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Microsoft Flight Simulator 2020 versus Realität Nur echtes Fliegen ist schöner

Der Autor (r.) auf dem Testflug für den Flight Simulator von Microsoft. Navigiert wurde nicht per GPS, sondern traditionell mit Luftfahrtkarten und Kompass.
Der Autor (r.) auf dem Testflug für den Flight Simulator von Microsoft. Navigiert wurde nicht per GPS, sondern traditionell mit Luftfahrtkarten und Kompass.
© Henry Lübberstedt
Microsofts Flugsimulator ist fotorealistisch, heißt es. Wir haben den Test gemacht und sind einen echten Flug in 1000 Metern Höhe mit dem Simulator nachgeflogen in 4K und mit Details auf Ultra.  Das Ergebnis ist verblüffend - mit ein paar Schönheitsfehlern.

Peinlich, ich finde es nicht. Angestrengt sehe ich aus dem Fenster. Die Karte in der linken Hand, den Steuerknüppel in der rechten. Zehn Minuten bei 130 km/h IAS auf Steuerkurs 60 Grad, mehr oder weniger. Lüneburg liegt längst hinter mir, ich sehe die weit geschwungenen Windungen der Elbe. Gleich sollte ich da sein und fühle mich dennoch wie blind. Es ist heiß an diesem Julitag. Fast 30 Grad Celsius bereits am frühen Mittag. In knapp eintausend Metern Höhe ist es unter dem Glasdach des Rotax Falken Motorseglers kaum kühler.

Die Karte durchweicht in der schwitzigen Hand, während meine Augen im graublauen Dunst nach Ortsmarken herumstochern. Die Fliegerkarte zeigt die Elbe, größere Straßen, Windräder und den Flugplatz, den ich finden soll: Neu-Gülze. Der Name sagt es schon, Flugplatz ist übertrieben, Neu-Gülze ist eine winzige Graspiste mitten im weiten Flickenteppich norddeutscher Getreidefelder. Von hier oben ist es im Hochsommer sowieso alles braungrau. Die Sonne steht im Zenit, schattenlos verliert die Landschaft ihre Konturen.

Langsam zieht die Elbe unter mir durch, mein Fluglehrer grinst. Ich bin auf der sogenannten Navigations-Einweisung, einem wichtigen Meilenstein im Rahmen der Segelflugausbildung. Fünf kleine Flugplätze im Umkreis Hamburgs soll ich finden lediglich mit Karte, Stoppuhr und Rausgucken. Nach dem Finden habe ich nach Anzeichen für die Windrichtung zu suchen, soll mir die Platzrunde einteilen und zur Landung ansetzten – kurz vor dem Aufsetzen Gas rein und Durchstarten. Es ist erst mein fünfter Flug im Motorsegler. Ich habe schon mit Suchen reichlich zu tun. Gern hätte ich vorher heimlich im Simulator geübt, mir Ortsmarken, Streckenpunkte eingeprägt. Doch eignen sich Flugsimulatoren überhaupt dafür?

Die Flugsimulation X-Plane 11 auf meinem sechs Jahre alten PC simuliert zwar Flugzeuge sehr ordentlich, doch zur Navigation im Sichtflug taugt sie nur bedingt. Straßen, Brücken, Windräder und Flussläufe werden zwar mittels Geodaten genau platziert, doch dann endet die Annäherung an die Realität auch schon. So scheint das für seinen dichten Baumbestand bekannte Hamburg in X-Plane der schlimmsten Klimawandel-Dystrophie entsprungen. Graubraune Flächen gesprenkelt mit automatisch generierten Häusern, die wenig nach Europa, dafür mehr nach US-Vorstädten aussehen. 

Zwar lässt sich X-Plane mit einer Vielzahl von Freeware-Tools wie OrthoXP und Grafik-Addons optisch deutlich aufpeppen, doch dafür braucht es neben fliegerischen- vor allem IT-Ehrgeiz und viel Zeit für die Einarbeitung. Stundenlanges Suchen in Foren und Sichten von Tutorials auf YouTube sind Pflicht. Und jedes zusätzliche Addon geht zu Lasten der Framerate, also der Bildwiederholrate. Alles unter 30 FPS nimmt das Auge als "ruckelig" wahr.

In X-Plane und Prepar 3D sind die Flieger detailreich, im Flight Simulator 2020 die Welt

Gleichermaßen aufwändig ist das wenig bekannte Prepar3D des US-Luftfahrtkonzerns Lockheed-Martin. Bemüht sich X-Plane schon um Genauigkeit in Flugphysik und Avionik, legt "P3D" noch eine Schippe ´drauf. Nicht umsonst sind beide Programme auch für das Simulatortraining in der echten Flugausbildung zugelassen. In bestimmten Flugzeugmustern funktioniert jeder Schalter und sämtliche Einstellungen der Bordcomputer. Grafisch sind beide Simulatoren allerdings in die Jahre gekommen. Vor allem im Vergleich zum neuen Platzhirschen, den Flight Simulator 2020 von Microsoft.

Der Windows-Hersteller geht mit seinem neuen Flugsimulator einen zugänglicheren Weg: Weniger Gefummel dafür Schachtel auf oder besser Download starten und gute 100 Gigabyte später liegt einem der komplett simulierte Planet fotorealistisch zu Füßen. Ganz gleich wohin der Flug führt, die Software lädt die Satellitenbilder von Microsofts Bing Maps nach und legt sie wie eine Fototapete auf das Oberflächengitter der simulierten Welt. Zahlreiche Länder wurden mittlerweile von Hand verfeinert und mit 3D-Modellen versehen. Neben den USA, Australien und Kanada auch Deutschland. 

Der Autor (r.) auf dem Testflug für den Flight Simulator von Microsoft. Navigiert wurde nicht per GPS, sondern traditionell mit Luftfahrtkarten und Kompass.
Der Autor (r.) auf dem Testflug für den Flight Simulator von Microsoft. Navigiert wurde nicht per GPS, sondern traditionell mit Luftfahrtkarten und Kompass.
© Henry Lübberstedt

Virtuelle Realität bringt 16 CPU-Kerne und Nvidas RTX 3080ti ins Schwitzen

Fotorealismus. Eigentlich genau das richtige für VFR-Piloten, also die bodennahen Schönwetterflieger, die sich vor dem Flug mit einem noch unbekannten Terrain vertraut machen wollen. Doch funktioniert das wirklich? Und welche Hardware ist dafür nötig?

Traditionell haben Flugsimulatoren großen Hardwarehunger, das war schon 1982 so als der erste Flight Simulator auf den Markt kam und die Grafik eher im Kopf als auf dem zweifarbigen Monitor entstand. Der jüngste Nachfahre ist da keine Ausnahme, insbesondere nicht, wenn die simulierte, fotorealistische Welt in 4K-Auflösung mit höchsten Details flüssig dargestellt werden soll.

Für den Sichtflugtest im Flight Simulator hat uns  der Münchener Gaming-PC-Spezialist Mifcom ein Testsystem zur Verfügung gestellt, das genau das kann. Im gläsernen Gehäuse arbeiten die 16 Kerne des wassergekühlten Intel i9 12900KS auf einem Asus Maximus Hero mit einer Geforce RTX 3080ti zusammen. Der Flight Simulator ist auf einer schnellen SSD installiert und bekommt im 64 Gigabyte großen Arbeitsspeicher sicher keine Platzangst. Nach der Installation schlägt der Flight Simulator als Grafikeinstellung aus freien Stücken sogleich "Ultra" vor. Ich schiebe im Menü die Regler für "Terrain Detailgrad“ und "Leveldetail Objekte" von der Mittelposition auf 100 Prozent.

Der Test-PC von Mifcom: Für die 4k-Auflösung auf der Detailstufe Ultra braucht es schnelle Hardware. Sieben Lüfter schaufeln kühle Luft rein und die heiße hinaus. Der Intel i9 12900KS wird wassergekühlt. Die Nvidia Geforce RTX 3080ti reicht der Luftstrom. Vor dem Rechner stehen die Seitenruderpedale. 
Der Test-PC von Mifcom: Für die 4k-Auflösung auf der Detailstufe Ultra braucht es schnelle Hardware. Sieben Lüfter schaufeln kühle Luft rein und die heiße hinaus. Der Intel i9 12900KS wird wassergekühlt. Die Nvidia Geforce RTX 3080ti reicht der Luftstrom. Vor dem Rechner stehen die Seitenruderpedale. 
© stern

Und wieder sitze ich im Flugzeug, in der linken Hand meine ICAO-Karte, in der rechten den Knüppel meines Thrustmaster Warthog, die Füße stehen in den Seitenruderpedalen – unter dem Schreibtisch. Um meinen Flug zu wiederholen, will ich von Hamburg-Boberg starten, einem Segelflugplatz im Osten der Hansestadt. Eine Millionenstadt mit Segelflugplatz, das ist außergewöhnlich. Gleich in Sichtweite der Flughafen Hamburg. Die Segelflieger hier müssen sich schon in der Ausbildung mit Luftraumstrukturen und Höhenfreigaben beschäftigen.

Während X-Plane die 1200 Meter lange Piste in Boberg nicht kennt, ist sie im Microsoft Flight Simulator schon eingebaut. Mit einem Klick stehe ich auf der Startbahn Richtung 12. Statt in einem Rotax Falken nur in einer Diamond Super Dimona, auch ein Motorsegler, nur moderner.  Das Wetter lässt sich in der Software leicht nachbauen. Monat, Tag, Uhrzeit, wolkenloser Himmel, 27 Grad Celsius, kaum Wind und sehr viel Dunst. Selbst bei klarem Himmel kann die Fernsicht erstaunlich schlecht sein. Unverändert bleibt indes die Landschaft. Da sie auf Satellitenbildern beruht ist hier immer Frühsommer.

Bei 120 Km/h kann man in diesem Motorsegler noch den Selfiestick aus dem Fenster halten.
Bei 120 Km/h kann man in diesem Motorsegler noch den Selfiestick aus dem Fenster halten.
© Henry Lübberstedt

Ich schiebe das Gas rein. Der Motor in der Simulation und die sieben Lüfter des PC heulen auf. Wahrscheinlich auch der Stromzähler im Keller. Egal. Nach ein paar hundert Metern hebe ich ab, wie im echten Leben steigt auch der simulierte Flieger bei der Hitze eher unwillig in die Luft. Eigentlich sollte der massige Funkturm von Bergedorf als Landmarke auftauchen. Doch da ist nichts. Und auch hinter mir fehlt der 300 Meter hohe rotweiße Wettermast. Das fängt ja gut an. X-Plane 11 kannte beide der markanten Orientierungspunkte. Ab 500 Metern war das jedoch vergessen.

Unter mir liegt der vertraute Hamburger-Stadtrand mit seiner Mischung aus Siedlungen, Ackerflächen, Autobahnen, Einkaufszentren, Sportplätzen. Zehn Kilometer entfernt glitzert die Alster, dahinter im Dunst die beiden Startbahnen des Helmut Schmidt Airports. X-Plane platziert Gebäude zwar auch an der halbwegs korrekten Stelle, generisch generierte Häuser, die aber erst nach Installation einer Freeware europäischen Gebäuden ähneln. Das macht der Flight Simulator auch, nur eben viel besser. Das Zentrum von Bergedorf mit seinem 3D-Bahnhof, den Einkaufspassagen und Wohnhäusern sieht aus 700 virtuellen Metern tatsächlich fotorealistisch aus.

Nvidias DLSS: Hohe Details ohne ruckeln

Der Blick auf die Systemauslastung zeigt mir den Preis für die Detailtreue. Lief X-Plane auf meiner alten Intel i7 6700 4-Kern-CPU und der Nvidia Geforce 1070 selbst in 4K passabel, ackern im Flight Simulator auf höchster Detailstufe alle 16 Prozessorkerne kräftig, noch eifriger rechnet die RTX 3080ti. Ihr 12 Gigabyte Videospeicher ist zu 90 Prozent belegt, aus dem Arbeitsspeicher nimmt sich der Flight Simulator rund sieben Gigabyte.

Lohn der Hardware-Rechenmühe ist ein ruckelfreier Flug. Obwohl das so nicht stimmt, für das seidenweiche Dahinfliegen ist auch eine spezielle Softwaretechnik von Nividia verantwortlich. DLSS, Deep Learning Super Sampling. Dabei wird das Bild in einer niedrigeren Auflösung als der Monitor  hergibt gerendert und dann wieder auf die native Monitorauflösung hochskaliert. Das Rendern, also berechnen eines Bildes, in einer geringeren Auflösung geht deutlich schneller, als das Rendern in hohen Auflösungen. Anschließend muss das Bild jedoch zu voller Grafikpracht hochgerechnet werden. Bei einem Standbild wäre das leicht, bei einer Spielegrafik, die sich von Bild zu Bild verändert, ist das schwieriger. 

Hier kommt das "Learning" ins Spiel. Die KI hinter DLSS nimmt nicht nur ein Bild und skaliert es stumpf hoch, sondern sie schaut auf die Informationen der Bilder zuvor und schätzt, welche Bilder wohl unmittelbar danach kommen könnten. Das System lernt im Grunde, die Bewegungen von Objekten vorherzusagen.

DLSS ist keine Bildverbesserung, sondern es erhöht die Zahl der angezeigten Bilder pro Sekunde, ohne signifikante Verschlechterung der Bildqualität. Obwohl besser wird die Grafik schon, da sich nun auch auf schwächeren PCs mehr Grafikoptionen im Spiel aktivieren lassen, ohne dass die FPS in den Keller rutschen und es zu ruckeln beginnt. Allerdings geht das nur mit Nvidia-Grafikkarten der RTX-Reihe und wenn das Spiel DLSS unterstützt, was beim Flight Simulator seit kurzem der Fall ist. Im Test klappt das hervorragend und bringt im Schnitt zusätzliche 15 FPS mehr.   

Erste Station: Holtersloh zwischen Windparks an der A7

Ich drehe auf 200 Grad und zuckle mit 130 km/h auf dem Fahrtmesser in 650 Metern Höhe Richtung Stelle. Gleich neben der Kleinstadt liegt der Rangierbahnhof Maschen, der größte Güterbahnhof Europas, eine fette Landmarke. Als wäre es das Video eines echten Fluges funkeln die Elbe und die Marschlande unter mir im Sonnenlicht. Schon nach ein paar Minuten taucht aus dem virtuellen Dunst auch schon der Rangierbahnhof auf. Über Stelle korrigiere ich auf 220 Grad, so wie ich mir auch im echten Flug den Kurs zurechtgelegt hatte. Nächstes Ziel ist Ohlendorf an der A7. Links davon soll sich der Flugplatz Holtersloh befinden. Ohlendorf ist zwar nur ein kleines Nest, es beherbergt jedoch ein imposantes Logistikzentrum. Wie in der Realität leuchtet mir auch in der Simulation das weißgraue Gebäude schon aus fünf Kilometern Entfernung entgegen. Nächste Landmarke laut der Flugkarte sind zwei kleine Windparks zwischen denen Holtersloh liegen soll. Liegt es auch. Auf der virtuellen A7 ziehen Autos und Lkw entlang, während ich meinen Landeanflug einteile.

Markante Gebäude, Formen von Feldern und Wäldern - mit dem Flight Simulator können Piloten sich tatsächlich gut auf echte Flüge vorbereiten.
Markante Gebäude, Formen von Feldern und Wäldern - mit dem Flight Simulator können Piloten sich tatsächlich gut auf echte Flüge vorbereiten.
© Henry Lübberstedt

Das so kleine Flugfelder überhaupt dargestellt werden, überraschte mich. Hoffnungsvoll setzte ich Kurs auf das gut 100 Kilometer entfernte Neu-Gülze. Mein Etappenziel Lüneburg war auch ohne Blick auf den Kompass schnell gefunden. Ich musste nur der A39 folgen. Vom Flugplatz Lüneburg ging es dann weiter über den Elbeseitenkanal. Im echten Leben ist der hoch aus dem Forst ragende Fernmeldeturm Lüneburg eine gute Orientierung. Der Turm fehlte. Offenkundig hat es Microsoft nicht so mit großen Funkmasten. Dafür stand am Rande des pittoresken Lüneburgs ein Wolkenkratzer. Absurd.

Gut eine Stunde ist seit dem Start vergangen, unter dem Schreibtisch wird es warm. Der Intel i9 12900KS ist ein überzüchtetes Rennpferd, schnell und sehr heiß. Die Wasserkühlung arbeitet tapfer dagegen an und schaufelt die heiße Luft aus dem Gehäuse. Aus dem Dunst schält sich die Elbe. Und wieder starre ich aus dem Fenster, suche Boizenburg, das Gewerbegebiet und dahinter den Wald mit einer scharf geschnitten Kante. Die hatte ich mir noch gemerkt. Gleich an der Kante soll der Platz liegen.

Neu-Gülze ist übersimuliert

Ich erkenne Boizenburg, sogar die Werft ist da. Hell leuchtet in der Sommersonne das Gewerbegebiet. Hier muss es sein. In einer flachen Kurve suche ich die Waldkante. Wie damals sehe ich nur Äcker über Äcker. Bis mein Auge an einem dunkelgrauen schmalen Streifen hängen bleibt. Neu-Gülze ist eigentlich eine Graspiste, hat jedoch eine winzige Asphaltbahn. Und da ist das verdammte Ding. Diese absurd schmale Streifen Asphalt ist doch tatsächlich im Spiel vorhanden. Habe ich dich.

Ich teile mir meine Landung ein, setze die Dimona sauber auf dem Asphalt auf und rolle zu den Hangars. Zu meiner Überraschung steht auf dem Platz eine zweimotorige Beechcraft und gleich daneben zwei Typen vom Bodenpersonal auf einem Transportwagen in Leuchtwesten, Cargohosen und Hörschutz. Neu Gülze ist definitiv übersimuliert.

Hinweis: Für den Test des Flight Simulators hat uns der Gaming-PC-Spezialist Mifcom einen Testrechner zur Verfügung gestellt. 

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