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Englisch-Prüfung in NRW Text aus der "New York Times" wird Abituraufgabe – und der Autor zur Zielscheibe deutscher Schüler

Englisch-Prüfung in NRW: Text aus der "New York Times" wird Abituraufgabe – und der Autor zur Zielscheibe deutscher Schüler
Trotz Corona - es wurde ernst! In Nordrhein-Westfalen haben am Freitag um Punkt neun Uhr morgens die Abiturprüfungen im Fach Englisch begonnen, auch hier in der Turnhalle der Gesamtschule Windeck. Nach einem Schuljahr mit Maskenpflicht, Präsenz- und Distanzunterricht und der Diskussion um Selbsttests, schreiben nun Schüler aus den Leistungskursen und den Grundkursen das Zentralabitur. Dafür hatte die Schule Regeln zu beachten. So müssen sich die Prüflinge einen Tag vor der Klausur testen lassen, weiß Rektorin Melanie Grabowy. "Kurzfristig hatten wir zu tun mit den Testungen, diese Überlegung, wann machen wir den Test, wer will sich nicht testen lassen. Gott sei Dank haben sich alle testen lassen. Aber auch diese Überlegung, wie ist denn das, wenn man stundenlang mit so einer dicken Maske arbeiten muss, denken muss als junger Mensch. Jetzt haben wir hier eine Turnhalle, die man richtig gut lüften kann, die Stimmung ist auch gut, die Atmosphäre ist gut. Ich denke, wir haben das sehr gut gelöst." In Nordrhein-Westfalen schreiben rund 90.000 Schüler ab Freitag die Abitur-Prüfungen. Alle unter erschwerten Pandemie-Bedingungen. Das Schulministerium hat klargestellt, dass die Voraussetzungen für faire Prüfungen und ein vollwertiges, bundesweit vergleichbares Abitur trotz der widrigen Umstände gegeben seien. Noch einmal Rektorin Grabwoy aus Windeck. "Je enger und stärker die Bindung ist, desto besser kann man auch auf Distanz unterrichten, weil eben der persönliche Bezug da ist. Und so glaube ich, dass meine Lehrerinnen und Lehrer das sehr gut auffangen konnten. Ich glaube nicht, dass ein Schüler, eine Schülerin hier einen wesentlichen Nachteil erlebt, außer vielleicht einen nervlichen. Die Anspannung ist eben anders." Die Landesschülervertretung sprach von einer sehr ungleichen Ausgangslage unter den Abiturienten, die über Monate auf Präsenzunterricht verzichten mussten.
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Schüler:innen aus Nordrhein-Westfalen bekamen im Englisch-Abitur eine Kolumne aus der "New York Times" als Aufgabe – und überhäuften im Anschluss den Autor online mit Kommentaren und Nachfragen. Leider waren auch einige Beleidigungen darunter.

Als Farhad Manjoo im Februar vergangenen Jahres einen Meinungsartikel in der "New York Times" veröffentlichte, hatte er wohl keine Ahnung, welche Kreise sein Text ziehen würde. Manjoo ist Journalist und schreibt bei der Zeitung seit 2018 eine regelmäßige Kolumne. Im Februar 2020 ging es um den Häusermarkt in seinem Heimatstaat Kalifornien. Manjoo argumentierte, dass die "Herrschaft des Einfamilienhauses" vorbei sei und es neue, bezahlbare Wohnkonzepte in modernen Gesellschaften brauche.

Das Thema hat mit Deutschland ziemlich wenig zu tun, erst recht nicht mit deutschen Schüler:innen, die kurz vor dem Abitur stehen. Dennoch kann sich Manjoo in diesen Tagen vor Kommentaren und Anfragen von Abiturient:innen zu seinem Artikel kaum retten. Der Grund: Sein Text war Prüfungsgrundlage im Englisch-Abitur in Nordrhein-Westfalen – und die Schüler:innen haben offenbar jede Menge Gesprächsbedarf.

Abitur in NRW: Schüler:innen sollen Kolumne aus der "New York Times" analysieren

Deshalb stürmen sie geradezu den Twitter- und Instagram-Account des Journalisten. Manjoo brauchte zunächst etwas, um herauszufinden, worum es überhaupt geht – schließlich spricht der US-Amerikaner kein Deutsch. "Ich bekomme eine Menge Nachrichten, in denen sie mir entweder dafür danken, dass ich ihnen geholfen habe, eine Eins zu bekommen – oder dass ich ihr Leben ruiniert habe", twitterte er. 

Unter seinen Posts haben sich Schüler:innen zusammengefunden, um ihre Analyse der Kolumne zu diskutieren – wenn das wegen Corona nicht mehr auf dem Schulhof möglich ist, wird es eben im Netz gemacht. Manchen fiel die Aufgabe offenbar leichter als anderen, einige fragen Manjoo danach, was er mit dem Artikel denn wirklich gemeint hätte oder wollen wissen, was bestimmte Vokabeln bedeuten.

DISKUTHEK-Thumbnail: Ist das Abitur zu leicht?

Farhad Manjoo bekommt auch Hass ab

"Ich habe Deutsche gegen Deutsche aufgebracht", kommentiert Manjoo den Dialog von zwei Usern auf seinem Twitter-Account, die sich streiten, ob die Abituraufgabe nun machbar oder zu schwierig gewesen sei. Warum Einfamilienhäuser für Amerikaner so wichtig sind und inwiefern sie den amerikanischen Traum verkörpern, ist offenbar nicht allen Schüler:innen klargeworden.

Journalist Manjoo bekommt jetzt viele lustig-ironische Nachrichten, ein paar Memes sind darunter, aber auch Beleidigungen und Hass von frustrierten Schüler:innen. Gezwungen, sich mit dem Text über Einfamilienhäuser in Kalifornien auseinanderzusetzen, war allerdings niemand – es standen auch andere Aufgaben zur Auswahl. Der Autor nimmt es dennoch locker: Bei denen, die an ihm ihren Ärger auslassen, entschuldigt er sich und wünscht ihnen alles Gute. Trotzdem dürfte er sich wohl freuen, wenn bald wieder weniger Nachrichten aus Deutschland auf seinen Social-Media-Auftritten einlaufen.

Quellen: Farhad Manjoo auf Twitter / Farhad Manjoo auf Instagram / "New York Times"

epp

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