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Sieben Millionen "Quizduell"-User: Kampf unter Besserwissern

Es begann als harmloser Zeitvertreib bei mittelmäßigem Wetter an der Ostsee. "Quizduell" erwischte Menschen, die bis dahin niemand als spielsüchtig bezeichnet hätte. Doch das sollte sich ändern.

Ein Geständnis von Susanne Baller

Es war zwischen den Jahren. Wir waren mit Freunden an der Ostsee, sieben Erwachsene, zwei Teenager, vier Kinder, verteilt auf drei Häuser. In dem Haus mit der großen Wohnküche haben wir uns zum Frühstück und abends zum Kochen versammelt, mehr oder wenig vollständig, mehr oder weniger in Ruhe. Für die Kinder gehörte die Küche nämlich zu den Räumen, die Teil ihres "Wir laufen prügelnd mit Schaumstoffschwertern im Kreis durchs Haus"-Spiels waren. "Mit den Schwertern nur draußen!"-Rufe der Eltern gingen ungehört im Lärm unter. Und da hat es begonnen. Vielleicht war es eine Art Rückzug ins Innere zum Abschirmen von der Außenwelt. Vielleicht auch nur ein Teil der Entspannung, wir hatten schließlich Ferien. Die Männer und die beiden Teenager saßen jedenfalls plötzlich am Küchentisch und spielten auf ihren Handys "Quizduell". In diesem Teil des Raumes war es merkwürdig ruhig geworden, das für Küchentische übliche Gequatsche war verstummt. Hochkonzentriert trafen sich nur gelegentlich die grinsenden Blicke der Kontrahenten. In der Anfangsphase trat man nur gegen jemanden an, der mit am Tisch saß.

Die Anfangsphase endete für alle unterschiedlich schnell. Der Ober-Early-Adopter-Vater (OEAV) hat zuerst investiert - 2,69 Euro für die Premium-Version, in der man sich einen Avatar gestalten kann und vor allem Zugriff auf die Spielstatistiken hat. Plötzlich wurde sichtbar, wie bekannt das Spiel bereits war: 4,2 Millionen Menschen - darunter inzwischen auch eine andere Mutter und ich sowie einer der beiden Neunjährigen - traten in Deutschland im Duell gegeneinander an. Das heißt, wir beantworteten in sechs Runden jeweils drei Fragen, wobei wir abwechselnd eine von drei Kategorien wählten. Wer am Ende eines Duells die meisten Fragen richtig beantwortet hat, gewinnt. Um überhaupt spielen zu können, muss man sich mit Benutzernamen und E-Mail oder über Facebook registrieren. Wir haben uns also unsere Spielerpseudonyme verraten und uns gegenseitig zu Spielen herausgefordert. Anfangs jedenfalls, denn das sollte an Konkurrenz bald nicht mehr genügen. Wir begannen fremdzugehen und fragten unter dem Knopf "Beliebige Spieler" nach neuen, unbekannten Kontrahenten. Das Spielen beschränkte sich irgendwann nicht mehr auf Tischrunden zu den Mahlzeiten, wir waren kaum 48 Stunden auf dem Land, da war der Quizduell-Klingelton zum Ferienwecker geworden.

Onlinegaming statt gesprächiger Tischrunde

Die ersten Gegenstimmen regten sich. "Das ist doch total asozial!", schimpfte eine der beiden Freundinnen, die nicht vom "Quizduell"-Fieber befallen waren. "Wir fahren zusammen los und ihr kapselt euch so ab! Am Tisch wird jetzt nicht mehr gespielt!" Die mütterliche Anweisung verhallte ungehört bei allen Beteiligten zwischen neun und 49. Wir hielten das Handy knapp unter die Tischplatte und spielten weiter. Die Hände hatten wir nur noch frei, wenn wir einkaufen gingen und Strand- oder Waldspaziergänge machten. Selbst am Silvesterabend hatte der kochende Vater das Telefon neben der Herdplatte liegen, wir anderen unterbrachen Dinge wie Tisch decken, sobald es brummte. Inzwischen war klar, dass dieser Urlaub einen eigenen, unerwarteten Nebenklang bekommen hatte. "Sobald wir zu Hause sind, hört das ja eh auf", beruhigte ich meine Freundin, die noch immer naserümpfend auf unser Treiben blickte.

Hatte ich tatsächlich gedacht. "Mein Ziel ist es, unter 10.000 zu kommen", verklickerte mir der OEAV kurz bevor wir am Neujahrstag wieder nach Hamburg fuhren. "Ich bin jetzt bei etwas mehr als 24.000 von rund 4,3 Millionen Spielern." Ein Blick in meine Statistik verriet mir, dass ich auf Platz 388.744 lag, meine beste Kategorie war "Essen & Trinken", 73 Prozent der Fragen beantwortete ich dort korrekt. Auf der Loser-Schiene bin ich - nach wie vor - in "Sport & Freizeit", für Fußball und sowas habe ich mich nie interessiert. Wieso hatte ich auf diese Zahlen vorher nicht geachtet? Damit hatte auch ich ein Ziel: aufholen! Zum Glück musste ich erst am 6. Januar wieder arbeiten. Ich begann, mich mehr auf meine Stärken zu konzentrieren: Da die Fragen auch aus der Community kommen, kann man sich auf den Lerneffekt nicht verlassen, Dopplungen sind zu selten für einen guten Schnitt.

Plötzlich doppelt so viele User

Was soll ich lange drumrumreden, wir hörten also nicht auf. Am 4. Januar lag der OEAV bei 14.063, ich bei 84.268 und "Quizduell" hatte mehr als 4,5 Millionen User. Am 11. Januar stand der OEAV auf Platz 9589 und hatte sein Ziel erreicht. Ich war immerhin auf Rang 33.487 angekommen. Und "Quizduell" bei 5.210.863 Mitspielern.

Doch seitdem läuft irgendetwas schief. Hatte mein Sparringspartner neulich noch vollmundig verkündet, sein neues Ziel liege nun im dreistelligen Bereich, rutscht er stattdessen plötzlich ab. Und mir ergeht es ebenso, obwohl ich relativ wenig gespielt habe. Ein Blick in die Statistik bringt Aufklärung: "Quizduell" hat nun mehr als sieben Millionen Spieler. Das heißt, die Konkurrenz hat sich binnen drei Wochen nahezu verdoppelt. Damit stellt sich eine Frage: Treten wir noch einmal gegen ein Zehntel aller Deutschen an, die es morgen bestimmt sein werden, oder kehren wir zurück ins Leben?

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