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Pure Audio Blu-ray: Nischenprodukt oder Zukunftsformat?

Ein Format für Blu-ray-Audio verspricht Musik mit brillantem Sound. Der Haken: Das Angebot ist schmal, die Scheiben teuer, Hifi-Verkäufer sind skeptisch, die Musikindustrie ist zurückhaltend. Und viele Verbraucher erfahren gar nicht, ob ihnen etwas entgeht.

Wäre es nicht toll, wenn man die Technologie der Blu-ray-Disc dafür nutzen könnte, auch Musik in viel besserer Qualität nach Hause zu bringen? Für viele mag es überraschend klingen: Ein Format dafür gibt es unter dem Namen "Pure Audio" längst, bloß kennen es nur wenige. Vor allem bringen kleine Spezial-Label Klassik-Alben heraus. Die Scheiben kosten auch im Angebot noch selten weniger als 20 Euro.

Der grundsätzliche Vorteil für die Verbraucher sind die niedrigen Einstiegshürden. Wer Blu-ray-Player und Heimkino-Anlage zuhause hat, ist schon dabei. Genau darauf setzen auch die Verfechter des Formats. "Die Musikindustrie muss nur noch auf einen fahrenden Zug aufspringen", sagt Stefan Bock, Geschäftsführer der msm-studios in München, die "Pure Audio" mitentwickelt haben.

Und Bock verspricht, man müsse nicht erst eine viele tausend Euro teure High-End-Anlage besitzen, um von den Vorzügen des Formats zu profitieren: "Auch auf einer schlechten oder mittelmäßigen Anlage merkt man den Unterschied." Am schlimmsten sei schließlich, schlechte Hardware auch noch mit schwacher Soundqualität zu versorgen.

Runter mit der Qualität

Die Erkenntnis, dass der Musik-Konsument nicht die bestmögliche Tonqualität bekommt, ist schon Jahre alt. Es ist ein paradoxer Zustand: Künstler und Plattenfirmen geben Millionen aus, um im Studio den bestmöglichen Sound herauszukitzeln. Dann werden die hochwertigen Aufnahmen auf das fast 30 Jahre alte CD-Format heruntergestuft. Und heutzutage oft auch noch massiv für Formate wie MP3 zusammengepresst, damit sie auf Handys oder Musikplayer passen.

Bessere Soundqualität kann man dadurch erreichen, dass die Musik mit mehr Daten gespeichert wird. Bei der CD werden die Daten in 16-Bit-Blöcke zerteilt und mit einer Abtastrate von 44,1 kHz ausgelesen. Bei "Pure Audio" sind es 24 Bit und 192 kHz. Als Datenträger komme wegen des Informationsvolumens nur Blu-ray-Discs in Frage, betont Bock.

Als besonderen Vorteil von "Pure Audio" sieht Bock, dass man das Format wie eine CD auch mit ausgeschaltetem Fernsehgerät nutzen kann, nur über die Fernbedienung. Um auch MP3-Interessenten zu gewinnen, ließ sich sein Unternehmen ein Verfahren namens mShuttle einfallen, mit dem komprimierte Versionen von der Disc auf den Computer geholt werden können, auch wenn er kein Blu-ray-Laufwerk hat.

Vorsicht: hier nicht komprimieren!

Andere Anbieter versuchen unterdessen, besseren Sound auch ohne Blu-ray zu bieten. So setzt der US-Konzern Harman International, ein Hersteller professioneller Studioausrüstung und Verbrauchermarken wie harman/kardon oder JBL, bei der Kompression an. Schon bei der Aufnahme sollen spezielle Markierungen im Datenfluss gesetzt werden - an Stellen, bei denen sich starke Kompression negativ bemerkbar machen würde. Wenn man die Musik später abspielt, werden die Markierungen von der Software "ausgefaltet". Dafür muss in den Geräten allerdings auch die Harman-Technologie integriert sein.

Auch High-Resolution-Downloads gibt es inzwischen. Sie bietet im "verlustfreien" Kompressionsformat FLAC zum Beispiel das norwegische Label 2L an, das auch ein Herausgeber von "Pure Audio"-Discs ist.

Eine andere Frage ist allerdings, wie viel Wert die Mehrzahl der Musikfreunde tatsächlich auf besseren Sound legt. Es ist kein Zufall, dass Musik immer mehr komprimiert über das Internet verkauft wird. Ganz zu schweigen von den millionenfachen "Raubkopien".

"Wir müssen uns ja auch nach dem Verbraucher richten", sagt Daniel Knöll vom Bundesverband der Musikindustrie auf die Frage, warum die Branche nicht mehr für die Verbreitung von Blu-ray-Audio wirbt. Bei Musik gehe es im Moment meist vor allem um schnellen Konsum und den Komfort, die Songs auch unterwegs hören zu können.

Andrej Sokolow, DPA / DPA
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