er gleich in meinen Bürosessel, lässt sich von der Fliehkraft einmal um die eigenen Achse drehen und hämmert dann sofort auf meiner Tastatur herum, als würde er schon immer da sitzen.

"Oh-oh", murmelt das Männchen. Und noch einmal: "Oh-oh". Dann dreht sich der Herr Schulz mit grimmigem Blick zu mir um: "Sie wissen, dass alle Ihre E-Mails im geschäftlichen Umfeld die gleichen Informationen wie echte Geschäftsbriefe aufweisen müssen?"

Ich nicke mit dem Kopf so heftig wie ein Wackeldackel. Übereifrig sage ich: "Ja, das weiß ich. Deswegen steht unter jeder ausgehenden Mail von mir die komplette Adresse, alle Kommunikationsdaten, die Steuernummer und alles, was mir sonst noch so eingefallen ist."

"Aber hier steht auch HBR. Was soll das sein? Sind Sie ein Verkäufer für Hunde, Brot und Rettich?"

"Na, das ist doch die Handelsregisternummer..."

Nur weil ich HBR nicht ausgeschrieben habe ...

"Wenn das keiner weiß, dann nützt das nichts. Das macht 500 Euro Strafe pro E-Mail. Mal sehen: Sie schreiben hier, warten, Sie, das checke ich mal eben, 200 Mails am Tag, das sind 10.000 Euro am Tag. Mal 365 ergibt 3.650.000 Euro im Jahr. Gehen wir einmal von zehn Jahren aus, dann wären das 36,5 Millionen Euro. Das lohnt sich ja schon richtig. Und alles nur, weil Sie HBR nicht ausgeschrieben habe."

Ich übergebe mich in meinen Papierkorb. Doch bevor ich mich erhole, hat das Männchen schon die nächste Sache am Wickel.

"Wie handhaben Sie es denn mit der Datensicherung? Wo sind denn die E-Mail-Backups der letzten zehn Jahre?"

Ich werde abwechselnd rot und kalkweiß: "Na, da sind doch 8 Gigabyte in Outlook. Die reichen doch ein Jahr zurück."

"ZEHN Jahre, sagte ich."

Der Schulz fingert wieder an seiner Fliege, was kein gutes Zeichen ist, wie ich inzwischen weiß. Ich murmele etwas von fiesen Viren, explodierenden Computern, garstigen Ehefrauen, hungrigen Hunden und den allgemeinen Widrigkeiten des Lebens. Das dünne Männchen hört gar nicht zu und rechnet schon wieder.

"500 Euro Strafe pro Mail. Ihr Jahresaufkommen haben wir ja schon berechnet. Das ergibt eine Strafe von 36,5 Millionen Euro für zehn Jahre. Da Sie ja aber Backups für ein Jahr haben, ziehe ich einmal 3,65 Millionen Euro wieder ab. Uiuiui, das läppert sich. Wo wir schon dabei sind: Können Sie mir bitte die schriftlichen und unterschriebenen Genehmigungen zeigen, in denen Ihre Geschäftspartner Ihnen attestieren, dass Sie ihnen E-Mails schicken dürfen? Wegen Spam und so?"

Jetzt schlägt es aber langsam 13. "Das sind doch alles langjährige Geschäftspartner von mir. Mit denen habe ich schon Mails ausgetauscht, da gab es Ihr Ressort noch gar nicht."

Der Schulz wackelt mit dem Kopf. "Sie sind aber ein ganz Unbelehrbarer, ja, ein Krimineller fast. Sie haben aber Glück. Dieser Verstoß wird nur mit 1.000 Euro pro Kontakt geahndet. Sie haben hier in Ihrem Adressbuch 1235 Einträge. Das macht dann 1.235.000 Euro. Ein Schnäppchen bei dem, was Sie sonst so auf dem Kerbholz haben."

"Gratuliere, Sie haben überlebt"

Herr Schulz füllt ein Formular aus und überreicht es mir feierlich: "Gratuliere, Sie haben die Prüfung mit einem blauen Auge wenn schon nicht bestanden, so doch zumindest überlebt. Ein paar Dinge musste ich ja beanstanden. Aber das erleben wir sehr häufig. Die Anwender sind viel zu unbedarft und halten sich nicht an die geltenden Gesetze. Bei Ihnen kann ich sagen: Überweisen Sie uns bitte die genannte Strafe binnen Wochenfrist an unsere Behörde. Ansonsten müssen wir Ihre E-Mail-Accounts sperren lassen, Ihnen fünf Jahre Online-Verbot erteilen und das Mahnverfahren über Ihren Besitz einleiten. Auf Wiedersehen."

Am Gartentor zwinkert mir Herr Schulz noch einmal zu und bufft mir kollegial in die Seite. Anscheinend hat er plötzlich gute Laune: "Weil Sie mir sympathisch sind, habe ich auch die Nettiquette-Agenda nicht geprüft. Ich habe bei Ihnen doch tatsächlich einige E-Mails ohne ordentliche Begrüßungsfloskel gesehen. So etwas kann ab sofort sehr, sehr teuer werden. Ich rate Ihnen, bessern Sie einfach alle alten E-Mails noch einmal nach, denn in einem Monat komme ich wieder - zur Nachkontrolle."

Dieses Mal halte ich den Hund nicht mehr zurück. Er holt sich ein schönes Stück Speck vom Hintern, bevor Schulz heulend hinter dem Zaun des Nachbarn Schutz sucht.

Eine Glosse von Carsten Scheibe, Typemania


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