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Scheibes Kolumne: Protokoll eines Absturzes

stern.de-Kolumnist Carsten Scheibe ist noch im Schockzustand: Sein PC war kaputt. Wenn plötzlich zwei Tage lang gar nix mehr geht und die normale Arbeit ruht, dann ist es an der Zeit, einmal die eigenen Backup-Strategien in Frage zu stellen.

Dienstag, 23:30 Uhr : Ich habe alle mit meinem Onlinevideorekorder aufgenommenen Folgen von "Miami Ink" gesehen und Lust auf etwas Neues. Ich lege die Blu-ray von "Robin Hood" mit Russell Crowe ins Laufwerk und freue mich, den Hollywood-Streifen im Fenster direkt am Bildschirm zu sehen.

Leider fängt das Laufwerk plötzlich an zu rödeln wie irre. Die Blu-ray scharrt ganz laut und hört gar nicht mehr auf. Das Abspielprogramm ist abgestürzt, und ich kriege es auch über den Taskmanager nicht ausgestaltet. Also starte ich den Rechner neu. Das hilft. Das Laufwerk macht keinen Krach mehr.

Das Ungewohnte: Beim Hochfahren läuft der Lüfter an, die Laufwerke werden gecheckt, es macht "Fump" - und der Rechner geht wieder aus. Kurz darauf geht er von alleine wieder an - und gleich wieder aus. Au weia, das ist nicht gut. Vielleicht liegt das ja am heißgelaufenen Laufwerk. Ich beschließe, früh schlafen zu gehen und mir das am nächsten Morgen anzusehen.

Mittwoch früh, 7:30 Uhr: Frisch ausgeschlafen und zugleich etwas ängstlich schalte ich den Rechner wieder ein. Die Symptome wiederholen sich. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es das Blu-ray-Laufwerk ist. Sicherlich ist es durchgeschmort und macht nun Ärger beim Boot-Check. Also schraube ich den Rechner auf und klemme das Blu-ray-Laufwerk ab.

Ich komme mir schon vor wie ein echter Checker. Leider ändert das nicht das Geringste am Boot-Fehler. Wieder kommt es zum "Fump", und der Rechner schaltet sich mitten im Boot-Vorgang aus. Ich erstarre. Jetzt bin ich mit meinem Latein am Ende. Mir wird ganz schlecht. Ich habe Unmengen an Terminen, die ich einhalten muss.

Ich rufe bei meinem PC-Doktor André an. Der geht so früh aber noch nicht ans Telefon. Kein Wunder. Wie ich arbeitet auch er oft bis spät in die Nacht. Also muss ich mich gedulden. Ich flüchte mich in eine Übersprungshandlung und beginne damit, das Büro aufzuräumen.

Mittwoch früh, 9 Uhr: André geht ans Telefon und verspricht, innerhalb einer halben Stunde vorbeizukommen. Ich hoffe inständig, dass es vielleicht das Netzteil ist. Das könnten wir von einem anderen PC ausbauen, und mein PC wäre gleich wieder einsatzbereit. Ich habe zwar Komplett-Backups, aber keine tagesaktuellen. Alle Dateien, an denen ich gerade arbeite, sind nur auf dem defekten Rechner zu finden.

Kurz darauf klingelt's an der Tür. Schön, dass da jemand alles stehen und liegen lässt, um mir zu helfen. Das Büro ist in der Zwischenzeit schon viel aufgeräumter. Ich habe Kramkisten in den Müll entleert, deren Inhalt inzwischen acht Jahre alt ist. Alte Filme, Computerspiele, Briefe und anderes Zeugs, das seit Jahren in einer Ecke steht und aufgeräumt werden soll. Das hat sich alles selbst überlebt und kann einfach entsorgt werden. Ich liebe es, Gerümpel loszuwerden.

André schaut sich die Sache an und macht ein ernstes Gesicht: "Ach herjeh, der bootet ja nicht mal das System hoch. Dass der Rechner schon so früh aussteigt, ist kein gutes Zeichen." Er klemmt die Laufwerke und die Festplatten ab - am Fehler ändert sich nichts.

Ich ahne schon, dass eine schnelle Lösung nicht drin ist. "Den muss ich mitnehmen und Zuhause zerlegen", sagt André. Ich helfe noch dabei, mein Baby in sein Auto zu wuchten, dann ist André auch schon verschwunden und lässt eine Staubwolke über unserer Sandstraße zurück.

Viel schlimmer kann es es nicht kommen - oder?

Mittwoch mittag: Nach einer Stunde der geschockten Starre muss ich wieder an die Arbeit gehen. Ich baue mein Notebook auf. Da sind noch alle Arbeitsdateien vom Urlaub im August drauf. Überraschend stelle ich auch fest, dass ich ganz viele Daten inzwischen schon rechnerunabhängig online verfügbar habe. Meine Termine verwaltet Google, auch meine RSS-Feeds habe ich im Google Reader archiviert. Das ist eine angenehme Überraschung, zu sehen, wie diese Online-Geschichte tatsächlich funktioniert. Immer mehr Daten halte ich online verfügbar - und kann sie so an jedem beliebigen Rechner nutzen.

Das erste, was ich am Notebook mache, ist ein Dropbox-Konto zu eröffnen. Hier werde ich später alle wichtigen Arbeitsdateien hochladen. Hätte ich das schon früher getan, hätte mich der Rechnerausfall nicht so blockiert. Meine aktuellen Dateien kann ich zurzeit nämlich nicht weiter bearbeiten, weil ich keinen Zugriff auf sie habe. Zum Glück bekomme ich per Mail ein paar neue Aufträge rein. Die bearbeite ich sofort und habe auf diese Weise gleich etwas zu tun. Ich vermute, dass alles, was ich an diesem Tage verdiene, gleich wieder für die Rechner-Reparatur draufgeht.

Mittwoch, 14 Uhr: André ruft mich an. Er hat meinen Rechner aufs Motorrad geschnallt und ist nach Berlin gefahren. Er vermutet den worst case - ein durchgerauchtes Motherboard. Zum Glück kennt er einen Händler, der ein fast identisches Board vorrätig hat. Die Jungs ackern richtig. Sie schrauben alles auseinander und setzen es einzeln wieder zusammen. Auf diese Weise können sie genau feststellen, wo der Fehler liegt.

Es ist nicht das Netzteil und auch nicht ein Speicherchip. Es ist kein Laufwerk. Es ist wirklich das Motherboard. Samt CPU. Beide Teile sind hinüber und müssen ersetzt werden. Die im Geschäft sagen, so etwas haben sie noch nicht erlebt. André sagt, dass er sich beeilt und bald alles zusammengeschraubt haben sollte.

Mittwoch, 19 Uhr

: Fünf Mal bin ich zur Tür gerannt, weil es geklingelt hat. Sicherlich mein Rechner, der zu mir zurückgebracht wird. Aber es waren "nur" Paketboten. André ruft gerade in dem Moment an, als meine Geduld zusammenbricht. Der PC-Experte meint, dass die Hardware nun wieder sauber durchläuft und bootet. Allerdings würde mein Windows Vista Ärger machen und die geänderte Hardware monieren. Das System verlangt die Original-DVDs, um sich neu zu konfigurieren. Ich kann aber keine Silberscheiben finden, das Betriebssystem war beim Kauf meines Rechners schon vorinstalliert.

So ein Mist. André versucht, mit einem neuen Vista zu tricksen. Dabei stellt sich heraus, dass die Festplatte auch einen Schlag abbekommen hat. Das System checkt die Platte, das dauert Stunden. André meint, dass es spät in der Nacht werden kann, bis alles fertig ist. Ist wurscht, ich kann eh nicht schlafen und bin noch am arbeiten. Nachts um eins gebe ich aber auf. Später höre ich, André hat noch bis morgens um zwei gemacht.

Donnerstag, 8 Uhr

: André ruft an und schlägt vor, radikal zu werden. Ich höre mir seinen Vorschlag an und stimme zu. André spielt Windows 7 Business auf und bringt den ganzen PC damit auf den allerneuesten Stand. Der Vorteil: Ich komme wieder an meine Daten und Dateien heran - und kann endlich wieder arbeiten. Der Nachteil: Alle Programme müssen neu installiert werden.

Das nehme ich gern auf mich. Noch am Vormittag ist mein Baby wieder da. Ich brauche einen ganzen Tag, um alles wieder auf Vordermann zu bringen. Software installieren, Plugins nachrüsten, Fonts einkopieren, Outlook starten, iTunes neu einrichten und iPhone und iPad neu synchronisieren. Halt meine gewohnte Arbeitsumgebung rekonstruieren. Dabei zeigt sich, dass es gut war, alle Software-Lizenznummern in den Notizen zu speichern. Das hilft mir sehr.

Freitag früh

: Jetzt habe ich endlich wieder ein topaktuelles und unbelastetes System - und freue mich auf die Arbeit.

Eine Glosse von Carsten Scheibe, Typemania