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Angebliche Enthüllung von "Newsweek" Rätselraten um Mr. Bitcoin


Bislang war der Erfinder der Bitcoins unbekannt. Nun will das US-Magazin "Newsweek" den Kopf hinter der Cyberwährung gefunden haben. Doch der leugnet alles - und es hagelt Kritik.
Von Christoph Fröhlich

Wer steckt hinter der digitalen Währung Bitcoin? Bislang war es das wohl bestgehütete Geheimnis der Techbranche: Vor fünf Jahren stellte ein Nutzer namens Satoshi Nakamoto ein Konzept zu den Bitcoins anonym ins Netz, er gilt seitdem als Urvater der kryptographischen Devise. Sein Name ist ein Pseudonym, da waren sich alle Experten schnell einig. Der Erfinder einer virtuellen Währung, die das Bankensystem herausfordert und voll und ganz auf die Anonymität seiner Nutzer setzt, würde schließlich nicht seinen echten Namen für alle lesbar im Netz veröffentlichen - so die Annahme. Viel ist nicht über Nakamoto bekannt: Niemand hat ihn je getroffen, zumindest gibt es niemand zu. Keiner weiß, ob Nakamoto ein Mann oder eine Frau ist. Die Suche nach dem Bitcoin-Erfinder war jahrelang die Jagd nach einem Phantom.

64 Jahre, Eisenbahn-Fan, 400 Millionen schwer

Nun will das US-Magazin "Newsweek" nach zweimonatiger Suche den sagenumwobenen Nakamoto aufgespürt haben: In der Titelgeschichte der aktuellen Ausgabe schildert die Journalistin Leah McGrath Goodman, wie sie Nakamoto gesucht und schließlich in Kalifornien gefunden hat. Hinter den Bitcoins steckt dem Magazin zufolge kein junger Hacker, sondern ein 64-jähriger gebürtiger Japaner, der im echten Leben tatsächlich Satoshi Nakamoto heißt.

Er hat einen Abschluss in Physik an der California State Polytechnic University, ist Computerexperte und Modelleisenbahn-Fan, schreibt "Newsweek". Seine Mutter sei Buddhistin, Nakamoto stamme aus einer alten Samurai-Familie, will die Journalistin Goodman erfahren haben. Angeblich soll Nakamoto Bitcoins im Wert von 400 Millionen Dollar besitzen, sein Lebensstil sei aber äußerst bescheiden. Um seine Privatsphäre zu schützen, habe er möglicherweise nie die Bitcoins gegen Echtgeld eingetauscht, mutmaßt das Magazin.

1959 kam Nakamoto mit seiner Mutter und zwei Brüdern in die Vereinigten Staaten, er soll für namhafte Unternehmen und das Militär an Geheimprojekten gearbeitet haben. Mit 23 Jahren änderte er seinen Namen in Dorian Prentice Satoshi Nakamoto. Er ist Vater von sechs Kindern, seit 2001 hat er dem Magazin zufolge aber keinen festen Job mehr gehabt. In den 90ern habe er zweimal seinen Job verloren, sagt die 56-jährige Grace Mitchell, mit der Nakamoto fünf Kinder hat und die mittlerweile getrennt von ihm lebt.

Durch die Arbeitslosigkeit konnte er seine Raten für das Haus nicht mehr bezahlen. Er stand kurz davor, alles zu verlieren. Diese Erlebnisse, vermutete seine Tochter Ilene Mitchell, könnten seine ablehnende Haltung zu Großbanken geprägt und ihn auf die die Idee zu den Bitcoins gebracht haben.

Zweifel an der Echtheit der Identität

Doch ist Satoshi Nakamoto wirklich der Satoshi Nakamoto? Seine Biographie liefert jedenfalls viele Indizien für dessen Echtheit. Er ist Mathematiker, ein Computerexperte und hat in der Vergangenheit Softwaresysteme für Banken entwickelt. Auf seine angebliche Bitcoin-Vergangenheit angesprochen, sagte Nakamoto der "Newsweek"-Reporterin: "Ich bin nicht länger involviert, also kann ich dazu nichts sagen. Andere Leute, zu denen ich keinen Kontakt habe, sind nun in der Verantwortung."

Doch in einem neuen Interview mit der Nachrichtenagentur "AP" leugnet Nakamoto, sich als Bitcoin-Entwickler ausgegeben zu haben. Er sei kein Englisch-Muttersprachler, deshalb hätte "Newsweek" ihn falsch verstanden, erklärt er in dem Interview. Er wollte lediglich ausdrücken, dass er nicht mehr als Ingenieur tätig sei. Gegenüber "AP" gab er zu, in den 1980ern, wie von "Newsweek" beschrieben, einige Jahre lang für die Citi-Bank als Entwickler gearbeitet zu haben.

Während des "AP"-Interviews soll der Amerikaner mit japanischer Abstammung zudem mehrmals von "Bitcom" statt "Bitcoin" gesprochen haben. Außerdem habe er nicht den Eindruck gemacht, viel über die digitale Währung zu wissen, schreibt "AP". Ob Nakamoto tatsächlich ahnungslos war oder sich nur dumm gestellt hat, bleibt offen.

"Ich bin nicht Dorian Nakamoto"

Aus der Bitcoin-Gemeinde hagelt es Kritik für den Artikel: Sollte Nakamoto wirklich der Entwickler der Cyberwährung sein, hätte "Newsweek" ihn nun zum Ziel potenzieller Attacken gemacht, schreiben die Nutzer des "BitcoinTalk"-Forums. Ein User klagt: "Der Artikel hat NULL Beweise, dass dieser Typ namens Satoshi Nakamoto der Erfinder der Bitcoins ist. [...] 'Newsweek' wird sich an dieser Geschichte die Finger verbrennen." Ein anderer betont, er werde die Geschichte erst glauben, wenn 'Newsweek' eine belegte Bitcoin-Transaktion von Nakamoto vorlegt." Denn statt eindeutiger Beweise liefert "Newsweek" nur eine Kette von Indizien, die die Enttarnung des Bitcoin-Erfinders stützen sollen.

Der frühere Bitcoin-Entwickler Gavin Andresen bedauert mittlerweile, mit dem Magazin gesprochen zu haben, wie er auf Twitter schreibt. Letztendlich sei es auch egal, ob Nakamoto der Erfinder der Bitcoins sei oder nicht, denn er allein könne keine Änderungen mehr am System vornehmen, da der Code mehrfach umgeschrieben wurde.

Zweifel gibt es auch von einer anderen Seite: Das Techportal "The Verge" meldet, dass sich der mysteriöse Bitcoin-Gründer im Internetforum "P2P Foundation" zu Wort gemeldet und die Newsweek-Story als Fälschung bezeichnet hätte: "Ich bin nicht Dorian Nakamoto", schreibt der verifizierte Account. Dessen Echtheit ist unbestritten: Laut den Forenbetreibern nutzt der Besitzer des Accounts dieselbe Email-Adresse, die bereits vor fünf Jahren während der Entstehung der Bitcoins von dessen Erfinder genutzt wurde.

Es gibt nur zwei Möglichkeiten: Entweder spielt Nakamoto geschickt mit den Medien und verschleiert seine Identität. Oder "Newsweek" hat wirklich einen ahnungslosen Physiker als Erfinder der Bitcoins verkauft.

mit Agenturen

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