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Bürgerjournalismus: Oma Jane, 64, Kriegsbloggerin

Sie ist Großmutter, war vor 40 Jahre "ein Blumenkind" und ist gerade aus dem Irak zurückgekehrt. Dort hat sie in Bagdads Grüner Zone ein Kriegsblog geschrieben. Das Geld für die Reise hat sich Jane Stillwater praktisch vom Munde abgespart.

Jane Stillwater ist sicher eine ungewöhnliche Kriegskorrespondentin. Die Bloggerin ist 64 Jahre alt und nach eigener Aussage ein echtes "Blumenkind" aus Berkeley in Kalifornien, nur "40 Jahre später". Auf den Weg in die so genannte Grüne Zone in Bagdad machte sich die Mutter von vier erwachsenen Kindern praktisch auf eigene Faust, monatelang sparte sie Geld für eine Reise nach Kuwait.

Sie war irgendwie wütend über den Krieg und wollte etwas machen. Stillwater fand schließlich eine kleine Zeitung in Texas, die ihre Akkreditierung bei den US-Truppen unterstützte und konnte an Bord eines Truppentransports mit nach Bagdad fliegen, wo sie nun in dem stark gesicherten Gelände lebt, in dem die irakischen Ministerien und auch die US-Botschaft liegen.

"Ich bin froh, dass ich hier hergekommen bin", erklärte sie telefonisch aus dem Pressezentrum der Koalitionstruppen. "Ich weiß nicht, ob ich nochmal zurückkomme." Die Eintragungen in ihrem Blog beschäftigen sich mit dem alltäglichen Leben in Kriegszeiten, aber auch mit politischen Fragen. So, wenn sie darüber nachdenkt, dass Gewalt mit Gewalt beantwortet wird. "Es ist so, als ob man mit jemandem auf Reise ist", sagt Leon Smith vom "The Lone Star Iconoclast", der texanischen Zeitung, die ihre Akkreditierung unterstützte. "Sie ist ein ganz normaler Mensch. Damit können sich die Leute identifizieren."

Knapp Anschlag entgangen

Für ihre Freunde ist ihr Engagement gar nicht so überraschend. Politisch aktiv war sie schon länger. 2003 ging sie nach Washington, um gegen Präsident George W. Bush zu protestieren. Früher demonstrierte sie gegen den Vietnamkrieg und für die Bürgerrechte in den USA. Bagdad, so sagt, "ist verrückt". Nur mit etwas Glück entging sie dem Bombenanschlag auf die Cafeteria des irakischen Parlaments, in der sie erst tags zuvor zwei weibliche irakische Abgeordnete getroffen und interviewt hatte. Auch am Tag des Anschlags war sie kurz zuvor noch einmal dort, von den Frauen war aber keine da. "Ich denke immer noch, was wäre, wenn sie da gewesen wären?" sagt Stillwater. "Ich hätte mich mit ihnen hingesetzt und wir alle drei wären in die Luft gesprengt worden."

Da habe sie wieder einmal gemerkt, wie gefährlich der Irak ist. "Die Grüne Zone, das ist wie Ostberlin 1955. Außerhalb ist es wie 'Blade Runner'. Die Menschen versuchen ein normales Leben zu leben, aber es gibt Feuergefechte." Als in den Irak kam, war Stillwater für den sofortigen Abzug der US-Truppen. Jetzt ist sie sich da nicht mehr so sicher. "Ich merke, dass das eine sehr komplexe Sache ist", sagt Stillwater. "Leute, hier werden Menschen GETÖTET", schrieb sie in ihrem Blog. "Mit ist EGAL, wer angefangen hat. Mir ist EGAL, wer schuld ist. ICH WILL NUR, DASS ES AUFHÖRT." Die Reaktionen auf ihre Berichte sind geteilt. Entweder man liebt sie, oder man hasst sie. Entweder hält man sie für verrückt, oder man findet das, was sie macht, toll und außergewöhnlich. Ihre Freunde, wie der Stadtrat Kriss Worthington in Berkeley, gehören zu Letzteren. "Ich atme tief durch, wenn sie wieder da ist", sagt Worthington. Das kann er jetzt tun: die Kriegsbloggerin ist vor knapp einer Woche in die USA zurückgekehrt.

Michelle Locke/AP / AP
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