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Strategiewechsel: Microsoft verspricht Glasnost

Der weltgrößte Softwarekonzern Microsoft will seine Geschäftspolitik umkrempeln. Das US-Unternehmen kündigte an, seinen Wettbewerbern einen vereinfachten Zugang zu seiner marktbeherrschenden Software zu verschaffen. Experten bleiben skeptisch.

von Reinhard Hönighaus, Helene Laube und Matthias Lambrecht

Vorstandschef Steve Ballmer versprach bei einer Telefonkonferenz, Schnittstelleninformationen für das Betriebssystem Windows und die Bürosoftware Office weitgehend offenzulegen.

"Das ist ein wichtiger Strategiewechsel in der Art und Weise, wie wir Informationen über unsere Produkte teilen", sagte Ballmer. Sein Unternehmen werde sich für Industriestandards einsetzen und rivalisierende Anbieter von Programmen mit frei verfügbaren Quellcodes (Open Source) nicht länger mit Patentklagen überziehen.

Microsoft reagiert mit dem angekündigten Strategieschwenk auf den Druck durch die Europäische Union. Die EU-Kommission verhielt sich am Abend allerdings zurückhaltend gegenüber der Nachricht aus den USA. Brüssel werde "jeden Schritt hin zu wirklicher Interoperabilität begrüßen", hieß es in einer ersten Stellungnahme. Allerdings habe Microsoft ähnliche Statements in der Vergangenheit bereits viermal abgegeben. Die Kommission werde eingehend prüfen, ob Microsoft die Ankündigung auch in die Praxis umsetze, hieß es weiter.

Erst im vergangenen Herbst hatte das zweithöchste EU-Gericht eine Rekordbuße von 497 Mio. Euro gegen Microsoft bestätigt. In dem Verfahren ging es um den Vorwurf, dass der Konzern aus Redmond seine dominierende Stellung bei Betriebssystemen missbrauche. Microsoft akzeptierte daraufhin die Auflage, der Konkurrenz Informationen über Schnittstellen für Serverprogramme zugänglich zu machen.

Im Januar eröffnete die EU-Kommission dann jedoch zwei neue Verfahren gegen Microsoft. Wettbewerber hatten beklagt, dass der Konzern es den Programmen anderer Anbieter erschwere, mit dem Büropaket Office zusammenzuarbeiten. Zudem moniert die EU-Kommission die enge Verknüpfung zwischen dem Betriebssystem Windows und anderen Microsoft-Produkten - etwa dem Internetbrowser Explorer. Damit greifen die Kartellwächter die beiden wichtigsten Gewinnbringer von Microsoft an.

Auf mehr als 30.000 Seiten will der Konzern seine Programmprotokolle nun im Internet dokumentieren. Neben dem Betriebssystem Vista sollen davon auch die Schnittstellen für Office 2007, Windows Server 2008, Exchange Server 2007 und SQL Server 2008 sowie alle zukünftigen Versionen dieser Produkte betroffen sein. "Microsofts langfristiger Erfolg hängt von der Fähigkeit ab, eine Plattform für Software und Dienstleistungen anzubieten, die offen und flexibel ist sowie Kunden und Entwicklern die Wahl lässt", sagte Ballmer.

Unter Experten blieb zunächst unklar, ob Microsofts Schritt tatsächlich eine Kehrtwende bedeutet. "Ein riesiger Strategiewechsel ist das jedenfalls nicht", sagte Analyst Roger Kay von der Marktforschungsfirma Endpoint Technologies. "Microsoft wird weiterhin abgepackte Software verkaufen und gleichzeitig versuchen, zunehmend Software als Service übers Internet anzubieten."

Das Statement Ballmers sei vor allem taktisch zu verstehen, sagte Kay. In erster Linie gehe es darum, die Forderungen der EU zu erfüllen. Daneben könnte Microsoft auch versuchen, die eigenen Formate und Protokolle zu einem Industriestandard zu machen. "Das würde Microsofts Macht wiederum festigen", sagte Kay.

Der Branchenverband ECIS, dem Microsoft-Wettbewerber wie Opera, Real Networks oder Sun Microsystems angehören, teilte mit, es sei noch zu früh, die Ankündigung aus Redmond zu bewerten. Investoren reagierten zunächst positiv auf die Stellungnahme Ballmers: Die Microsoft-Aktie legte um fast drei Prozent zu. Kurz vor US-Börsenschluss notierte das Papier jedoch leicht unter dem Kurs vom Vortag.

FTD